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Gegen Parallelgesellschaft : Islam-Expertin will mehr Förderung liberaler Muslime

  • Aktualisiert am

Susanne Schröter, Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam Bild: Wolfgang Eilmes

Flüchtlingsarbeit durch konservative Verbände kann Parallelgesellschaften fördern, warnt Islam-Forscherin Susanne Schröter. Liberale Muslime könnten eine Antwort dagegen sein.

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          Susanne Schröter, Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Frankfurter Universität, wünscht sich mehr Förderung für liberale Muslime in Deutschland. „Ich halte es beispielsweise für einen Fehler, wenn man konservativen Verbänden die Flüchtlingsarbeit überlässt. Die haben die Flüchtlinge direkt in eine Parallelgesellschaft hineinintegriert“, sagte die Wissenschaftlerin der Deutschen Presse-Agentur. Es sei „eine Entwicklung in die falsche Richtung“, wenn säkulare Einrichtungen für Flüchtlinge, die teilweise von Migranten geführt würden, nicht ähnliche finanzielle Förderung erhielten.

          Am Forschungszentrum, das an diesem Donnerstag sein fünfjähriges Bestehen feiert, steht am Freitag das Thema „Liberale Muslime und die Herausforderung des Islamismus“ im Mittelpunkt einer ganztägigen Veranstaltung.

          „Wir sind ein global aufgestellter Thinktank, mit Mitarbeitern aus den unterschiedlichen Ländern“, sagt Schröter über ihr Team und seine Arbeit. Unter ihren Mitarbeitern sind Politologen, Soziologen, Ethnologen und Islamwissenschaftler, aus Deutschland ebenso wie aus islamisch geprägten Regionen. Ario Seto etwa kommt aus Indonesien, untersucht Islamismus unter anderem auf Java und Borneo. Andere Wissenschaftler befassen sich mit der salafistischen Jugendszene in Deutschland oder beobachten Prozesse gegen Islamisten und IS-Rückkehrer.

          Das Problemfeld Islamismus

          „Wir verknüpfen das Problem Islamismus mit anderen Faktoren und arbeiten da sowohl im außenpolitischen wie auch im innenpolitischen Bereich“, erläutert Schröter. Dabei werden auch die Konsequenzen politischer oder wirtschaftlicher Entscheidungen untersucht, die in Deutschland oder in Europa getroffen werden. „Das Aufkommen des Dschihadismus in Syrien oder auch im Irak ist beispielsweise ganz stark verknüpft mit außenpolitischen Fehlern gerade Großbritanniens oder der USA beim Sturz Saddam Husseins und den Folgen. Wir fragen, wie ein Dschihadismus, der vor diesem Hintergrund entstanden ist, auf Muslime in der westlichen Welt und besonders in Deutschland zurückwirkt? Wie wirkt das auf eine pluralistische Bevölkerung mit muslimischer Minderheit wie in Deutschland? Welche Dynamiken entwickeln sich da? Das ist etwas, was wir untersuchen“, erklärt Schröter.

          Die Politikwissenschaftlerin Bianca Steinhilber etwa hat im Kreis Offenbach Präventionsprojekte wissenschaftlich begleitet. „Das ist natürlich eine der Hotspotszenen in Deutschland“, sagt sie. Zudem untersucht die Nachwuchswissenschaftlerin Dschihadismus und Vorbeugemaßnahmen in Deutschland, aber auch in Frankreich oder Großbritannien.

          Als Forschungsschwerpunkt sei der globale Islam schon vor 2014 ein Thema gewesen, so Schröter. Die Gründung des Forschungszentrum sei dann in die Zeit des Höhepunkts der Rekrutierung junger radikalisierter Muslime für den Kampf im Ausland gefallen. „Da haben wir gesagt, jetzt ist es mal genug, im Elfenbeinturm herumzusitzen - jetzt gehen wir an die Öffentlichkeit“, lächelt Schröter. Die Veranstaltungen würden daher in einer „verständlichen Sprache“ abgehalten - ohne Fußnotenverweise wie sonst bei wissenschaftlichen Vorträgen.

          Kontakt zwischen Wissenschaft und Praxis

          „Wir beraten Lehrer, Polizei, Justiz, wir holen sie aber auch an die Universität und arbeiten hier mit ihnen zusammen“, sagt Schröter, die für das kommende Jahr eine große Veranstaltung zum Thema Islamismus und Schule plant. Der Kontakt zwischen Wissenschaft und Praktikern bringt allerdings auch gewisse Nachteile mit sich - zumindest für die Kontinuität der wissenschaftlichen Arbeit. „Meine Leute werden mir ständig abgeworben“, sagt Schröter. „Ich habe im vergangenen Jahr drei Mitarbeiter an die Polizei verloren.“

          Sie hat Verständnis, wenn sich jemand für einen Beamtenjob auf Lebenszeit außerhalb der Universität entscheidet. Viel zu oft seien die Bedingungen für Doktoranden und andere junge Mitarbeiter prekär, drohe nach dem Auslaufen eines Projekts doch erst mal die Arbeitslosigkeit. „Mein Wunsch wäre, dass wir hier eine stabile Finanzierung bekommen“, sagt sie zur Zukunft des von ihr gegründeten Forschungszentrums. Fest gesichert sei derzeit lediglich die Stelle ihres Büroleiters. Sie wünsche sich eine solide finanzielle Basis mit festen

          Das Thema Dschihadismus und radikaler Islamismus sieht Schröter als weiterhin aktuell an - mit Herausforderungen auch für die Arbeit des Forschungszentrums. „Wir müssten eigentlich viel mehr Manpower haben hier bei uns am Forschungszentrum“, sagte Schröter zur Ausstattung des Zentrums. Dann könne in den Forschungsprojekten „auch langfristig geguckt werden: Was passiert in Südostasien, was passiert in Westafrika, in Ostafrika, in Nordafrika, in der Levante, im Kaukasus und in unterschiedlichen europäischen Ländern?“

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