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Trauma, Ideologie, Terrorangst : Was wird aus den Kindern des IS?

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Kinder von IS-Rückkehrer: Welche Folgen hat die Erfahrung eines Leben im Kampfgebiet bei einer Rückkehr auch nach Hessen? (Symbolbild) Bild: Daniel Pilar

Ihre Väter haben für den „Islamischen Staat“ gekämpft, ihre Mütter haben ihnen eine islamistische Ideologie vermittelt. Ihr Leben verbrachten sie bisher in Kampfgebieten. Der Umgang mit diesen Kindern bereitet den Behörden Kopfzerbrechen.

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          In der Debatte um den Umgang mit IS-Rückkehrern, in der Diskussion, ob in Gefangenschaft geratene deutsche IS-Kämpfer überhaupt wieder in ihrer Heimat aufgenommen werden sollen, geht es auch immer wieder um deren Frauen und Kinder. Was hat die Erfahrung eines Lebens im Kampfgebiet mit ihnen gemacht, wie sehr hat die Ideologie der Terrormiliz sie geprägt, und welche Folgen hat das bei einer Rückkehr auch nach Hessen?

          Die hessischen Behörden gehen von einer „niedrigen zweistelligen Zahl“ von Frauen und Kindern aus, die aus den Kampfgebieten nach Hessen zurückkehren könnten, aber nicht wegen der Beteiligung an Kriegshandlungen ein Fall für die Justiz sind. Bereits jetzt ist am Hessischen Landeskriminalamt (LKA) das Modellprojekt „Rückkehrkoordination“ als zentrale Koordinierungsstelle in Hessen für Rückkehrer eingerichtet.

          „Um traumatisierte Kinder müssen wir uns in einer besonderen Form kümmern“, sagt Innenminister Peter Beuth (CDU) mit Blick auf die Jungen und Mädchen, die entweder als kleine Kinder in die Kampfgebiete gelangt waren oder dort geboren wurden. „Sie haben in einem ideologischen Wahn gelebt und nur Elend und Krieg gesehen“, so Beuth.

          Nie ein anderes Weltbild kennengelernt

          „Im Prinzip müssten alle diese Kinder psychologisch betreut werden“, sagt auch Susanne Schröter, Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Frankfurter Universität. „Zum Teil sind sie traumatisiert, weil sie Gewalt erfahren oder miterlebt haben, zum Teil sind sie selber schon gewalttätig geworden, weil der IS sehr kleine Kinder schon genötigt hat, an Tötungen und Folterungen teilzunehmen.“

          Die Frage ist daher auch, wie stark die Kinder islamistische Ideologien verinnerlicht haben. Denn während sich ihre Eltern als Jugendliche oder Erwachsene radikalisierten, haben sie nie ein anderes Weltbild kennengelernen - ähnlich wie Kinder, die in Sekten oder anderen Familien mit extremistischer Ideologie oder Abschottung von der übrigen Gesellschaft aufgewachsen sind.

          Beratung für besorgte Angehörige

          „Meiner Meinung nach ist noch ungelöst, wie man die Kinder betreut, wie man verhindert, dass diese Kinder weiter radikal bleiben“, sagt Schröter. „Die sind ja mit der Ideologie des IS aufgewachsen, hissen in den Gefangenenlagern die Flagge und schwadronieren vom Islamischen Staat. Was soll denn mit den Kindern passieren, wenn sie zurück kommen?“ Dies gelte umso mehr, wenn sie weiterhin in radikalisierten Familien lebten.

          Die hessischen Polizeibehörden hätten jedenfalls keine Möglichkeit oder Rechtsgrundlage, die Kinder nach der Rückkehr zu beobachten, betont ein LKA-Sprecher. Für die Überprüfung des Umfelds, in dem die Kinder leben, seien die Jugendämter verantwortlich. Sie könnten auch im Rahmen ihrer Betreuung Anzeichen einer anhaltenden Radikalisierung oder sonstige Alarmsignale erkennen. Hinzu kommt als Partner die vom Violence Prevention Network (VPN) getragene Beratungsstelle Hessen. Das VPN berät ausstiegswillige Extremisten, bietet aber auch Beratung für besorgte Angehörige und Deradikalisierungsbegleitung an.

          Deradikalisierungsangebote für Kinder gebe es aber nicht, sagt Cuma Ülger, Projektkoordinator der Beratungsstelle in Frankfurt. „Da sind erst einmal Trauma-Psychologen gefragt“.

          Die hessischen Sicherheitsbehörden stellen sich unabhängig von der strafrechtlichen Verfolgung von IS-Tätern auf einen langen Prozess auch bei den Frauen und Kindern ein: „Eine gelungene Wiedereingliederung ist einzelfallabhängig und kann mehrere Jahre in Anspruch nehmen“, heißt es beim LKA.

          Verfassungsschutzbericht zu IS-Rückkehrern

          Im aktuellen Bericht des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz werden Frauen und Kinder aus Familien, die in IS-Gebiete ausgereist sind, als „potenzielle Gefahr für die öffentliche Sicherheit“ beschrieben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sei davon auszugehen, dass viele von ihnen traumatisiert und „unverändert durch die Ideologie des IS indoktriniert sind“. Die Verfassungsschützer beschäftigten sich daher intensiv „mit der Rückkehrer-Problematik von jihadistischen Frauen und deren Kindern, die sich in Gefangenschaft befinden“, heißt es in dem Bericht für das Jahr 2018. (dpa)

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