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E-Zigaretten : Die neuen Dampfmaschinen

Smart-Smoking: E-Zigarette-Gerätschaften im neuen Philip-Morris-Geschäft in Frankfurt Bild: Marcus Kaufhold

Die Zahl der Raucher geht zurück, Zigarettenhersteller suchen nach Alternativen. Philip Morris verkauft jetzt in Frankfurt Tabak-Erhitzer. Ist das weniger schädlich? Das Verbraucherthema.

          Der verschwitzte Cowboy mit Kippe am wärmenden Lagerfeuer – das war einmal. Die neue Zigaretten-Welt von Philip Morris ist kühl und clean. Der Raucher raucht nicht mehr, er genießt, oder er konsumiert. „Die neue Art Tabak zu genießen“ heißt es etwa auf Plakaten, die zurzeit auch an Litfaßsäulen in Frankfurt zu finden und in der Bildersprache so nüchtern gehalten sind, dass man auch annehmen könnte, hier würde ein Insulin-Pen für Diabetiker beworben und kein neuer Zigaretten-Typ.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Iqos heißt das System, dessen Akzeptanz bei Rauchern der amerikanische Tabakkonzern nach München und Berlin nun auch in Frankfurt in einem eigenen Geschäft testet. Am Salzhaus, dort wo bisher das Fotogeschäft Leica war, hat Philip Morris eine Fläche bezogen, so modern und reduziert eingerichtet, wie man es auch von Apple-Flaggschiffen kennt. Dazu passt die professionelle Freundlichkeit der Mitarbeiter.

          Die Zahl der Raucher sinkt

          Das, was sie verkaufen, ist, wenn man so will, ein Zwischending zwischen herkömmlicher und elektronischer Zigarette, weshalb auch schon einmal von Hyprid-Zigarette zu lesen ist. Wie bei der E-Zigarette braucht der Konsument einen Halter und ein Ladegerät. Bei Iqos kommt ein etwa fünf Zentimeter langer Tabak-Stift mit Filter in das Gerät und kein Tank mit Flüssigkeit wie bei E-Zigaretten üblich. Der stark komprimierte Tabak wird auf Knopfdruck erhitzt – und nicht verbrannt. Im Vergleich zum Nikotinverdampfer kommt Iqos von Geschmack und Mundgefühl der klassischen Zigarette näher als die Liquid-Geräte. Der Rauch riecht aber weniger als bei der Zigarette. Eine Packung mit 20 Sticks kostet sechs Euro, das Gerät dazu 65 Euro.

          Einen Paradigmenwechsel hat Philip Morris mit seinem neuen Produkt angekündigt. Andere Konzerne basteln ebenfalls eifrig an neuen Lösungen. Noch verdienen sie gutes Geld, aber die Zahl der Raucher in westlichen Ländern sinkt, im Gegensatz dazu wächst der Markt für E-Zigaretten. Bereits zwei Millionen Raucher sind in Deutschland umgestiegen. Jeder fünfte Raucher probiert nach einer Umfrage des Deutschen Krebsforschungszentrums die E-Zigarette aus.

          Noch laufen die Studien zur Schädlichkeit

          „Im Moment versucht jeder, sein Produkt auf dem Markt zu plazieren“, sagt ein Tabakhändler an der Berger Straße in Frankfurt. Er merke den Rückgang auch im Laden. Deshalb habe er inzwischen auch drei elektrische Dampfgeräte deutscher Hersteller und Liquids im Programm. „Man muss ja versuchen, die Verluste zu kompensieren.“ Auch Philip Morris will Iqos über Shop-in-Shop-Lösungen bei Tabakhändlern vertreiben. In der neuen Filiale gibt es Schulungsräume für Händler.

          Die Iqos-Zigarette soll, wie in Medienberichten zu lesen ist, risikoärmer sein als die klassische Zigarette, aber gefährlicher als das Verdampfen von Flüssigkeit. Wer in der Filiale Fragen zu möglichen gesundheitlichen Vorteilen stellt, wird an eine Hotline verwiesen und dort wiederum auf laufende Studien. Die Mitarbeiter wirken unsicher und nervös. Man möchte bei Philip Morris offenbar keine Fehler machen und deutsche Behörden verärgern. Nach den neuen, deutlich strengeren Regeln für Tabak- und verwandte Erzeugnisse müssen auch E-Zigaretten-Hersteller jetzt Warnungen wie „Rauchen kann tödlich sein“ auf ihre Verpackung drucken. Auf offizielle Anfrage im Unternehmen heißt es, man müsse klar sagen: Iqos sei eine Alternative für Erwachsene und nicht unschädlich. Es mache süchtig und sei auch nicht für Leute geeignet, die mit dem Rauchen aufhören wollten.

          Der Stand der Forschung zu E-Zigaretten

          In genau dieser Gruppe hat die E-Zigarette mit Liquid-Verdampfer inzwischen viele Fans. „Glücklicher Nichtraucher dank des Umstiegs aufs Dampfen“ heißt es etwa in Internet-Kommentaren von Seiten ehemaliger Kettenraucher. Ob und wie die neuen Verdampfer die gesundheitlichen Risiken minimieren – darüber gehen die Meinungen unter Wissenschaftlern allerdings auseinander.

          Als sicher gilt, dass mit einer klassischen Zigarette deutlich mehr Stoffe (unter anderen Teer, Kohlenmonoxid, Ammoniak, Benzol) in den Körper gelangen als über das Einatmen einer nikotinhaltigen Flüssigkeit. Das Bundesinstitut für Risikobewertung stuft in einer Bewertung aber sowohl nikotinhaltige als auch nikotinfreie elektronische Zigaretten als „keine unschädlichen Erzeugnisse“ ein. Gesundheitliche Risiken ergeben sich danach durch das Einatmen eines Dampfes, der – unabhängig vom Nikotin – gesundheitsschädliche Substanzen enthalte.

          Die Stiftung Warentest stellte im vergangenen Jahr nach Auswertung diverser Studien fest: „Nach jetzigem Forschungsstand schadet Dampfen weniger als Rauchen.“ Allerdings fehlten Langzeitstudien, etwa auch dazu wie sich das Verdampfen von Propylenglykol – die Flüssigkeit macht neben Glyzerin, Nikotin und Aromen den Löwenanteil der E-Zigaretten-Liquids aus – auf den Körper auswirkten. „Darüber ist noch zu wenig bekannt“, sagt auch Thomas Wagner, Leiter der Lungenfachabteilung an der Universitätsklinik Frankfurt. Die neuen Dampfmaschinen, die jetzt auf den Markt kommen, dürften die Diskussion weiter anheizen.

          Starke Lobby, neue Regeln für Schockfotos

          An Warnhinweise auf Zigarettenverpackungen wie „Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit“ sind Raucher schon länger gewöhnt. Zusätzlich sollen ihnen fortan sogenannte Schockfotos - etwa Bilder mit faulenden Raucherbeinen - den Appetit auf Nikotin verderben. So will es die neue EU-Tabakverordnung, die seit 20. Mai auch in Deutschland gilt. Nach den deutschen Regeln müssen 65 Prozent einer Zigarettenpackung mit den Schockfotos bedeckt sein, in anderen Ländern sogar 75 Prozent. Die Industrie hat gut vorproduziert, da sie die alten Verpackungen noch ein Jahr lang weiter verkaufen darf. Werbeverbot: Wie stark die Tabak-Lobby in Deutschland ist, zeigt der Hickhack um das Werbeverbot. Ein bereits vom Kabinett verabschiedeter Gesetzentwurf, wonach Zigarettenwerbung auf Plakaten und Litfaßsäulen sowie im Kino bei Filmen unter 18 Jahren künftig nicht mehr erlaubt sein soll, wurde wegen Widerstand aus der Unionsfraktion vor der Sommerpause nicht mehr im Bundestag behandelt. Im Radio und im Fernsehen ist Tabakwerbung schon seit den siebziger Jahren verboten, in gedruckten Medien und im Internet seit zehn Jahren. E-Zigarette: Auch für die Hersteller elektronischer Zigaretten, die Nikotin verdampfen, gelten seit Mai die Pflichten traditioneller Hersteller, allerdings müssen sie keine Schockfotos drucken. Die Abgabe an Minderjährige ist seit 1. April verboten. (hoff.)

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