https://www.faz.net/-gzg-78ifc

Ionenstrahl-Therapie : In Heidelberg ein Erfolg, in Marburg ein Millionengrab

Vorbild Heidelberg: der Bestrahlungsraum im Ionenstrahl-Therapiezentrum Bild: dapd

Während in Heidelberg erfolgreich Tumorpatienten behandelt werden, steht die 100 Millionen Euro teure Partikeltherapieanlage in Marburg sinnlos herum. Nun sollen es die Heidelberger Physiker auch in Hessen richten.

          In Marburg werden Puppen in die 107 Millionen Euro teure Partikeltherapieanlage geschoben. In die Heidelberger Anlage dagegen echte Patienten mit einem Tumor. Während die Erfolgsquote beim Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum eine Marke von 90 Prozent erreicht hat, wie dessen Ärztlicher Direktor Jürgen Debus jetzt im Frankfurt Institute for Advanced Studies (Fias) berichtete, liegt sie bei der Anlage des Uni-Klinikums Gießen und Marburg bei null.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Sommer 2011 hat der Klinikbetreiber Rhön AG die Marburger Anlage an deren Erbauer Siemens zurückverkauft. Nun werden dort nicht wie in Heidelberg Tumoren im Hirn oder an der Prostata mit Ionenkernen beschossen, sondern es wird an Dummys eine Technologie ausprobiert, aus welcher der Münchner Konzern lieber heute als morgen aussteigen möchte. Im Konzernvorstand ist beschlossen worden, die Marburger Anlage abzubauen. An einem entsprechenden Antrag an die Behörden wird nach Informationen dieser Zeitung derzeit gearbeitet.

          „Der Transfer war miserabel“

          Im Heidelberger Ionenstrahl-Zentrum sind seit dem ersten Einsatz des dortigen Teilchenbeschleunigers 1400 Patienten therapiert worden. Im vergangenen Jahr wurden laut Debus etwa 600 Kranke behandelt. Bald solle die Zahl der Behandlungen auf jährlich 1000 gesteigert werden. In Marburg hätte Siemens vorerst nur etwa 300 Patienten bewältigen können. Um eine schwarze Null zu schreiben, hätte die Rhön AG aber 1200 Patienten im Jahr behandeln müssen. Weil ein Betrieb unter diesen Bedingungen unwirtschaftlich erschien, zog der Krankenhaus-Konzern die Notbremse und gab die Anlage an Siemens zurück.

          Warum funktioniert die Anlage in Heidelberg, und warum bringt jene in Marburg nicht die erwartete Leistung? Eine mögliche Antwort hat im Fias der Biophysiker Gerhard Kraft gegeben: „Der Transfer von der Wissenschaft zur Industrie war miserabel.“ Will heißen: Siemens bewältigt die Technologie - zum Beispiel die IT-Technik - nicht optimal. Kraft sollte es wissen, denn er hat bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt die Ionenstrahl-Therapie entwickelt. Deren Vorteil besteht gegenüber der üblichen Röntgenbestrahlung darin, dass der Ionenstrahl auf seinem Weg zur Krebsgeschwulst kaum Zerstörungen des Gewebes anrichtet, sondern seine Energie erst am Zielpunkt abgibt und damit nur den Tumor zerstört. Es waren die erfahrenen Physiker der GSI, welche die Beschleunigeranlage an der Uni-Klinik in Heidelberg weitgehend gebaut haben. Diese Anlage arbeitet nach Angaben von Debus hoch zuverlässig, ihre Verfügbarkeit liege bei 99 Prozent. Wie die Marburger Anlage hat auch sie ungefähr 100 Millionen Euro gekostet. Die jährlichen Betriebskosten liegen Debus zufolge bei 15 bis 25 Millionen. Die Behandlung eines Patienten koste im Normalfall 25 000 bis 30 000 Euro. Weil in seiner Anlage auch Forschung betrieben werde und man dafür Förderung bekomme, lägen in Heidelberg die Kosten pro Patient bei etwa 20 000 Euro.

          Hat Siemens das wirtschaftliche Interesse verloren?

          Anfangs wurden mit der IonenstrahlTherapie vor allem Tumoren im Kopf behandelt. Nun arbeite man sich herunter zu anderen Körperteilen, sagte Debus. Sogar bei sich bewegenden Organen wie der Leber habe man schon Erfolge erzielt. Jetzt würden die ersten Patienten mit Lungentumoren behandelt. Die Ionenstrahl-Behandlung sei eine wichtige Option in der Onkologie. „Sie wird sich durchsetzen“, prophezeite der Strahlentherapeut.

          In Marburg hingegen waren nicht GSI-Physiker, sondern Siemens-Physiker und -Techniker am Werk. Mag sein, dass dem Konzern die Erfahrung und die Strukturen fehlen, um die komplizierte Technik meisterhaft zu beherrschen und die Anlage, die im Prinzip funktioniert und patientenbereit ist, zu optimieren. Vielleicht hat Siemens aber auch das wirtschaftliche Interesse an Ionenstrahl-Anlagen verloren. Denn mit dieser Spitzentechnologie made in Germany kann man offenbar nicht die großen Gewinne erzielen, die man erhofft hatte. Debus plädierte im Frankfurter Fias übrigens dafür, solche Anlagen gemeinsam von allen Krankenkassen errichten zu lassen. Wenn sie wie in Marburg von einem Krankenhausbetreiber erbaut würden, gingen einfach nur Krankenkassenbeiträge als Rendite an Aktionäre.

          Sinnlose 100-Millionen-Anlage aus öffentlichen Mitteln bezahlt

          Die 100-Millionen-Anlage, die nun sinnlos in Marburg herumsteht, ist im Prinzip aus öffentlichen Mitteln bezahlt worden. Denn das Land Hessen gewährte der Rhön AG beim Kauf des Klinikums einen Nachlass dafür, dass der Krankenhauskonzern sich zur Einrichtung einer Ionenstrahl-Anlage verpflichtete. Nun sollen die Heidelberger es richten. Das Wissenschaftsministerium möchte die ehemaligen GSI-Physiker um Thomas Haberer, welche die Heidelberger Ionentherapie-Anlage betreiben, dafür gewinnen, die Marburger Anlage in Schuss zu bringen. Die entscheidende Frage lautet dabei, ob Siemens das überhaupt erlaubt und eine Garantie für den Beschleuniger abgibt.

          Weitere Themen

          Swing Heil

          Jazz-Musiker Emil Mangelsdorff : Swing Heil

          Mit ihrer Liebe zum Jazz rebellierte die Swing-Jugend gegen die Unfreiheit der Nazi-Diktatur. Emil Mangelsdorff war einer von ihnen. In einem Gesprächskonzert berichtet er von der damaligen Zeit.

          EKG für unterwegs Video-Seite öffnen

          Infarkt oder nicht? : EKG für unterwegs

          Eine App fürs Handy und ein Kabel mit Elektroden - Cardiosecur hat ein mobiles EKG entwickelt. Gründer und Geschäftsführer Markus Riemenschneider erklärt im Video, wie das Ganze funktioniert.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.