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Investitionsbremse Strompreis : Louisiana statt Wiesbaden

Großräumig: Produktionshallen der Chemieindustrie im Industriepark Kalle-Albert in Wiesbaden Bild: SE Tylose

In Klebern, Zahnpasta und Farben findet sich wieder, was SE Tylose in Wiesbaden herstellt. Eine neue Fabrik baut die Firma in Amerika - dort ist Strom billiger als hier. Auch andere Betriebe überlegen deshalb, wo sie investieren.

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          Wenn Diethart Reichel aus seinem Büro schaut, blickt er auf eine Reihe von Streifen in Türkis und Blau. Sie zieren die Produktionsgebäude im Industriepark Kalle-Albert in Wiesbaden, in denen das von Reichel geführte Unternehmen SE Tylose seit Jahrzehnten wasserlösliche Chemikalien für Waren des Alltags herstellt - aus Zellstoff. Vor nicht allzu langer Zeit sah es noch so aus, als käme bald ein Neubau mit blauen und türkisfarbenen Streifen hinzu. Schließlich will das Unternehmen künftig mehr produzieren. An diesem Plan hält es auch fest. Wenn Reichel aber die neue Fabrik sehen will, muss er nach Louisiana im Süden der Vereinigten Staaten von Amerika fahren. Wiesbaden geht leer aus.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im neuen Werk wird es so ablaufen wie in der hessischen Landeshauptstadt: Die Firma zerkleinert den Rohstoff in großen Mühlen zu Pulver, das danach einen chemischen Prozess durchläuft. In dessen Verlauf wird die Masse per Dampf erhitzt und gekühlt, bevor sie gewaschen, destilliert und abermals gemahlen wird. SE Tylose braucht dazu viel Gas und Strom, wie Reichel und sein Produktionsleiter Stefan Stocker erläutern. Strom macht etwa ein Drittel des Energiebedarfs der Firma aus - damit ließe sich eine Kleinstadt versorgen: „Wir haben 2014 in etwa so viel Strom wie 55.000 Haushalte benötigt.“

          Unvorteilhafter Vergleich mit Amerika

          Angesichts dessen verfolgen Reichel und Stocker genau die Energiepolitik in Deutschland und die Strompreiskurven hierzulande. Und weil SE Tylose längst nicht nur in Deutschland ihre Kunden hat, haben beide auch die Strompreise im Ausland im Blick, mit denen Mitbewerber rechnen. Der Vergleich fällt seit Jahren schon wenig schmeichelhaft für Hessen und Deutschland aus. Ob China oder Frankreich, Großbritannien oder Polen, Spanien oder Holland: überall ist Industriestrom billiger (siehe Grafik).

          Das wissen auch Hartmut Böse, Geschäftsführer von Messer Industriegase aus Bad Boden, und Michael Trapp, der das Kunststoffwerk Sattler in Mühlheim leitet, genau. Denn auch ihre Betreibe leiden unter den hohen Strompreisen, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Messer erwägt den Bau einer weiteren Luftzerlegungsanlage zur Produktion von Sauerstoff, Stickstoff und des zum Schweißen benötigten Edelgases Argon. Messer zieht wegen der dort günstigeren Strompreise einen Neubau in Frankreich in Betracht. Dies gilt, obwohl das Unternehmen von der kostentreibenden EEG-Umlage von 6,17 Cent je Kilowattstunde weitgehend befreit ist, mit denen die Stromverbraucher den Ausbau der erneuerbaren Energie aus Sonne, Wind und Biomasse fördern.

          Ganz besonders unvorteilhaft fällt aus heimischer Sicht der Vergleich mit den Vereinigten Staaten aus, in denen die Energiepreise infolge der Erdgas- und Ölförderung per Fracking, bei dem die Rohstoffe mit einem Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien aus der Erde gepresst werden, stark gefallen sind.

          Dieser Standortvorteil von Amerika ist auch SE Tylose bewusst. Umgekehrt erwächst daraus ein Minuspunkt für ihre Heimatbasis, obwohl das Unternehmen anders als die meisten Firmen nur einen Bruchteil der EEG-Umlage zahlen muss. Trotz dieser Erleichterung zahlt der Anbieter sieben Cent je Kilowattstunde - doppelt so viel wie in Amerika, wie es heißt. Vor diesem Hintergrund sagt Stocker: „Die Strompreise hier sind so nicht wettbewerbsfähig.“

          Hinzu komme ein Mangel an Planungssicherheit, zumal die Strompolitik im Zweifel von der Farbe des Parteibuchs abhänge und auch die Europäische Union mitrede. Nicht zuletzt sei es sinnvoll, auch im Dollar-Raum zu produzieren, um Wechselkursrisiken zu senken.

          Deshalb hat die Konzernmutter von SE Tylose GmbH & Co. KG, Shin Etsu in Japan, entschieden, von einem Neubau im Industriepark Kalle-Albert abzusehen. Das hat nicht nur symbolische Kraft - der erste Betrieb, der Cellulose für Tapetenkleister, Kleber oder auch Zahnpasta verarbeitet, wurde schon 1935 in Wiesbaden in Betrieb genommen, damals noch unter der Regie der Kalle AG. Indem Shin-Etsu in Amerika baut, entgeht Wiesbaden eine Investition in Höhe einer niedrigen dreistelligen Millionensumme, von der auch Mittelständler aus der Rhein-Main-Region hätten profitieren können. Reichel sieht nun „das latente Risiko einer schrittweisen Verlagerung ins Ausland“. Und: „Ich habe den Eindruck, dass die Politik dieses Risiko als zu gering einschätzt.“

          Stromkosten seit 2009 verdoppelt

          Michael Trapp von der Sattler Kunststoffwerk GmbH geht noch einen Schritt weiter. Wirtschaftsminister Tarek AlWazir (Die Grünen) blende das Problem der Stromkosten aus. Diesen Eindruck habe er in Gesprächen gewonnen. Trapp hat auch schon Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) seine Lage geschildert. Er hat ihn wissen lassen, dass der 22 Mitarbeiter zählende Betrieb in Mühlheim 1780 Tonnen Kunststoffgranulat im Jahr herstelle - und dass die Stromkosten seit 2009 von 86 700 Euro im Jahr auf zuletzt 176.000 Euro gestiegen seien.

          Der Anstieg liege vor allem an der EEG-Umlage, die Sattler voll zahlen müsse. Der Betrieb sei schlicht zu klein, um von der Umlage befreit zu werden. Das sei eine systematische Benachteiligung, hebt Trapp hervor. EEG-Umlage und Stromsteuer machten ein Drittel des jährlichen Investitionsbudgets aus. Auf zehn Jahre gerechnet, fehlten Sattler 750 000 Euro für Investitionen. Wie Sattler geht es vielen Kunststoffverarbeitern, wie der Geschäftsführer des Branchenverbands Tecpart, Michael Weigelt, sagt. Und die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) schimpft. „Die staatlich verursachte Verteuerung der Strompreise ist eine Investitionsbremse“, sagt Peter Bartholomäus, Vorsitzender des VhU-Energieausschusses. Er weiß, wovon er spricht: Bartholomäus leitet den Wiesbadener Industriepark-Betreiber Infraserv - und würde gerne über einen Neubau von SE Tylose am Rhein berichten.

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