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Invasive Tierarten : Die Bienenfresser kommen

Fremd, aber willkommen: drei Bienenfresser Bild: dpa

Wegen des Klimawandels wandern neue Tierarten nach Deutschland ein. Doch längst nicht alle sind Schädlinge. Experten raten von Bekämpfung ab.

          3 Min.

          Auch die zugewanderten Insekten haben Winterpause. Derzeit gibt es keine Spur mehr von den in diesem trockenen und heißen Sommer im Frankfurter Stadtgebiet aufgetauchten exotischen Stechmücken, die Experten nach eingehender Untersuchung als Asiatische Tigermücken identifiziert haben. Die Europäische Gottesanbeterin wiederum, eine bis zu 7,5 Zentimeter große, am Mittelmeer beheimatete Fangschrecke, die 2017 erstmals bis zur Mainlinie vorgedrungen war, ist in diesem Sommer in der Wetterau und im Rheingau zwischen Grashalmen und Staudenpflanzen entdeckt worden. Doch derzeit zeigt sie sich nicht mehr.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Marmorierte Baumwanze kann in diesen Tagen nur der zu Gesicht bekommen, der einen bisher kühlen Raum plötzlich heizt, etwa weil Übernachtungsgäste kommen. Dann lässt sich auch schon mal eines dieser Insekten blicken, die ein stinkendes Sekret absondern können, um Feinde abzuschrecken. In Sommer und Herbst waren die Tiere im Rhein-Main-Gebiet massenhaft zu finden. Inzwischen halten die meisten ihre sechs Beine still, um in einem sicheren Unterschlupf zu überwintern.

          Übertragung von Krankheiten

          Der Wärme liebende Bienenfresser, ein farbenprächtiger Vogel, hat sich schon vor Wochen durch den Rückflug ins afrikanische Winterquartier vor Frost und Schnee in Sicherheit gebracht. Doch wie die Ornithologen feststellen, kehrt er seit einigen Jahren immer wieder in den Norden zurück, wenn es dort warm und trocken ist.

          Wartet in seinem afrikanischen Winterquartier auf die Rückkehr: ein Bienenfresser

          Manche der eingewanderten Tier- und Pflanzenarten werden als Bereicherung angesehen, andere als Schädlinge. So hat das hessische Gesundheitsministerium kürzlich „Informationen zur Asiatischen Tigermücke in Hessen“ herausgegeben und darin beschrieben, was getan werden muss, damit diese Blutsauger sich nicht weiter ausbreiten oder stark vermehren. Die Mücken könnten „unter bestimmten Bedingungen Krankheiten auf den Menschen übertragen“, heißt es.

          Das Gesundheitsministerium verspricht, mit Unterstützung des Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie „das Vorkommen im Blick“ zu behalten und „notwendige Maßnahmen einzuleiten“. Es bittet aber auch die Bevölkerung um Mithilfe. Die Mücken vermehrten sich bevorzugt in kleinen Wasseransammlungen in Gärten und auf Balkonen, etwa in Untersetzern und Gießkannen. Derzeit gehe wegen der niedrigen Temperaturen keine Gefahr von den Blutsaugern aus. Doch spätestens, wenn es wieder wärmer wird, will das Ministerium eine Informationskampagne beginnen. Auch wenn bisher keine der Krankheiten, die die Mücke übertragen kann, „bei uns aufgetreten ist“.

          Ausbreitung der Tigermücke

          Forscher der Senckenberg-Gesellschaft und der Goethe-Universität erwarten, dass sich die Asiatische Tigermücke in Nordeuropa weiter ausbreitet. Sie sehen in dieser Hinsicht Parallelen zur verwandten Gelbfiebermücke, die mittlerweile weltweit fast alle ökologischen Nischen erobert hat. Diese Spezies, so die Forscher, werde aber auch schon seit 300 bis 400 Jahren in andere Gebiete exportiert. Die Tigermücke dagegen breitet sich erst seit 30 bis 40 Jahren aus. Dass sie sich in Hessen wohl fühlt, ist eine Folge des heißen, trockenen Sommers und letztlich des Klimawandels.

          Exotisch: eine weibliche Asiatische Tigermücke

          Die Marmorierte Baumwanze überträgt keine gefährlichen Viren, aber sie bereitet Gartenbauexperten und Obstbauern Sorgen. Anders als die einheimische Grüne Stinkwanze saugt sie nicht nur an Blättern, sondern besonders gern an Früchten, die sich dadurch verfärben und verformen. Das italienische Landwirtschafts-Forschungsinstitut gibt an, dass 2016 rund 40 Prozent der italienischen Kiwi- und Birnenernte durch diese Insekten vernichtet worden sei. In Asien, wo die Marmorierte Baumwanze herstammt, gilt sie ohnehin als Schädling.

          „Faszinierende Bereicherung“

          Fachleute wie der Biologe Andreas Malten vom Senckenberg-Forschungsinstitut, der für die Biotopkartierung in Frankfurt mit zuständig ist, sehen das starke Auftreten dieser Art gelassen und raten von der Bekämpfung ab. Diese Wanzenart sei schließlich nicht die einzige, die eingewandert sei. Malten sagt, er habe in diesem Jahr Tausende von Lindenwanzen im Niddapark gesehen. Dort sei diese Spezies zum ersten Mal in Frankfurt aufgetaucht.

          Versteckt vor der Winterkälte: die Marmorierte Baumwanze

          Als „faszinierende Bereicherung der heimischen Artenvielfalt“ bezeichnet das hessische Umweltministerium die Europäische Gottesanbeterin. Sie sehe gefährlich aus, doch nur Insekten und andere Wirbellose müssten sich vor ihr in Acht nehmen. Auch gegen den Bienenfresser, der seit einigen Jahren wieder aus Südeuropa nach Deutschland einwandert, nachdem er in den achtziger Jahren als ausgestorben galt, hat kein Naturschützer etwas einzuwenden.

          Obwohl der Vogel, wie der Name schon sagt, gerne Bienen frisst, deren Existenz eigentlich bedroht ist. Für Christian Geske vom Landesamt für Naturschutz sind Gottesanbeterin und Bienenfresser in jedem Fall Arten, „die wir herzlich willkommen heißen sollten“.

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