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Umgang mit dem Tod : „Lieber Gott, viel Spaß!“

„Elementar ist die Bewältigung der Zäsur“: Tilman Allert über das Ende jedes Gesprächs Bild: Marina Pepaj

Der Tod erschüttert die Menschen nach wie vor, sagt der Frankfurter Soziologe Tilman Allert. Im Interview zum Totensonntag spricht er über zwei Stühle auf dem Friedhof, Humor in Todesanzeigen – und ein letztes Telefonat.

          5 Min.

          Sehen Sie im heutigen Erscheinungsbild von Todesanzeigen den Trend zur Individualisierung „bis zum Letzten“?

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wir sind umgeben von Einzigartigkeitssuggestion, die Plakate sind voll davon: „Du bist schön, Du bist perfekt, Du bist einzigartig.“ Das Beschwören von Besonderheit wird mit dem Allerweltsbegriff der Individualisierung ein wenig abgeschliffen.

          Lässt sich das auch auf das Erscheinungsbild von Todesanzeigen übertragen?

          Ja. Der Tod erschüttert nach wie vor. Immer wieder. Auf ihn eine Antwort zu finden spricht etwas anthropologisch wirksam Werdendes an, das mit der Moderne wenig zu tun hat. Der Tod durchbricht. Er setzt eine Zäsur auf das Sich-immer-wieder-begegnen. Und dieser Zäsur begegnen alle Kulturen durch Kontinuitäts-Versprechen. Von der Grabbeigabe bis hin zu den modernen Todesanzeigen, in denen die Verstorbenen wie in einem Telefonat angesprochen werden – eine grandiose, trostvoll-trotzige Leugnung.

          Das verstärkt sich noch, wenn man die Internet-Trauerplätze hinzunimmt. Auch dort wird ja unterstellt: Wer online noch namentlich existiert, ist nicht ganz tot.

          Ja. Wobei sich Häme hier verbietet. Denn auch dergleichen ist Ausdruck der Verzweiflung. Etwas anderes ist es, wenn der Art Director’s Club zum Tod von Loriot eine riesige Anzeige veröffentlicht mit den Worten „Lieber Gott, viel Spaß!“ Das folgt einem Wunsch nach Selbstdarstellung, in diesem Fall der des Art Director’s Club.

          Verraten Todesanzeigen mehr über den Verstorbenen oder über die Angehörigen?

          Über beide. Jede Anzeige enthält eine Aussage der Angehörigen in ihrem Verhältnis zum Toten. Insofern sagt der Sinngehalt des Textes etwas über eine Relation aus. Stets ist eine Beziehung aufgebrochen worden, und über diese Zäsur wird eine Gemeinschaft informiert. Darin liegt die Logik von Todesanzeigen.

          Welche Folgen kann Humor in Anzeigen haben, zum Beispiel der Satz: „Erst viel Humor, dann viel Tumor“?

          Das klingt nach einer Art Selbstpflege für denjenigen, der eine solche Anzeige schaltet. Man kann jedoch dem Tod nicht mit einer humorvollen Anzeige begegnen. Wenn es geschieht, dann rückt der Text in die Nähe eines zynischen Grußes. Und der Zynismus ist ja wiederum auch eine Reaktion auf die Verzweiflung. Am Wandel der Anzeigen scheint mir bemerkenswert, dass neben dem Bezug auf eine Gemeinschaft – dörfliche, städtische oder höher aggregierte Gemeinschaften – ein zunehmend kleiner Kreis von Betroffenen angesprochen wird. Paradoxerweise erscheint die Anzeige dann wie eine Verabredung. Das hat damit zu tun, dass sich die Zeitgenossen kaum noch in gemeindlichen Bezügen oder gar in nationalgemeinschaftlichen Bezügen erkennen

          Was sagt es über eine Gesellschaft aus, die weitestgehend den Tod ausblendet, wenn Sie den Tod weiterhin vermeldet, aber immer seltener an ein Leben danach glaubt?

          Elementar ist die Bewältigung der Zäsur. Und so wird diese Zäsur nach wie vor vermeldet, auch wenn man nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt. Dann rückt die Anzeige in die Sinnstruktur eines letzten Grußes an den Verstorbenen. Dass man das tut, hat eben mit der Erschütterung zu tun. Die ist nicht aus der Welt zu schaffen. In diesen sehr persönlichen Texten nimmt man den Verstorbenen in die Kontinuitäts-Suggestion mit hinein. Nach dem Motto: „Der ist eigentlich gar nicht tot“. So kann man auch jeden Friedhofsbesuch interpretieren. In Armenien kann man das besonders schön erleben. Da stehen am Grab zwei Stühle, einer für die Verstorbenen und einer für die Angehörigen, und man trinkt einen zusammen. Das ist der beste Beleg für eine suggerierte Kontinuität. Und die tröstet natürlich. Die Erschütterung durch den Tod ist tief, und gerade weil sie tief ist, ist sie auf Trost angewiesen. Dazu passt auch der Blumenstrauß, den man mitbringt auf den Friedhof. Wer Grabpflege macht, sagt damit auch: „Schau mal, was ich Dir für schöne Blumen mitgebracht habe.“ Auf Friedhöfen lässt sich fast immer ein kontinuierliches Gespräch beobachten. Das führt wieder an unseren Einstieg zurück: Die radikale Zäsur ist das unterbrochene Gespräch.

          Wer Todesanzeigen von heute mit denen von vor 20 oder 40 Jahren vergleicht, stellt fest, dass sie viel seltener Kreuze und viel öfter Fotos der Verstorbenen und Symbole zeigen, zum Beispiel eine geknickte Rose oder einen Baum, der gerade seine Blätter verliert. Hat das auch etwas mit der nachlassenden Aufmerksamkeit für Texte zu tun?

          Das glaube ich nicht. Fotos und Symbole sind eher wie ein Augenzwinkern. Man nimmt der Todesanzeige mit dem Bild des Verstorbenen die Schwere. Der guckt einen ja an, und das Foto ist eins aus der Lebenszeit des Verstorbenen.

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