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Interview : Wolfgang Thierse: "Christen sollten die nachdenklicheren Politiker sein"

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Hat Schwierigkeiten mit dem Wort Sozialismus: Wolfgang Thierse Bild: dpa/dpaweb

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ist am Samstag in Frankfurt mit dem Walter-und-Marianne-Dirks-Preis ausgezeichnet worden. Die Ehrung ist mit der sozialethischen Tradition der katholischen Kirche verbunden - Anlaß genug für ein Gespräch mit dem katholischen Sozialdemokraten.

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          Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ist am Samstag in Frankfurt mit dem Walter-und-Marianne-Dirks-Preis ausgezeichnet worden. Die Ehrung ist mit der sozialethischen Tradition der katholischen Kirche verbunden - Anlaß genug für ein Gespräch mit dem katholischen Sozialdemokraten.

          Der katholische Publizist Walter Dirks, der lange Zeit in Frankfurt gewirkt hat, hat einmal gesagt, die Fundamente seiner Arbeit seien "Ehe, Eucharistie und Sozialismus". Dieser Satz hätte auch von Ihnen stammen können, oder?

          Man muß schon sehr altersweise sein, um das in dieser Kürze sagen zu können. So weise bin ich aber noch nicht.

          Aber diese drei Elemente gehören schon zu Ihrem Leben, oder etwa nicht?

          Also, beim Wort "Sozialismus" hätte ich meine Schwierigkeiten, weil er sehr mißverständlich ist. Mit dem Realsozialismus, wie ich ihn in der DDR erlebt habe, will ich nichts mehr zu schaffen haben. Aber wenn mit Sozialismus die Idee einer Gesellschaft gemeint ist, in der man sich um Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit für alle Menschen bemüht, identifiziere ich mich mit dem Begriff nach wie vor. Deswegen halte ich es auch für falsch, wenn einige in der SPD das Wort vom "demokratischen Sozialismus" abschaffen wollen.

          Walter Dirks hat den Begriff des "christlichen Sozialismus" geprägt. Ist das für Sie dasselbe wie der "demokratische Sozialismus" der SPD?

          Eher ja. Er entspricht dem, was man in der Sozialdemokratie als einen Prozeß der Arbeit an dem geschichtlich möglichen Maß an Gerechtigkeit in einer Gesellschaft bezeichnet. Gerade weil der Begriff des Sozialismus aber ambivalent ist, dürfen wir ihn nicht der PDS überlassen, die ihn mißbräuchlich verwendet.

          Wie sehen Sie bei der Schaffung von mehr Gerechtigkeit und Solidarität die Rolle der Kirchen?

          Sie haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, daran mitzuwirken, daß das Bewußtsein für Gerechtigkeit und Solidarität nicht verschwindet. Außerdem müssen sie immer wieder daran erinnern, daß der Mensch mehr ist als die beiden Rollen, in denen er auf dem Markt erscheint: Konsument und Produzent. Der Mensch darf nicht gemessen werden allein an seiner Leistungs- oder Konsumfähigkeit.

          Wie groß aber ist der Einfluß der Kirchen überhaupt noch?

          Natürlich schwindet er. Die Kirchen sind nicht mehr so vernehmbar wie früher. Ich selbst habe Volkskirche nie erlebt, sondern immer nur Minderheitserfahrungen als Christ gemacht. Aber damit kann man umgehen. Das darf einen auf keinen Fall leisetreterisch und feige machen.

          Sie sind Mitglied des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken. Wie sehen Sie die Rolle Ihrer eigenen Kirche?

          Die evangelische Kirche begibt sich öfter in das soziale und politische Handgemenge als die katholische, die etwas mehr bei sich zu bleiben versucht, mehr auf den spirituellen, biblischen und traditionellen Kern ihrer Existenz achtet.

          Liegt das vielleicht auch daran, daß es markante Vertreter eines Linkskatholizismus, wie Dirks einer war, kaum noch gibt?

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