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Einfluss von Unternehmen : „Lobbyismus hat an Schulen keinen Platz“

Lobbyarbeit in der Schule? 16 der 20 umsatzstärksten deutschen Unternehmen produzieren inzwischen Unterrichtsmaterialien. Bild: dpa

Gesponserte Schulfeste, kostenlose Materialien: Haben Unternehmen zu viel Einfluss auf den Unterricht? Tim Engartner sieht den Schonraum Schule gefährdet. Und hat damit den Zorn der Arbeitgeberverbände auf sich gezogen. Ein Interview.

          Ist Lobbyismus böse?

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Manchmal schon, man denke an die Tabaklobby. Grundsätzlich aber ist Lobbyismus integraler Bestandteil einer pluralistischen Gesellschaft. Die Frage ist, wo er stattfinden soll und wo nicht. Im parlamentarischen Umfeld kann er seinen Platz haben, nicht aber an Schulen. Kinder sind Schutzbefohlene. Ich bin da bildungskonservativ: Wollen wir das Humboldtsche Bildungsideal verteidigen, muss der Schonraum Schule vom Staat geschützt werden.

          Welche Formen der Beeinflussung an Schulen kritisieren Sie?

          Das reicht von Schulheften mit Firmenlogos über gesponserte Sportfeste bis hin zu kostenlosen Unterrichtsmaterialien. Immer mehr Mitarbeiter von Firmen kommen in den Unterricht, etwa von der Initiative „My Finance Coach“ oder dem „Geldlehrer“-Verein. Das schadet der Reputation des Lehrerberufs, unterminiert den staatlichen Bildungsauftrag und privilegiert finanzstarke Interessengruppen.

          Ist denn wirklich jede Präsenz von Unternehmen an Schulen schlecht?

          Das sage ich nicht. Betriebspraktika, Betriebserkundungen oder Jobmessen brauchen die Mitwirkung von Unternehmen. Ich habe deshalb selbst schon mit Studierenden die Kölner Ford-Werke, die Zentrale der Deutschen Post und die Frankfurter Börse besucht. Ich bin aber dagegen, dass politisch einseitiges oder werbendes Material von Unternehmen ins Klassenzimmer gelangt.

          Nehmen solche PR-Aktionen Ihrer Wahrnehmung nach dramatisch zu?

          Ja. 16 der 20 umsatzstärksten deutschen Unternehmen produzieren inzwischen Unterrichtsmaterialien. Die Kollegin Eva Matthes hat in einer Studie gezeigt, dass die Zahl kostenloser Unterrichtsmaterialien, die online verfügbar sind, auf eine knappe Million angewachsen ist. An vielen Schulen reichen die Schulbuchetats und Kopierkontingente nicht. Das fördert die Verwendung unentgeltlicher Materialien von Unternehmen.

          Gibt es unabhängige Studien, die zeigen, wie diese Angebote auf Kinder wirken?

          Wir führen an der Goethe-Universität gerade eine Untersuchung dazu durch. Dabei schauen wir, wie sich unterschiedliche Lehrmaterialien - etwa von Attac und der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ - auf die Einstellung von Schülern zu den ökonomischen Größen „Gewinn“ und „Wert“ auswirken. Schon jetzt ist erkennbar, dass es zumindest einen kurzzeitigen Effekt gibt. Ob er länger anhält, muss sich zeigen. Belegt ist, dass man nur ein Viertel des Budgets braucht, um bei Kindern denselben Werbeeffekt zu erzielen wie bei Erwachsenen.

          Sie haben für eine Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung einen Beitrag über Lobbyismus verfasst. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) hat auch wegen dieses Textes gefordert, das gesamte Werk aus dem Verkehr zu ziehen. Sie wirft den Autoren vor, ein „monströses Gesamtbild von intransparenter und eigennütziger Einflussnahme der Wirtschaft auf Politik und Schule“ zu zeichnen.

          Tim Engartner

          Die Kritik entzündet sich an insgesamt drei Beiträgen, maßgeblich auch an der vermeintlichen Einseitigkeit meines Beitrags. Dabei ist schon die Überschrift mit einem Fragezeichen versehen: „Lobbyismus als ,fünfte Gewalt‘ - Hinterzimmerpolitik oder pluralistische Notwendigkeit?“. Anscheinend geht es der BDA um die Tabuisierung eines Phänomens, dessen Existenz niemand leugnen kann. Die Medien berichten doch fortlaufend über Lobbyismus! Und wer sich die Publikation vorurteilsfrei ansieht, stellt fest, dass sie eine der pluralistischsten im Feld der ökonomischen Bildung ist. Einige Autoren arbeiten sogar zu Entrepreneurship Education und haben entsprechende Professuren inne.

          Sie schreiben in der Einleitung Ihres Beitrags, dass sich etwa Kirchen und Nichtregierungsorganisationen mehr um das Gemeinwohl verdient machten als Unternehmensverbände. Ist das nicht für eine Unterrichtshilfe eine zu weit gehende Wertung?

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