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Hertie-Stiftung : „Eine gute Debatte erfordert klassische bürgerliche Tugenden“

Eine Frankfurter Institution: die Hertie-Stiftung Bild: Wolfgang Eilmes

Als Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung will sich Elisabeth Niejahr von der Frankfurter Tradition inspirieren lassen – und nicht nur zu überzeugten Demokraten predigen.

          4 Min.

          Sie haben als Journalistin selbst jahrelang recherchiert und interviewt – wie ist es, jetzt als neue Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung auf der anderen Seite zu stehen?

          Florentine Fritzen
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das ist eine große Veränderung. Ich schätze meine neue Arbeit sehr, weil ich einerseits weiterhin Dinge beschreiben kann, zum Beispiel in unserem Newsletter, und zugleich gestalte und Managementaufgaben wahrnehme. Gerade in Corona-Zeiten müssen Projekte gut begleitet und gesteuert werden. Bei „Jugend debattiert“ beispielsweise wird gerade der Etat verdoppelt. Da ist konzeptionelle Arbeit nötig, etwa bei der Frage: Wie erreichen wir neue Schülergruppen? Welche neuen digitalen Angebote schaffen wir? In meinen ersten Wochen fand ich sehr reizvoll, mit den neuen Kollegen zu definieren, wie wir uns verstehen, wie die Hertie-Stiftung in der Demokratiedebatte etwas einbringen kann, was nicht schon 20 andere machen.

          Was bedeutet das konkret?

          Die Hertie-Stiftung arbeitet in zwei großen Bereichen. Für „Neurowissenschaften“ ist meine Kollegin Astrid Proksch zuständig. Daneben gibt es als gleichberechtigtes Themenfeld „Demokratie stärken“. Unsere Arbeit dort steht unter drei Überschriften: Gutes Regieren, demokratische Öffentlichkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt. Dafür stehen bekannte Initiativen wie die Hertie School of Governance, die Start-Stiftung oder „Jugend debattiert“, womit wir jedes Jahr 200.000 Jugendliche erreichen. Es gibt auch kleinere Projekte wie die Ein-Jahres-Kampagne „Generation Grenzenlos“. Wir unterstützen dabei junge engagierte Menschen mit professionell produzierten Videos, die wir auf Instagram posten.

          Inwiefern stärken Instagram-Videos die Demokratie?

          Wir stärken die Sichtbarkeit dieser Leute. Nächste Woche zeigen wir Sarah Borowitz-Frank, die sich gegen Antisemitismus engagiert. Wir unterliegen einer Aufmerksamkeitsökonomie, und daher wollen wir dazu beitragen, dass Menschen sehen, was sie tut. Das reicht aber nicht, wir haben deshalb einen Jugendbeirat gegründet. Die Hertie-Stiftung hat viele Angebote für junge Menschen, und deshalb wollen wir die unter Zwanzigjährigen aktiver bei der Planung neuer Projekte einbeziehen als bisher.

          Warum muss Demokratie gestärkt werden? Gibt es dafür aktuelle Gründe?

          Die Hertie-Stiftung hat schon 2017 entschieden, das Themenfeld zu einem Schwerpunkt zu machen. Damit war sie ihrer Zeit voraus. Aktuell hat für mich persönlich der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vor einem Jahr eine große Rolle gespielt. Mich beschäftigt es, dass engagierte Politiker bedroht werden. Vielleicht auch, weil ich als Journalistin mitbekommen habe, wie Bundestagsabgeordnete angefeindet werden. Ich glaube, dass Kommunalpolitiker zu wenig Unterstützung und Wertschätzung bekommen.

          Spielt es für Sie eine Rolle, dass die Stiftung in Frankfurt sitzt, einer Stadt mit langer demokratischer Tradition?

          Unbedingt. Die Hertie-Stiftung ist eine Frankfurter Stiftung. Wir fühlen uns vielen Frankfurter Institutionen sehr verbunden, vom Jüdischen Museum über die Goethe-Universität bis zum Städel, um nur einige zu nennen. Wir sitzen aber auch in Berlin. Ich glaube, einer Demokratiestiftung tut die räumliche Nähe zum Politikbetrieb oft gut. Generell ist aber mein Ansatz, dass wir nicht nur in Frankfurt und Berlin sein sollten, sondern im Land unterwegs. Eines meiner Prinzipien ist: Wir machen kein „Preaching to the converted“. Bei vielen Demokratie-Veranstaltungen ist ein großer Teil der Besucher von der Demokratie ohnehin begeistert. Aber ich sehe unsere Rolle eigentlich anders. Wir arbeiten daher an einem Programm für kleinere Städte. Aber auch für Frankfurt haben wir Pläne: Wir planen angesichts der Corona-Pandemie ein Sommer-Camp für Schüler sowie Unterstützung für engagierte Institutionen. Dafür wollen wir einen klar sechsstelligen Betrag bereitstellen – Einzelheiten geben wir in den nächsten Tagen bekannt.

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