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Hertie-Stiftung : „Eine gute Debatte erfordert klassische bürgerliche Tugenden“

Ist Demokratie denn aktuell in Gefahr?

Das glaube ich schon. Als es mit der Corona-Krise losging, habe ich gesagt, dass ich der Berichterstattung nicht traue, wonach das Netz nun vor allem für Solidarität und Zusammenhalt sorgt. Ich habe damals schon an Menschen gedacht, die noch mehr Zeit als vorher vor den Bildschirmen verbringen und damit auch extremistischer Agitation ausgesetzt sind. Immer wieder werden ja scheinbar harmlose Gamer-Plattformen von Extremisten gehijackt. Zuerst gibt es Witze, dann wird zum Handeln motiviert. Es gelingt Extremisten offenbar besser. Ich kann nur warnen, das nicht zu unterschätzen.

Sie sagen, Sie wollen nicht zu den überzeugten Demokraten predigen – wie kriegen Sie denn die anderen?

Das ist schwer. Aber wir haben beispielsweise ein neues Format gestartet, „Beruf: Politik“, bei dem Berufspolitiker über ihre Erfahrungen sprechen. Solche Gespräche wollen wir etwa in Ostdeutschland zusammen mit Co-Working-Spaces anbieten. Da gibt es Angebote für Berliner, die im Sommer mit einem Shuttlebus ins Grüne gebracht werden und dort arbeiten. Die Co-Working-Spaces verbinden sich aber nicht optimal mit ihrer Nachbarschaft. Wir wollen Co-Working-Spaces auch als Veranstaltungsort nutzen und dazu Politiker mitbringen. Und das ist nur eines von vielen Vorhaben.

Wie unterschiedlich erleben Sie die sozialen und vielleicht auch die demokratischen Strukturen im Raum Frankfurt im Vergleich zu Berlin?

Die Denkweise in den Regionen Deutschlands ist sehr verschieden. Frankfurt empfinde ich als Stadt, die viel stärker als Berlin von Banken, Managern, von Wirtschaft geprägt ist und ein selbstbewusstes Bürgertum hat, das sich seiner großen Demokratie-Tradition bewusst ist. Diesen Schatz würde ich gerne für die Hertie-Stiftung nutzen. In Frankfurt gibt es viel weniger Menschen, die mit Politik ihr Geld verdienen, aber eine lebendige politische Kultur. Das rührt auch von den unterschiedlichen Milieus auf engem Raum her, die sich zum Teil aneinander reiben, aber auch befruchten. Das hat Frankfurt schon immer für mich ausgemacht. Die Stadtkultur ist auch davon geprägt, dass die Leute bei aller Unterschiedlichkeit auf vergleichsweise engem Raum zusammen sind.

Warum können sich die Frankfurter glücklich schätzen, dass die Hertie-Stiftung eine Frankfurter Stiftung ist?

Weil wir auf Dauer ein Partner für all jene sein wollen, denen die Demokratie ein Anliegen ist. Ich möchte mich von der Frankfurter Tradition inspirieren lassen. Mir ist beispielsweise wichtig, dass wir eine bürgerliche Stiftung sind. Es gibt viele explizit linke Demokratie-Initiativen, die Demokratie mit Partizipation übersetzen. Wir brauchen aber auch einen realistischen Blick darauf, dass Partizipation kein Selbstzweck ist und manchmal auch Ungleichheit verstärkt, weil sich nicht alle Bildungsmilieus gleichermaßen engagieren. Wir wollen auch mit Menschen zusammenarbeiten, die nicht schon in drei Demokratie-Initiativen engagiert sind, sehr gern auch Vertretern der Wirtschaft.

Was zählt denn, wenn nicht Beteiligung?

Falls Sie darauf abzielen, was „bürgerlich“ für mich bedeutet, lautet die Antwort: Es fängt mit der Tonlage an, mit der Geisteshaltung. Wenn andere sagen: Wir brauchen mehr Streit, dann ist mir wichtig zu sagen: Streithanseln sind für mich Menschen, die auf dem Alexanderplatz andere anschreien und einen Aluhut aufhaben. Eine gute Debatte erfordert klassische bürgerliche Tugenden: Respekt, Zuhören, Höflichkeit, sich an Regeln halten. Und die Erkenntnis, dass Demokratie eben nicht bedeutet: Meine Meinung gilt.

Vom Journalismus zur Stiftung

Vom Journalismus zur Stiftung Elisabeth Niejahr, Jahrgang 1965, arbeitete viele Jahre als Journalistin, zuletzt für die „Wirtschaftswoche“. Zu Beginn des Jahres hat die studierte Volkswirtin die Geschäftsführung des Themenfelds „Demokratie stärken“ bei der Hertie-Stiftung übernommen. Es ist neben der Hirnforschung ein Leitthema der Stiftung, die auf dem Lebenswerk des 1972 verstorbenen Stifters Georg Karg aufbaut, dem Inhaber der Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH. Bis zur Übernahme durch Karstadt in den neunziger Jahren war die Frankfurter Gesellschaft einer der führenden Warenhauskonzerne in Deutschland. Das Stiftungsvermögen beträgt etwa eine Milliarde Euro. Mit einem jährlichen Fördervolumen zwischen 20 und 25 Millionen Euro gehört die Hertie-Stiftung zu den größten privaten Stiftungen Deutschlands. Eines ihrer bekanntesten Projekte ist das Programm „Jugend debattiert“. weth.

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