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FAZ Plus Artikel Katastrophenschutz : „Stromausfall ist unser Worst-Case-Szenario“

  • -Aktualisiert am

Übungssache: Hier erproben Rettungskräfte den Einsatz in der U-Bahnstation Ostbahnhof in Frankfurt. Bild: Hannes Jung

Außer mit Bränden muss sich die Feuerwehr auch zunehmend mit Terror und Katastrophenschutz auseinandersetzen. Der neue Frankfurter Branddirektor im Interview über die Gefahren der Zukunft.

          Seit drei Monaten leiten Sie die Frankfurter Berufsfeuerwehr. Was ist die schwierigste Aufgabe, mit der Sie es derzeit zu tun haben?

          Die größte Herausforderung ist gar nicht so feuerwehrspezifisch, wie man vermuten würde. Wir sind mittendrin im demographischen Wandel und einer starken Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt ausgesetzt. Der Fachkräftemangel macht auch vor der Feuerwehr nicht halt. Zudem befindet sich der öffentliche Dienst in einem prosperierenden wirtschaftlichen Umfeld wie Frankfurt materiell nicht unbedingt in der Pole Position.

           Das heißt?

          Wir müssen neue Kanäle erschließen, um gerade junge Menschen zu erreichen. Ein Beispiel hierfür ist, dass wir seit dem letzten Jahr neben dem klassischen Weg, Personal mit abgeschlossener, meist handwerklicher Berufsausbildung einzustellen und auszubilden, als weitere Säule der Personalgewinnung auch Schulabgänger mit mindestens einem Hauptschulabschluss ausbilden. Diese Ausbildung ist in zwei Abschnitte unterteilt. Sie beginnt mit einer handwerklichen Kompaktausbildung und wird mit einer feuerwehrtechnischen und rettungsdienstlichen Ausbildung fortgeführt. Diese Maßnahme zeigt aber erst im Jahr 2020 Wirkung, wenn uns die ersten fertig ausgebildeten Kräfte aus diesem Ausbildungszweig für den Einsatz auf den Feuer- und Rettungswachen zur Verfügung stehen.

          Am Puls der Zeit: Branddirektor Frank richtet die Berufsfeuerwehr auf künftige Katastrophen aus

          Wenn man sich die Freiwilligen Feuerwehren anschaut, so scheint es dort an Nachwuchs nicht zu mangeln.

          Mit rund 800 aktiven Mitgliedern in der Freiwilligen Feuerwehr steht Frankfurt tatsächlich gut da. Es finden aber natürlich nicht alle Freiwilligen automatisch den Weg in die Berufsfeuerwehr. Mit den physischen Voraussetzungen und einem schriftlichen und psychologischen Testverfahren, dem sich die Kandidaten stellen müssen, liegen wir von den Anforderungen her immer im Grenzbereich zwischen dem, was wir an Mindestanforderungen für den Beruf abverlangen können, und dem, was man in einem Bewerberfeld, das über die Jahre hinweg nicht größer geworden ist, erwarten kann. Wir müssen also andere Werte vermitteln.

          Welche sind das?

          Das ist vor allem die Frage der Sinnstiftung. Bei vielen Menschen kommt irgendwann der Punkt, sich zu fragen, ob das, was man macht, einen erfüllt. Wir haben viel anzubieten. Der Beruf gibt viel zurück. Auch wenn er physisch und mental sehr anstrengend sein kann.

          Welche Rolle spielt das rasante Wachstum der Stadt für die Feuerwehr?

          Eine große. Daran gekoppelt ist die Frage, wie wir in einem urbanen Umfeld, das so schnell wächst wie Frankfurt, auch planerisch Schritt halten können. Das hat Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens. Nehmen wir nur einmal die Verkehrssituation. Mehr Anwohner in der Stadt bedeuten auch andere, zum Teil höhere Risiken, denen wir uns stellen müssen.

          Mit dem Taktischen Feuerwehrkonzept 2020 wurde schon erreicht, dass die Feuerwehr in der Fläche effektiver verteilt ist. Kommt Ihnen das jetzt zugute?

          Das Taktische Feuerwehrkonzept wurde ja zunächst einmal unabhängig von der Einwohnerzahl entwickelt. Es sollte gewährleisten, an jedem bebauten Punkt im Stadtgebiet innerhalb einer bestimmten Zeit präsent zu sein. Das haben wir nun weitgehend erreicht. Was zum Zeitpunkt der Planung aber noch nicht vorhersehbar war, ist, wie rasant die Stadt tatsächlich wächst und vor allem, wo sie wächst. Die Innenstadt war keine große Überraschung, Gebiete wie der Riedberg schon eher. Das hat dann natürlich Konsequenzen für unsere weitere Planung.

          Demographischer Wandel: Der Berufsfeuerwehr fehlt es an Fachkräften.

          Welche Gebäude machen Ihnen am meisten Sorge in der Stadt? Die Hochhäuser oder das klassische fünfgeschossige Wohnhaus im Nordend?

          Die Hochhäuser sind nach dem Brand im Grenfell Tower natürlich auch hier in den Fokus gerückt. Wie sind gerade noch dabei, in einer Arbeitsgruppe unter Federführung der Bauaufsicht alle Hochhäuser zu überprüfen. Aber das ist nicht unsere größte Sorge. Viel mehr Augenmerk legen wir auf Gebäude, die von außen gar nicht besonders kritisch erscheinen. Das sind vor allem Gebäude mit Bestandsschutz, in denen es beispielsweise noch immer den hölzernen Treppenraum gibt und bei denen wir oft gar nicht wissen, wie sie überhaupt belegt sind. Die offiziell gemeldeten Personen sind das eine, wie viele dann tatsächlich dort zu finden sind, das andere. Das wissen wir oft nicht. Es gibt oft Dachböden, die als Schlafstätte genutzt werden, dafür aber gar nicht genehmigt wurden. Da hat jeder Einsatzleiter ein ungutes Gefühl.

          Nach dem Brand im Grenfell Tower haben sich viele Menschen gefragt: Was mache ich, wenn es bei mir brennt? Was raten Sie?

          Eine generelle Verhaltensregel herauszugeben, die alle Eventualitäten abdeckt, ist schwierig. Ein gesunder Menschenverstand ist der beste Indikator. Schwierig wird es dann, wenn Menschen in Panik geraten. Dann hat man diesen inneren Kompass verloren, und Risiken werden falsch eingeschätzt. Ein verrauchter Treppenraum ist immer ein Problem, in das man nicht sehenden Auges hineinrennen sollte, wenn man nicht unmittelbar in seiner Wohnung der Gefahr ausgesetzt ist, zu ersticken. Wichtig ist, sich frühzeitig bemerkbar zu machen, sobald die Einsatzkräfte eintreffen, damit man wahrgenommen wird. Aber eine Pauschalregel für alle denkbaren Fallkonstellationen gibt es nicht.

          Sie sind als Feuerwehr inzwischen nicht nur bei Bränden gefordert. In Köln wurde jüngst ein Islamist festgenommen, der offenbar einen Anschlag mit Rizin vorbereitet hat. Wie sehr beschäftigt Sie das Thema Terror?

          Wir erfuhren vor vielen Jahren von einem angekündigten, Gott sei Dank nie durchgeführten Anschlag mit Sarin. Das war für uns der Auftakt, uns noch stärker als ohnehin auf solche Szenarien einzustellen. Der Streukreis innerhalb kurzer Zeit ist bei biochemischen Agenzien die größte Gefahr. Manche Stoffe riechen und schmecken Sie nicht. Sie merken die Auswirkungen erst, wenn es zu spät ist. Das stellt uns vor extreme Herausforderungen.

          Gibt es schon hinreichend Konzepte für derartige Anschläge?

          Wir haben eine Organisationseinheit, die sich mit solchen Szenarien befasst. Aber wir sind an dieser Stelle realistisch genug, um zu wissen, dass Perfidie an dieser Stelle keine Grenzen kennt. Bei den bisherigen Anschlagsszenarien hat man es in der Regel mit einer überschaubaren Dimension zu tun. Selbst bei multiplen Anschlägen wie damals in Madrid oder London ist der Kreis der Opfer und auch die Anzahl an Einsatzstellen begrenzt. Bei biochemischen Anschlägen aber ist vor allem die Ausbreitung einer Kontamination zu bewältigen. Da gilt es, in kürzester Zeit der Situation Herr zu werden.

          Neben Brandbekämpfung wird die Feuerwehr auch für den Fall eines möglichen Terroranschlags geschult.

          Daran knüpft sich die Frage nach dem richtigen Alarmsystem. Die Polizei setzt inzwischen auf Katwarn, die Feuerwehr hat es getestet und lehnt es ab. Was ist das passende Mittel?

          Wir sind aktuell in einem Beschaffungsprozess. Wir werden einer von landesweit drei Standorten sein, die ein modulares Warnsystem unter dem Namen MoWaS hier in der Leitstelle implementieren werden. Dahinter steckt kein Privatunternehmen wie bei Katwarn, sondern es handelt sich um eine hoheitlich ausgebrachte Lösung. Damit können wir alle möglichen Alarm- und Informationskanäle ansprechen. Die gängigen Katastrophen-Warn-Apps hängen dann, sofern es eine technische Schnittstelle gibt, mit dran. Man hat über dieses System auch Zugang zu den Rundfunkstationen und kann Sirenen ansteuern, um die Bevölkerung zügig zu warnen.

          Wann werden die ersten Sirenen außerhalb des Industrieparks wieder aufgestellt?

          Das ist ein mehrjähriger Prozess, der politisch ja erst einmal entschieden werden musste. Man hat letztlich wieder die Notwendigkeit gesehen, das gesamte Stadtgebiet mit Sirenen nachzurüsten. Der Vorteil ist: Damit können alle Bürger gleichermaßen erreicht werden. Man ist nicht abhängig vom Mobilfunknetz.

          Wo wir gerade beim Thema Katastrophen sind: Wie steht es um die Gefahr eines Stromausfalls?

          Das ist unser internes Worst-Case-Szenario. Ein Stromausfall hat viele Facetten. Das Szenario, dem wir uns planerisch gestellt haben, ist ein dreitägiger Stromausfall über ein verlängertes Wochenende bei tiefkalten Temperaturen. Da haben wir die ganze Kaskade untersuchen lassen, auch in Form von Bachelor- und Masterarbeiten. Die Hauptfrage ist: Was kommt in welcher Reihenfolge und Intensität auf uns zu? Die ersten Aufzüge, die steckenbleiben. Die ersten Beatmungsgeräte bei ambulanten Pflegepatienten, die nicht mehr funktionieren, und so weiter. Man landet über kurz oder lang schnell an dem Punkt, an dem man sich fragt: Wo bekomme ich Treibstoff her? Im Zuge dieses Prozesses haben wir alle Standorte der Freiwilligen Feuerwehr eingebunden im Hinblick auf Notstromversorgung. Wenn alles andere nicht mehr funktioniert, die Leute keine Informationen mehr bekommen, ihre Handys nicht mehr aufladen können, dann sind diese Stationen Anlaufstellen. Auch, um im Bedarfsfall mit Nahrung und Getränken versorgt zu werden. Ein mehrtägiger Stromausfall wäre nicht nur eine Herausforderung für uns als Behörde, sondern auch für die Gesellschaft.

          Ein Phänomen, das auf erschreckende Weise an der Gesellschaft zweifeln lässt, sind die zunehmenden Übergriffe auf Rettungskräfte. Wie gehen Sie damit um?

          Es gibt dafür leider kein Patentrezept. Wir sehen die Angriffe mit zunehmender Sorge. Das beschäftigt uns. Es gibt mittlerweile eine eigene Fachgruppe bei der Feuerwehr, die sich diesem Thema widmet und die sich anschaut, welche Empfehlungen es bundesweit dazu gibt. Die einen raten dazu, auf Schutzmaßnahmen zu verzichten, um nicht weiter zu provozieren, andere raten genau das Gegenteil und rüsten sich aus mit hieb- und stichfesten Westen und Pfefferspray. Wir gehen im Moment eher den Weg der Deeskalation. Zudem finden Schulungen statt. Aber das kann natürlich nicht das Ende der Fahnenstange sein.

          Vom Forstwirt zum Branddirektor

          Karl-Heinz Frank ist seit dem 1. April neuer Chef der Frankfurter Berufsfeuerwehr. Er wurde 1966 in Landshut geboren und studierte zunächst Forstwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bevor er eine Ausbildung für den höheren feuerwehrtechnischen Dienst als Brandreferendar bei der Feuerwehr Stuttgart begann. Nach Frankfurt kam er 1995. Er leitete zunächst in der Branddirektion die Abteilungen für Ausbildung und Umweltschutz sowie vorbeugenden und abwehrenden Brandschutz. Im Jahr 2002 wurde er zum Leiter der Abteilung Einsatz und Ausbildung und schließlich auch zum stellvertretenden Leiter der Frankfurter Branddirektion. Anschließend war er in der Behörde zuständig für die Gefahrenabwehr und leitete diesen Bereich bis zu seiner Ernennung zum neuen Direktor der Branddirektion. Der Einundfünfzigjährige ist Mitglied des Katastrophenerkundungs- und Koordinierungsteams der Vereinten Nationen und der Europäischen Union. Im November 2015 leitete er zudem die damals eingerichtete Stabsstelle für Flüchtlinge. (isk.)

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