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Erkenne die Lage

9.März 2020 · Am Internationalen Frauentag sprechen sieben Vertreterinnen der hessischen Kulturszene, von der Lektorin bis zur Dirigentin, über den Stand der Dinge.


- Viola Beuscher -
Es tut sich gerade wirklich was

„Töpfern ist für die allermeisten noch immer ein Frauending“, sagt Viola Beuscher. Mit ihren minimalistischen Keramiken ist die Achtundzwanzigjährige erfolgreich. Im Frankfurter Bahnhofsviertel betreibt sie eine Werkstatt, Läden wie das vegetarische Sterne-Restaurant „Seven Swans“ und das Café des Museums für Moderne Kunst ordern bei ihr, auch in hippen Designgeschäften werden ihre Teller, Tassen und Schüsseln verkauft. Trotzdem fehlt es ihr oft noch immer an Wertschätzung: „Das ist in Großbritannien oder Skandinavien anders, dort ist es nichts Ungewöhnliches, Keramiken zu sammeln. Und dort gibt es auch viele Männer, die professionell töpfern.“ Sie selbst ist durch ein Unglück zu ihrem Beruf gekommen. Ein schwerer Unfall riss sie 2014 aus dem gewohnten Leben. In der Klinik, in der sie behandelt wurde, besuchte sie einen Töpferkurs und blieb nach der Entlassung dabei: „Das war plötzlich etwas, dass ich richtig gut können wollte.“

Drei Mitarbeiter hat sie inzwischen, über das „Chefsein“ macht sie sich viele Gedanken. „Ich habe den Eindruck, dass Frauen sensibler führen“, sagt sie. Gerade in kreativen Berufen wagten immer mehr Frauen ihrer Generation den Schritt in die Selbständigkeit – und vernetzten sich: „Das Konkurrenzdenken nimmt ab, wir helfen uns, reden offen über Probleme.“ Viele ihrer Jobs hätten sich ergeben, weil andere Frauen sie empfohlen hätten. Doch auch die Männer änderten sich. „Ich kenne viele Paare, bei denen sich heute die Männer um die Kinder kümmern, damit die Frauen ihre Karriere vorantreiben können“, sagt Beuscher: „Es tut sich gerade wirklich viel.“


- Petra Gropp -
Vielfalt und Ausgewogenheit

„Wir sind an einem Punkt, an dem deutlich mehr Frauen in verantwortungsvolle Positionen gelangen“, sagt Petra Gropp: „Das finde ich sehr gut.“ Die 1974 in Mainz geborene Literaturwissenschaftlerin hat in ihrer Heimatstadt und in Dijon studiert und währenddessen Praktika in deutschen und französischen Verlagen gemacht, schon bald auch bei S. Fischer in Frankfurt. Während sie an ihrer Doktorarbeit schrieb, war sie weiterhin für den Verlag tätig, nach Abschluss der Promotion absolvierte sie bei Fischer ein Volontariat und wurde anschließend Lektorin. Seitdem lotst sie die neuen Bücher von Judith Hermann, Ingo Schulze, Christoph Ransmayr und María Cecilia Barbetta auf den Markt, liest gerade vollendete Manuskripte von Antje Rávik Strubel, Clemens Meyer, Reinhard Kaiser-Mühlecker und Kathrin Röggla. Sie ist seit ihrem Berufseinstieg stets gern bei Fischer geblieben, der Autoren und Bücher, aber auch der Haltung des Verlags und seines Rufes wegen. Ein weiterer Grund kam hinzu: „Es war völlig selbstverständlich, dass in einem Haus, in dem viele Frauen arbeiten, ihnen auch Verantwortung übertragen wurde.“

Inzwischen bilden Siv Bublitz und Sabine Bischoff die Geschäftsführung, Friederike Emmerling und Bettina Walther leiten gemeinsam den Theaterverlag. Und Gropp ist seit vorigem Jahr Programmleiterin Literatur, eine Stelle, die zuvor von zwei Männern ausgefüllt wurde. Ihr kommt es auf „Ausgewogenheit und Vielfalt“ der Genres, Generationen und Geschlechter an. Vor allem aber: „Ich suche Geschichten, die unsere Zeit reflektieren und die wir so noch nicht gelesen haben.“ Alles gut also? Nein. „Wenn wir über unsere Gesellschaft hinausblicken, gibt es viele Situationen, in denen Frauen alles andere als gleichberechtigt sind. Da haben wir noch einiges zu tun.“


- Joana Mallwitz -
Nicht aufhalten lassen

Sie ist der Shootingstar der deutschen Dirigenten-Szene, sehr gefragt und viel beschäftigt. An der Oper Frankfurt leitet Joana Mallwitz, die zur Saison 2014/2015 mit damals 27 Jahren als jüngste Generalmusikdirektorin Europas ihr Amt in Erfurt antrat und inzwischen an das Staatstheater Nürnberg gewechselt ist, derzeit ihre vierte Produktion als Gast. Barrie Koskys äußerst ungewöhnliche Inszenierung des Opern-Einakters „Salome“ von Richard Strauss wurde bei der Premiere vor zwei Wochen auch dank ihres szenisch perfekt abgestimmten Dirigats zu einem großen Erfolg.

Was wünscht Joana Mallwitz sich nun zum Internationalen Frauentag? „Dass wir ihn bald nicht mehr brauchen“, antwortet die Dirigentin spontan. Derzeit sei er aus ihrer Sicht leider noch nötig, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und alle zur Mithilfe beim Erreichen der folgenden Ziele anzuregen: offen zu bleiben, Menschen als Menschen zu bewerten und ihnen gleiche Chancen zu gewähren. Auch im künstlerischen Bereich wünschte sie sich, dass dem Thema Mann/Frau bald keine Bedeutung mehr zukäme und Leistungen einfach nach ihrer Qualität bewertet würden. Frauen, die künstlerisch etwas zu sagen zu haben, sagt sie, sollten sich „nicht mehr bremsen lassen“.


- Susanne Pfeffer -
Mehr Sichtbarkeit in den Museen

Es hat sich etwas getan in den vergangenen Jahren. Das findet auch Susanne Pfeffer, Direktorin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK). Frauen an der Spitze von Ausstellungshäusern sind keine Seltenheit mehr. Zwar ist die Zahl der weiblichen Studienanfänger im Fach Kunstgeschichte nach wie vor sehr viel größer als die der männlichen, während es sich bei den Leitungsposten auf dem Gebiet der bildenden Kunst gerade umgekehrt verhält. Aber die Schere geht nicht mehr so weit auseinander wie noch zu Anfang des Jahrtausends. Und die Sichtbarkeit von Künstlerinnen im Ausstellungsbetrieb ist deutlicher geworden, seit Frauen die Häuser führen oder Kuratorinnen dort ihre Projekte realisieren. Die MMK-Chefin sagt, es gehe ihr um die künstlerische Qualität, wenn sie eine Schau konzipiere. Nur sei es in der Vergangenheit oft so gewesen, dass Vorurteile es verhindert hätten, diese bei Frauen anzuerkennen. Dabei gebe es jede Menge erstklassiger Werke von Künstlerinnen. Aber noch immer erführen sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen häufig weniger Aufmerksamkeit und erzielten nicht deren Marktpreise. In der Kunst ähnelt das Bild durchaus dem gesamtgesellschaftlichen. Dass sie weiblicher geworden ist, lässt sich allerdings nicht bestreiten.


- Annette Ernst -
Empören nutzt durchaus

In einem Frankfurter Café hat es vor sieben Jahren begonnen. Die Frankfurter Regisseurin Annette Ernst stand zusammen mit ihrer Kollegin Katinka Feistl am Anfang, als die Initiative „Pro Quote Regie“ ins Leben gerufen wurde. Im Jahr 2014 waren es dann ein Dutzend Regisseurinnen, die anlässlich der Zahlen im deutschen Filmgeschäft Forderungen aufstellten. Dass nur elf Prozent aller deutschen Sendeminuten im Fernsehen von Frauen stammen, dass nur zehn Prozent der öffentlichen Filmförderung bei Frauen landen und wenn, dann nur die kleinen Budgets, hatte Ernst empört. Der Erfolg von „Pro Quote“ zeige: Empörung könne Motor gesellschaftlichen Wandels sein. Auch wenn sie sieht, dass sich noch mehr tun muss. Denn Rollenklischees und Verteilungskämpfe prägen das Filmgeschäft nach wie vor. Ernst hat mit Stoked Film schon früh eine eigene Produktionsfirma mitgegründet, weil sie unabhängig sein und selbst gestalten wollte. Neben Fernsehfilmen und Serienformaten arbeitet sie seit zehn Jahren an einer Langzeitdokumentation. Aus „Pro Quote Regie“ ist mittlerweile „Pro Quote Film“ geworden, alle Gewerke sind dort vertreten – und einige Männer auch.


- Carola Unser & Eva Lange -
Erfahrungen unterscheiden sich

„Wir hoffen, als ,Marburger Modell‘ in die Geschichte einzugehen“, flachst Carola Unser. Als die Ersten, die eine neue Form der Theaterleitung etabliert haben. Unser (im Bild rechts) und Eva Lange, beide Regisseurinnen, beide Mitte 40, sind in der zweiten Spielzeit gemeinsam Intendantinnen des Landestheaters Marburg, die erste weibliche Doppelspitze eines öffentlichen Theaterbetriebs. „Wir sind mehr als die Summe unserer Teile“, versichern die Intendantinnen. Mehrkosten verursachten sie nicht, und da sie beide inszenieren, aber nie gleichzeitig, ist immer mindestens eine ansprechbar, so Unser. „Durch die Doppelspitze können wir im Schnelllebigen eine Sekunde innehalten, um Fehlerquellen zu sehen und oberflächliche Emotionen, nur um rasch irgendwie eine Entscheidung zu treffen, auszuschalten“, erklärt Lange.

Diskurs ist ihnen wichtig, das wollen sie als Doppelspitze abbilden. Flache Hierarchien, Teamarbeit, ein diverses Ensemble, ein Spielplan, der alle Altersgruppen zusammenbringen kann: Es wird vieles anders gemacht, in einem begleiteten Prozess, der auch Geduld erfordere. Frauen bessere Kommunikationsfähigkeit zuzuschreiben, das klinge schon wieder verdächtig nach den „soft skills“, die man Frauen gern unterstelle. Aber: „Grundsätzlich macht man andere Erfahrungen als ein Mann, wenn man als Frau in dieser Gesellschaft sozialisiert wird. Wir können beide von uns sagen, dass wir nicht in den Kategorien Mann/Frau denken wollen. Aber wir sind dem Fakt ausgesetzt, dass es frauenspezifische Fragen gibt, zum Beispiel, was die Gagen und die Arbeitsbereiche von Frauen am Theater angeht“, sagt Unser.

„Wenn eine Frau in der Probe auf den Tisch haut, heißt es, sie ist aufgeregt, ein Mann gilt dann als durchsetzungsfähig“, so Lange. „Das haben wir reflektiert, und das wollen wir hier nicht haben.“ Frauen würden eher über Anpassung gesteuert, Männer gälten eher als Regiegenies. „Uns ist wichtig, junge Künstlerinnen zu bestärken, ihren eigenen künstlerischen Weg zu gehen.“ Selbstredend gibt es auch gleiche Gagen – „Das sind Dinge, die man tun kann und die tun wir auch“ –, und wenn andere behaupten, sie fänden keine geeigneten Stücke von Frauen, dann beweisen Unser und Lange das Gegenteil, in aller Freiheit. Außerdem könne man ja auch anders besetzen, sagt Unser. In Marburg spielt den Valerio in „Leonce und Lena“ eine Frau.


Bild-Kombo, Fotos: 1 Wolfgang Eilmes, 2 Juergen-Bauer, 3 Nikolaj Lund, 4 dpa, 5 Frank Röth, 6 Neven Allgeier

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 08.03.2020 18:17 Uhr