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„Internationale Festspiele Neuester Musik“ : Geschichte wiederholt sich nicht

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Das Werk des Künstlers ist sehr variantenreich: ’Zen for Head’ von Nam June Paik. Bild: Museum Wiesbaden

50 Jahre danach: Zum Ende des Fluxus-Sommers leben im Museum Wiesbaden die Festspiele Neuester Musik noch einmal auf.

          Ganz so wie vor 50 Jahren war es natürlich nicht. Fluxus lässt sich eben nicht wiederholen, schon gar nicht das Geschehen von 1962, als die „Internationalen Festspiele Neuester Musik“ das Museum Wiesbaden zum Beben brachten und damit die Geburt der künstlerischen Bewegung einleiteten. Aber daran erinnern kann man, hat sich Ben Patterson wohl gedacht, als er alte Freunde aus den Vereinigten Staaten einlud und mit ihnen am authentischen Ort eine „Fluxgala“ veranstaltete. Mit diesem Spektakel begann gestern Abend ein letzter Höhepunkt der kommunalen Jubiläumsfeier, die nun die Festspiele noch einmal aufleben lässt. Sogar ein Klavier wurde traktiert und damit auf die ikonische Handlung verwiesen, zu der das kollektive Gedächtnis die einstigen Ereignisse komprimiert hat. Während der nächsten 21 Tage kann man nacherleben, was damals über die Bühne ging (siehe Kasten).

          Den goldenen Fluxus-Jahrestag feiert Wiesbaden besonders groß. Und besonders historisch. Die zentralen Schauen stellen noch bis zum 23. September aus, was sich kaum ausstellen lässt: Geistesblitze, Spontaneität, Grenzgängerei, Kommunikation. Aber der Bürgerschreck von einst hat es inzwischen zu Museumsreife gebracht - Ironie der Geschichte. Es gibt keinen Begriff dafür, was vor 50 Jahren entstanden ist. Die Bewegung, Strömung, Kunstrichtung, oder wie auch immer man es nennen will, lebt heute auch dadurch fort, dass man im Dekaden-Rhythmus daran erinnert - stolz, dass sich im betulichen Wiesbaden doch tatsächlich ein weltbewegendes Ereignis zugetragen hat. Darüber, dass Fluxus zugleich eine recht kurze, in sich abgeschlossene Phase war und in der Musik deutlichere Spuren hinterlassen hat als in der Kunst, geht man dabei hinweg. Zugleich wäre ohne die Vorleistung der Ahnen heute manche Video-, Installations- und Computerkunst nicht denkbar. Das wurde deutlich, als René Block den Ausstellungssommer zum 40. Jahrestag kuratierte. Block, selbst frühester Fluxus-Mann, aber kein Nostalgiker, machte 2002 auf „Fluxus und die Folgen“ aufmerksam und zeigte, welche Spuren Maciunas, Higgins, Paik, Patterson und all die anderen im Werk der Jungen hinterlassen haben. Diesen Gedanken führt im Nassauischen Kunstverein (NKV) seit 2008 das „Follow Fluxus Stipendium“ fort, in dessen Genuss gerade der 1977 geborene Stefan Burger aus Zürich gekommen ist. Vor der Fluxgala im Museum wurde gestern Nachmittag in der NKV-Villa seine Ausstellung eröffnet. Burger zeigt dort eine Installation, die während seines dreimonatigen Aufenthalts in Wiesbaden entstanden ist und in der er auf die Ereignisse von 1962 reagiert.

          Jetzt jedenfalls macht jede Kunstinstitution ihr eigenes Ding

          Nur für die Sammlung Berger hat sich diesmal wieder keine adäquate Lösung gefunden. In der Vergangenheit war das Konvolut wegen zu starker Geschichtsbezogenheit außen vor geblieben. In den historischen Kontext, in dem man Fluxus derzeit betrachtet, hätten die Arbeiten von quasi sämtlichen Altvordern endlich einmal gepasst. Auch wäre es die beste Gelegenheit gewesen, das Konvolut überhaupt einmal in Bergers Heimatstadt zu zeigen. Wie eine Alibiveranstaltung wirkte dagegen die Ausstellung einiger der „Music Machines“, die das Sammler-Paar von Joe Jones besitzt und die im August für gut zwei Wochen im Bellevue-Saal zu sehen waren. Zugleich hatte Michael Berger ohne einen Kurator, der wie zuvor René Block die Fäden der künstlerischen Leitung in der Hand hält, nicht größer in die Fluxus-Rückschau einsteigen wollen. Um diese Aufgabe, munkelt man, habe sich der einstige Documenta-Chaf Jan Hoet erfolglos beworben, als er vor zwei Jahren in Wiesbaden zu Besuch war. Jetzt jedenfalls macht jede Kunstinstitution ihr eigenes Ding: Museum, Kunstvereine, Kulturamt. Ein größeres Publikum als in Wiesbaden haben weitere von Bergers „Music Machines“ im Übrigen auf der Darmstädter Mathildenhöhe, wo sie zur vielbeachteten Ausstellung „A House Full of Music“ gehören.

          Zur Miniaturausgabe dieser Schau, die am 9. November endet, ist unterdessen der Rundgang im Wiesbadener Museumskeller geraten. Partituren, die den musikalischen Kern von Fluxus aufgreifen, gehören hüben wie drüben zu den Exponaten, und man teilt sich sogar den Katalog-Autor Stefan Fricke. Ben Patterson allerdings kommt in Darmstadt nicht zum Zuge, während er in Wiesbaden zur Hauptfigur wird. Angesichts seiner Retrospektive im Nassauischen Kunstverein hatte man im Museum auf Pattersons ulkige Objekte aber verzichten können. Spektakulärer tritt er dort ohnehin mit dem von ihm aus Containern und einem aufblasbaren Dach gestalteten, freilich etwas spröden Portikus auf. Im NKV wiederum ragen seine poetischen, das Leben als eine ständige Reise versinnbildlichenden „Trains of thought“ und die buchstäblich transparente Installation seines eigenen (Seelen-)Lebens heraus. Glücklicherweise blickt man in der Kunsthalle auf dem Schulberg über den ja doch begrenzten Fluxus-Tellerrand und macht mit Charlotte Posenenskes industriell anmutenden Objekten und der Schriftkunst ihres Freundes Peter Roehr darauf aufmerksam, dass in Wiesbaden zur selben Zeit auch noch andere Kunst entstand, die heute noch internationale Gültigkeit besitzt.

          Im Grunde aber ist auch die Gegenwart keine schlechte Zeit für Fluxus. Das weltweite Netz, das einst mit mail art und anderen innovativen Kommunikationsformen gesponnen wurde, lebt heute durch das Internet fort. Diesen Gedanken hat die Wiesbadener Agentur Scholz & Volkmer aufgegriffen. In Erinnerung an Philip Corners „Piano Activities“, die einst im legendären Konzertflügel-Kleinholz mündeten, stellte sie wieder ein solches Instrument ins Museum. Um damit Klang zu produzieren, muss man das Haus aber gar nicht mehr betreten, sondern steuert es über den heimischen Computer.

          Das Programm

          Cage and beyond ist der heutige Abend mit Klavier und Performance mit Werken von John Cage, La Monte Young und George Brecht überschrieben. Um zeitgenössische Reaktionen auch auf Philip Corners „Piano Activities“ aus dem Jahr 1962 geht es am 3. September bei Fluxus - faking of. Sechs Musiker bedienen am 6. September die Flux-Strings und spielen unter anderem Toshi Ichiyanagi, George Brecht und Griffith Rose. „Tonbandmusik & sichtbare Musik“ unter anderem von István Anhalt, Luc Ferrari sowie George Maciunas stehen am 7. September unter dem Titel Fluxtapes I im Mittelpunkt. Unter dem Motto Piano total werden am 8. September Klavierstücke unter anderem von Philip Corner, Karlheinz Stockhausen und György Ligeti zu hören sein. Am 9. September machen Stimme, erweitertes Saxophon und Glühlampen Musik der Betriebssysteme. Ein Konzert für Klavier, präpariertes Klavier und Live-Elektronik ist am 13. September unter dem Titel Same River vorgesehen. Unterdessen kommen Mundstücke unter anderem von Griffith Rose, Sylvano Bussotti und Terry Jennings am 14. September zu Gehör. Musik ist Leben heißt eine Tanzperformance am 15. September. Auf dem Programm stehen Werke von John Cage, Toshi Ichiyanagi und Dieter Schnebel. Tonbandmusik und sichtbare Musik mit Stücken unter anderem von Josi Yuasa, John Cage, Toru Takemitsu und Juan Hidalgo folgen am 16. September bei Fluxtapes II. Die Festspiele 2012 enden am 20. September mit Music for the Pauses vor allem von John Cage.

          Alle Veranstaltungen beginnen um 20 Uhr.

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