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Interkulturelle Kompetenz : Toleranz als Einstellungskriterium

Haltungsfrage: Die Stadt will ihre Mitarbeiter schulen und so Offenheit gegenüber allen Lebensformen ermöglichen. Bild: Maria Klenner

Gute Noten allein reichen künftig nicht, um eine Stelle bei der Stadt Frankfurt zu bekommen. Bewerber müssen zudem ihre interkulturelle Kompetenz unter Beweis stellen.

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          Wer sich in Zukunft bei der Stadt Frankfurt um eine Stelle bewirbt, dem werden klassische Bewerbungsratgeber nur bedingt weiterhelfen können. Denn die Stadtverwaltung plant, ihr Bewerbungsverfahren zu überarbeiten. So soll künftig neben der fachlichen Qualifikation auch die interkulturelle Kompetenz eines Bewerbers abgefragt werden.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Leiter des Amts für multikulturelle Angelegenheiten, Armin von Ungern-Sternberg hat gestern gemeinsam mit Integrationsdezernentin Sylvia Weber (SPD), Personaldezernent Stefan Majer (Die Grünen) und Rainer Korn vom Personal- und Organisationsamt einen Maßnahmenkatalog vorgestellt, der den Weg zur interkulturell-kompetenten Stadtverwaltung ebnen soll. Er ahnt, dass der sperrige Begriff der „interkulturellen Kompetenz“ von vielen als „soziologisches Kauderwelsch“ empfunden wird. Also versuchte er zu erklären, was von den 12.000 Mitarbeitern der Stadt künftig erwartet wird. Ziel sei es, Mitarbeiter auszubilden, die professionell und kreativ mit der gesellschaftlichen Vielfalt der Bevölkerung und den damit verbundenen Ansprüchen umgehen, die sich aber auch untereinander, von Mitarbeiter zu Mitarbeiter, offen begegnen. Herkunft, Glaube, das Geschlecht, Alter oder die sexuelle Orientierung des jeweiligen Gegenübers sollen keine Rolle spielen.

          Für das Thema sensibilisiert werden

          Um das zu erreichen, sollen in einem ersten Schritt die 2000 Beschäftigten der Stadt mit Personalverantwortung für das Thema sensibilisiert werden. Deswegen sollen Fortbildungen zu den Themen Diversität und Interkulturalität angeboten und Informationsmaterial verteilt werden, außerdem sollen die Führungskräfte in persönlichen Gesprächen für einen bewussteren Umgang mit dem Thema sensibilisiert werden. Denn sie übernehmen künftig auch die Rolle, die „interkulturelle Kompetenz“ ihrer Mitarbeiter zu bewerten. „Wir wollen, dass sich auch die Führungskräfte bewusst machen, wo ihre eigenen Scheuklappen sind“, sagt Ungern-Sternberg.

          Ein weiterer Baustein auf dem Weg zur interkulturellen Öffnung der Stadtverwaltung ist eine Veränderung im Bewerberverfahren. Zwar gilt laut Korn weiterhin die Bestenauslese, so wie sie im Grundgesetz geregelt sei, aber dem Abfragen der interkulturellen Kompetenz werde künftig eine größere Bedeutung zukommen. Sollten zwei Bewerber gleich qualifiziert sein, können künftig ein paar kurze Fragen über eine Anstellung entscheiden. Diese Fragen seien so bislang noch nicht in einem städtischen Bewerbungsverfahren gestellt worden. Korn und seine Kollegen wollen nicht zu viel verraten. Nur das: Es gehe darum, auf Alltagssituationen zu reagieren. Ziel ist es, herauszufinden, ob der Bewerber offen gegenüber ihm bisher fremden Denk- oder Lebensweisen ist und ob er eigene Vorurteile als solche erkennen kann.

          „Es gilt die Bestenauslese“

          „Sie können mit kleinen, gezielten Fragen einen Charakter finden“, meint Ungern-Sternberg. Korn hingegen macht deutlich: „Wer das geforderte Studium nicht hat, aber interkulturell geeignet ist, kann die Stelle genauso wenig bekommen wie jemand, der das Studium zwar in der Tasche hat, aber interkulturell nicht geeignet ist. Es gilt die Bestenauslese.“ Korn sagt, dass die „interkulturelle Öffnung“ der Stadtverwaltung in der Vergangenheit oft falsch verstanden worden sei. Denn das Ziel dieser Maßnahme sei es nicht, zwanghaft Quoten zu erfüllen, etwa einen gewissen Anteil an Mitarbeitern mit ausländischen Wurzeln zu beschäftigen, um so ein möglichst realistisches Abbild der Stadtbevölkerung zu bekommen. Vielmehr gehe es darum, alle 12.000 städtischen Mitarbeiter, vom Verwaltungsangestellten bis hin zum Busfahrer, zu befähigen, sich auf die Mitmenschen und ihre kulturellen Unterschiede einzulassen.

          „Hierbei geht es um alle Formen der Diversität, alle Menschen sind dabei im Blick. Wir wollen allen Bürgern offen begegnen“, sagt Weber. Für einen solchen Prozess, der innerhalb der Stadtverwaltung angestoßen werde, gebe es noch kein Vorbild. „Wir betreten Neuland. Ganz sicher wird unser Maßnahmenpaket in den nächsten Jahren vorbildhaft für zahlreiche andere Kommunen in Deutschland und Europa sein“, sagt Weber.

          Erstmals will die Stadt im nächsten Jahr auch ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren erproben, so wie es im bestehenden Koalitionsvertrag gefordert wurde. Bei der Vorauswahl sollen Daten, die auf die Biographie einer Person hindeuten, vorerst verschwiegen werden. 15 anonyme Bewerbungsverfahren seien bisher vorgesehen. „Für eine offene und modern denkende Stadtverwaltung muss eine diskriminierungsfreie Vorauswahl sichergestellt sein“, sagt Weber.

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