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Interaktives Theaterprojekt : Die Poetisierung des Rhein-Main-Gebiets

War auch in Mainz unterwegs: Akira Takayama auf Recherche für das künstlerische Großprojekt „Evakuieren“ Bild: Mathias Pees

Dem Alltag entfliehen: Das interaktive Theatergroßprojekt des Künstlers Akira Takayama führt wie ein Parcours durch die gesamte Region. Der Macher will „Frankfurt evakuieren“.

          3 Min.

          Das werden diejenigen, die an den Regionalgedanken glauben, gar nicht gerne hören. Als seltsam unzusammenhängend empfindet Akira Takayama die Städte des Rhein-Main-Gebiets. Sie stellen für ihn, den Künstler aus der Metropole Tokio, einen „sehr zerstreuten urbanen Raum“ dar. Und obwohl viele die Region tagtäglich durchqueren, zwischen Arbeit und Familienleben etwa, kennen die meisten Bewohner nur ihre immergleichen Wege.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das aber könnte sich in den nächsten Wochen gründlich ändern. Vorausgesetzt, man lässt sich auf das ein, was Takayama zusammen mit 31 internationalen und hiesigen Künstlern entwickelt hat. Es ist ein Versuch, Zusammenhang zu stiften und neue Räume selbst da zu eröffnen, wo alles vorbestimmt und ausdefiniert erscheint.

          Interaktiver Parcours durch die Stadt

          Mit Hilfe des Internets, der Kunst und des Schienennetzes haben der Theaterkünstler Takayama und gut 100 Mitarbeiter seit einem Jahr an dem „ersten Flucht- und Rettungsplan für die Rhein-Main-Region“ gearbeitet. „Was bedeutet für Dich ,evakuieren‘?“ ist die Ausgangsfrage des „Evakuieren“-Projekts, das von heute an bis zum 5. Oktober erlebt, befolgt, ausgeführt, selbst gestaltet werden kann. Beantworten muss jeder sie und andere Fragen für sich, auf der Internetseite www.evakuieren.de. Vier verschiedene Formen der Evakuierung hat Takayama für sein Projekt, das er ähnlich schon 2010 in Tokio veranstaltet hat, ausgemacht. Und daraus vier Parcours entwickelt, entlang vor allem der S-Bahn-Linien 1, 8 und 9 und der Frankfurter Straßenbahnlinie 11.

          Wie es möglich sein könnte, dem Alltag zu entfliehen, dem Fremden, Neuen selbst da zu begegnen, wo wir es nicht erwarten, steht im Mittelpunkt des Fluchtplans A. Wie wir mit unserem Körper umgehen, den wir zum Flüchten brauchen, dem wir aber nicht entfliehen können, thematisiert etwa die Route C. Wer sich im Internet einloggt und Fragen beantwortet wie „Ich folge meinem Schicksal – Ja/Nein“, bekommt am Ende eine der Touren vorgeschlagen, kann sie auf das Handy laden oder ausdrucken.

          40 Stationen an Bahnhöfen

          Was aber niemanden abhalten sollte, auch die anderen Touren auszuprobieren. Und auch unbeteiligte Passanten an der ein oder anderen Stelle nicht davor bewahrt, mitten in eines der Kunstprojekte von Chris Kondek, der Gruppen Opovoempé oder Ligna zu geraten. Oder am Abend nach Sonnenuntergang auf das vielen nur als Name bekannte Honselldreieck am Anfang des Frankfurter Ostends zu schleichen. Dort sieht man dann vielleicht jemanden, der Tour A gewählt hat, mitten im Schein der neun von dem brasilianischen Künstler Nuno Ramos dort installierten Laternen stehen und in dieser „Agora“ inmitten von Erdwällen, Baustellenresten und Unkraut tun, was immer er da, im Scheinwerferlicht, tun möchte.

          Insgesamt 40 Stationen an und nahe bei 24 Bahnhöfen gibt es, jede individuell gestaltet, mal kostenlos, mal mit Gebühren verbunden, mal muss man selbst etwas mitbringen oder sich anmelden. Die Tour an sich ist kostenlos, nur eine Fahrkarte muss man lösen. Genaueres steht jeweils in der Beschreibung der einzelnen Stationen, die mal ein Video sein könnte, mal eine Begegnung, mal schrill, mal mit fünf Sternchen als „herausfordernd“ markiert und mal so leise und versteckt und buchstäblich nachklingend wie eine von Takayamas eigenen Stationen, eine Soundinstallation in einer versteckten Gartenlaube weit hinten im Ostend. Nur wer sich in der Pagode Phat Hue an der Dieselstraße einen Schlüssel und einen Lageplan abholt, kann die bewegende Lebensgeschichte des dortigen Zen-Meisters hören, der als Bootsflüchtling aus Vietnam kam.

          Der Frankfurter Mousonturm hat dieses Projekt, das derzeit fast alle Kräfte bindet, mit Partnern, den Staatstheatern Mainz und Darmstadt, gestemmt. Maßgeblich finanziert wurde es von der Bundeskulturstiftung und dem Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main, die zusammen mehr als 300.000 Euro gegeben haben.

          Schon das Wort „evakuieren“, verwendet von einem Künstler, der im Ballungsraum Tokio arbeitet und unter anderem künstlerisch versucht, mit der Katastrophe von Fukushima umzugehen, weist über ein lustiges Kunst-„Event“ hinaus, bei allem Charme, den die Internet-Fragen, das Reisen mit den Smartphone-Karten, die netten Logos und Plakate ausstrahlen. Mit etwas Glück geschieht das, was sich Akira Takayama erhofft und was, bei aller Leichtigkeit und oft spielerischen Haltung der Stationen, durchaus schwer wiegt: eine Verwandlung des Alltags, kleine und größere Fluchten, die nachhallen.

          Takayama, der vor seiner praktischen Theaterarbeit vor allem Philosophie studiert hat, nannte seine 2002 gegründete eigene Gruppe, die nun auch das hiesige „Evakuieren“ erarbeitet hat, Port B, nach Portbou, dem Ort, an dem Walter Benjamin sich das Leben nahm. Als Philosoph hat sich Takayama viel mit Benjamin beschäftigt, mit dessen Zugang zur deutschen Romantik auch, über deren Kunstkritik Benjamin promoviert hatte.

          Und so ist Takayamas Versuch einer Rettung der Rhein-Main-Bewohner doch nichts weniger als ein Rückgriff auf die Essenz der deutschen Romantik, eine Poetisierung des Alltags mit heutigen Kunst-Mitteln. Jüngst, bei einer Buchpräsentation in der Romanfabrik, die auch an der Straßenbahnlinie 11 liegt, hatte deren Leiter Michel Hohmann behauptet, die Rhein-Main-Region sei nun „durchromantisiert“. Das dürfte ein wenig voreilig gewesen sein: Bis 5.Oktober haben es Einheimische und Durchreisende in der Hand, zu flüchten, zu retten – und vielleicht sogar zu romantisieren.

          Das Projekt

          „Evakuieren“ hat heute, Freitag, den 12. September um 12 Uhr begonnen, um 19 Uhr gibt es eine Eröffnungsveranstaltung im Frankfurter Mousonturm. Das Projekt läuft bis 5. Oktober, Informationen und Anmeldung unter www.evakuieren.de und im Blog unter http://blog.evakuieren.de

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