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Hessischer Rundfunk : Gute Zahlen, schlechte Zahlen

  • -Aktualisiert am

Mit Fliege: Helmut Reitze verlässt den HR in Richtung Ruhestand. Bild: Helmut Fricke

Bilanz einer Ära: HR-Intendant Reitze hat den Marktanteil des Senders gesteigert, aber auch den Fehlbetrag. Nun verabschiedet er sich in den Ruhestand.

          Helmut Reitzes Bilanz kann man in Zahlen ausdrücken: erste Wahl zum Intendanten mit einer Stimme Mehrheit, die zweite mit 23 von 26 Stimmen. Und bei der dritten im Januar 2013 votierten sogar 28 von 29 Rundfunkratsmitgliedern für den Mann, der am Freitag verabschiedet wird – aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig. Die immer breiter werdende Zustimmung dokumentierte nicht nur, dass die Rundfunkratsmitglieder zufrieden waren mit dem ersten Journalisten an der Spitze des Hauses, sondern auch, dass die Vertreter von SPD, Grünen und Gewerkschaften in dem Gremium den Anfangsverdacht, Reitze sei ein Mann der CDU, nicht mehr teilten.

          Noch eine weitere Zahl spricht für Reitze: Als er 2003 sein Amt antrat, lag der Marktanteil des Hessen-Fernsehens im eigenen Sendegebiet bei 5,3 Prozent, der aktuelle Wert ist auf 7,0 gestiegen. Wobei für Nachfolger Manfred Krupp aber dennoch genug zu tun bleibt, denn unter den sieben dritten Programmen der ARD liegt Hessen gleichauf mit dem SWR und übertrifft somit den WDR und das Schlusslicht RBB (6,3 Prozent). Doch Bayern (7,5), NDR (7,8) und Marktführer MDR (9,0) dominieren.

          Hessen wäre anders ohne den Hessischen Rundfunk

          Zahlen sind freilich nicht alles. Den Sender an der Bertramstraße hat Reitze durch eine weitgehend skandalfreie Zeit gesteuert, nachdem er das von seinem Vorgänger Klaus Berg geerbte Problem des Handaufhaltens von Sportchef Jürgen Emig mit Hilfe von Staatsanwaltschaft und Wirtschaftsprüfern gelöst hatte. Der HR ist der größte Veranstalter im Hessenland, als besondere Sympathieträger agieren das Symphonieorchester und die Big Band, beide auf hohem bis höchstem Niveau.

          Die sechs Radioprogramme erreichen auf die unterschiedlichste Weise alle Schichten der Bevölkerung. Was sie zum Zusammenwachsen eines Bundeslandes beitragen, ist nicht mess-, aber spürbar: Hessen wäre anders ohne den Hessischen Rundfunk. Dass es der öffentlich-rechtliche Sender in 25 Jahren nie geschafft hat, sich mit seiner Unterhaltungswelle hr3 seine einstige Stellung als Marktführer vom Privatsender Radio FFH zurückzuerobern, spricht freilich für eine gewisse Unbeweglichkeit.

          Manfred Krupp übernimmt die Leitung

          Der promovierte Volkswirt Reitze war nie ein Radiomann – mit dem Hörfunkdirektor Heinz Sommer, seinem Gegenkandidaten bei der ersten Wahl, verstand er sich sowieso nicht – , er zeigte auch beim HR dezidiert Interesse am Medium Fernsehen. Dort hatte er nach einem Zeitungsvolontariat bei der Kasseler „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“ begonnen. Dem Publikum wurde der Mann mit der Fliege als Korrespondent in Washington und Brüssel und vor allem in den fünf Jahren als Moderator des „heute-journals“ im ZDF bekannt. Reitze erfand das erfolgreiche Hessen-Quiz, aus seinen anfangs gehegten Plänen, wie Peter Voß beim SWR ein journalistisch arbeitender Intendant zu werden, wurde allerdings nichts – eine ins Auge gefasste Gesprächsreihe mit Unternehmern legte er ad acta.

          Was vielleicht auch daran lag, dass er als Intendant mit so lästigen Themen wie dem Geld viel beschäftigt war. Für 2016 muss der Sender bei Einnahmen von 500 Millionen Euro einen Fehlbetrag von immerhin 82 Millionen Euro einplanen. Der Intendant legt auf die Feststellung Wert, dass sein Haus operativ einen kleinen Gewinn erwirtschafte; die drückenden Finanzsorgen lägen angesichts der niedrigen Zinsen an den hohen Rückstellungen für die Pensionen – ein Problem, dass nicht nur den Sender drückt. Allerdings wird Reitzes Nachfolger, der bewährte Journalist Manfred Krupp, ein Hausgewächs, die Eigenständigkeit des Hessischen Rundfunks verteidigen müssen.

          Helmut Reitze müssen solche Sorgen nicht mehr bekümmern. Er zieht im Ruhestand, der so ruhig nicht werden soll, mit seiner Frau nach Duisburg. Auf seine Zeit beim HR kann er dann mit Zufriedenheit zurückblicken.

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