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Integration von Asylsuchenden : Jobs für Flüchtlinge stoßen auf Lob und Skepsis

  • -Aktualisiert am

Mit Sack und Pack: Flüchtlinge auf dem Weg in die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen. Dort bleiben sie, bis woanders ein Platz für sie gefunden ist. Bild: dpa

Mehrere Städte im Rhein-Main-Gebiet bieten Asylsuchenden sogenannte Arbeitsgelegenheiten - das stößt auf ein geteiltes Echo. Pro Asyl geht noch einen Schritt weiter und will ein „Aufnahmekonzept“ für Flüchtlinge.

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          Auch ein Bürgermeister kann nicht jeden Paragraphen kennen. So wurde Ralf Möller (SPD), Rathauschef von Weiterstadt, erst durch den Kontakt mit drei Asylbewerbern, die etwas Sinnvolles tun wollten, auf einen Passus im Asylbewerberleistungsgesetz aufmerksam, nach dem Flüchtlinge „Arbeitsgelegenheiten“ bekommen dürfen – und sollen. Gesagt, getan: Seit kurzem bietet die Kommune drei Männern einen Job mit einer Aufwandsentschädigung von 1,05 Euro je Stunde an.

          Weiterstadt ist die erste Kommune im Landkreis Darmstadt-Dieburg, die so verfährt. Möller und Thomas Koch, der für Zuwanderung und Asylbewerber zuständige Mitarbeiter im Kreishaus, hoffen, dass das Beispiel Nachahmer findet. Bis zum Jahresende übernimmt der Kreis die Kosten für die Aufwandsentschädigung, danach die Stadt. 20 Stunden in der Woche arbeiten die Asylbewerber im Rathaus oder pflegen Grünanlagen.

          „Die Leute wollen arbeiten“

          Was für den Landkreis, so Koch, „Neuland“ ist, ist andernorts schon länger Usus. In Wiesbaden etwa gibt es nach Angaben von Sozialdezernent Arno Goßmann (SPD) 140 Arbeitsgelegenheiten, die „sehr sinnvoll“ seien. Angeboten werden sie etwa in Flüchtlingsunterkünften, einem Wohnheim der Heilsarmee und in der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes. In Frankfurt arbeiten bis zu 15 Asylbewerber für den Beschäftigungsträger Werkstatt Frankfurt, etwa im Recyclingzentrum, wie Geschäftsführer Conrad Skerutsch sagt. Mitarbeiter des Sozialamts vermitteln die Stellen. Das Angebot ist Teil des städtischen Arbeitsmarktprogramms.

          Das hessische Sozialministerium sieht die Arbeitsgelegenheiten, die von vielen Kommunen angeboten würden, positiv: Zum einen besserten die Flüchtlinge ihre finanzielle Situation leicht auf, zum anderen sicherten sie durch die sinnvolle Beschäftigung und das Gefühl, gebraucht zu werden, ihre psychische Stabilität, so eine Sprecherin. „Die Leute wollen arbeiten“, sagt Skerutsch. Diese Erfahrung hat auch Möller gemacht. Zwei der drei Asylbewerber, die auf den Bürgermeister zugekommen waren, sind die Somalier Osman Adam Abdirahman und Ahmed Mohamed Nur. Abdirahman, 32Jahre alt, war in seiner Heimat Kraftfahrer, der 20Jahre alte Nur hat in der Apotheke seines Vaters ausgeholfen.

          Reguläre Arbeit nach neun Monaten

          Sie schätzen es, in Weiterstadt tätig sein zu können – vor allem wegen der Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Möller hebt hervor, dass die Männer zusätzliche Arbeit leisteten. „Wir nehmen keinem Unternehmen Arbeit weg.“ Er schließt nicht aus, dass es weitere Arbeitsgelegenheiten geben könnte.

          Zumindest steigt die Zahl der Asylbewerber. Im 250.00 Einwohner zählenden Weiterstadt leben derzeit 70, fast 50 von ihnen in einer Gemeinschaftsunterkunft, die anderen in Wohnungen. Gut 40 weitere muss die Stadt in diesem Jahr noch aufnehmen. Insgesamt wird der Kreis Darmstadt-Dieburg bis zum Jahresende Koch zufolge rund 700 Flüchtlinge aufgenommen haben. 2013 waren es 383. Insgesamt leben 1247 Asylbewerber im Kreis.

          Eine reguläre Arbeit dürfen Flüchtlinge erst nach neun Monaten bekommen, sofern kein Deutscher oder EU-Bürger Vorrang hat, was die Arbeitsagentur prüft. Das Sozialministerium unterstützt die Idee der Bundesregierung, Asylbewerbern den Arbeitsmarkt schon nach drei Monaten zu öffnen. Dies diene nicht nur der Integration, sondern angesichts der tatsächlichen Aufenthaltsdauer auch der Senkung von Sozialausgaben, meint die Sprecherin. Nicht zuletzt bedeute der frühzeitige Zugang zum Arbeitsmarkt für viele Asylbewerber, die arbeiten wollten und könnten, auch eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.

          „Integrationskonzept“ nötig

          Möller ist skeptisch, ob man Menschen angesichts eines ungewissen Ausgangs des Asylverfahrens eine feste Arbeit geben sollte. Koch führt an, dass die Vorrangprüfung auch bei einem früheren Zugang zum Arbeitsmarkt bestehen bleiben soll.

          Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl ist dafür, diese Prüfung abzuschaffen. „Die geplante Reduzierung des Arbeitsverbots auf drei Monate ist nicht ausreichend“, sagt Geschäftsführer Günter Burkhardt. Es gebe nicht nur bei den Hochqualifizierten einen Bedarf an Arbeitskräften. Deutschland brauche angesichts relativ hoher Anerkennungsquoten ein „Aufnahme- und Integrationskonzept“. Arbeitsgelegenheiten wie denen in Weiterstadt begegnet er eher mit Skepsis: Zwar seien sie „gelegentlich hilfreich, um die Isolation von Asylsuchenden zu durchbrechen“, aber nicht zukunftsweisend.

          Bis zu 45 Prozent asylberechtigt

          Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge wurden im Juli rund 31 Prozent der Flüchtlinge anerkannt – als Asylberechtigte oder wegen anderer Schutzbestimmungen. Pro Asyl kommt aufgrund einer etwas anderen Berechnungsgrundlage auf 45 Prozent.

          Von Somaliern würden 60 bis 80 Prozent anerkannt, sagt Burkhardt. „Deren Verfahren dauern weit länger als ein Jahr.“ Geschehe in dieser Zeit nichts, würden Integrationschancen vertan. Dem Argument, niemandem einen Arbeitsplatz zu geben, der abgeschoben werden könnte, entgegnet Burkhardt, selbst dann hätte eine Arbeitserlaubnis einen Vorteil: dass ein Flüchtling seinen Lebensunterhalt selbst verdienen könne.

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