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Altkanzler auf der Bühne : Der Kohl im Chor

Eine Körpertauschkomödie: Ein Chor gerät in den Körper Helmut Kohls und verläuft sich. Bild: Jan Bosch

Aussitzen und Sprechen: Susanne Zaun und Marion Schneider fragen in einer amüsanten Performance nach dem Verhältnis von Macht und Körper.

          Die Blutwurst muss im Lauf des Probenprozesses abhandengekommen sein. Nichts mehr zu hören oder gar zu sehen von ihr. Dabei heißt der Theaterabend von Susanne Zaun und Marion Schneider „Es ist doch eine schöne Sache, über Kanzlerkandidaten zu reden und dabei Blutwurst zu essen“.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun hätte man die „Zaungäste“, wie die Frankfurter Regisseurin Zaun ihr im Kern meist gleich bleibendes Produktions- und Darstellerinnenteam nennt, sehr gern Blutwurst essen sehen. Im Beige auf Beige mit einem Hauch von weiß eingerichteten Bühnenraum, die fünf Frauen allesamt in verschiedene Nuancen von Beige und Braun gehüllt, würde sich so ein Blutwurst-Farbtupfer ganz hübsch ausnehmen. Abgesehen von der Tatsache natürlich, dass Helmut Kohl – die Älteren erinnern sich vielleicht noch an ihn – eher durch seine Vorliebe für Pfälzer Saumagen kulinarisch bekannt geworden ist.

          Vom Körper statt vom Geist regiert

          Überhaupt, das Körperliche, die, auch kulinarische, Fülle, das „Aussitzen“: Das war seinerzeit oft Thema, als Helmut Kohl von 1982 bis 1998 Bundeskanzler war. Spitzfindige Denker nahmen an, mit dem stattlichen Pfälzer Kohl werde die Bundesrepublik vom Körper statt vom Geist regiert. Selbst Spitzname und Karikatur Kohls, die vom Frankfurter Künstler Hans Traxler erfundene „Birne“, ist schließlich eine rundliche Speise. Als dem Dalí-Ei nachempfundenes Gemälde hängt eine gelbe Birne nun, einziger Farbtupfer in Ermangelung der Blutwurst, im Bühnenbild von Friederike Schmidt-Colinet. Aus dem Bild, aus Schränken und Kommoden quellen Judith Altmeyer, Asja Maghoub, Katharina Runte, Katharina Speckmann und Isabelle Zinsmaier, ein Chor heller Stimmen, der uns glaubwürdig versichert, Helmut Kohl sei in ihn gefahren: Der Kohl steckt also im Chor, oder der Chor im Kohl, zumindest dann, wenn die fünf sogar noch in einen familienzeltgroßen grauen Anzug schlüpfen.

          Wie hängt das zusammen, Macht und Körper? Einst, bei den Königen, sprach man vom politischen und vom natürlichen Körper. Und einst, als Kohl regierte, das ist wirklich schon lange her, war auch das Genre der Bodyswitch-Komödie sehr gefragt. Warum das nicht alles zusammendenken? Susanne Zaun und Marion Schneider haben mit ihrem Verbund der „Zaungäste“ immer wieder das chorische Sprechen als Möglichkeit, Texte zu analysieren, Situationen zu atomisieren und neu zusammenzusetzen, erprobt. Ihnen geht es darum, gesellschaftlichen, auch politischen Verabredungen auf die Spur zu kommen. Strukturen von Dominanz treten hervor, wenn die Sprache, durch die sie ausgeübt wird, ihren Ausdruck, ihre Adressaten verändert. Dass das Ganze immer, ob es um Schönheitsideale oder Hitler geht, witzig ist, gescheit und auch leichtfüßig etwas wagt im strengen Korsett des chorischen Vortrags, macht einen großen Reiz der Produktionen aus. So ist es auch bei „Es ist doch eine schöne Sache, über Kanzlerkandidaten zu reden und dabei Blutwurst zu essen“, einer Koproduktion des Landestheaters Marburg und des Künstlerhauses Mousonturm im Rahmen des Festivals „Frankfurter Positionen“.

          Schlüsselmoment in Kohl Karriere

          Es war ein Schlüsselmoment in Helmut Kohls Karriere, der Parteitag 1989 in Bremen, schwere Zerreißprobe in der CDU, Kohl entledigte sich seiner Kritiker und steuerte, so schrieb er es selbst später, die Bekanntgabe, dass DDR-Bürger aus Ungarn ausreisen dürften, so, dass sie in seinen Terminplan passte. Dass er zu diesem Zeitpunkt schwerkrank sich einer Prostata-Operation hätte unterziehen müssen, berichtete er erst in seinen Erinnerungen und auch, warum er sie verschoben hatte: Weil es sonst so ausgesehen hätte wie Schwäche. Diese Anekdote, die den Zusammenhang zwischen Macht und Körper verdeutlicht, eine der Europa-Reden Kohls und ein paar Originalzitate – mehr brauchen die fünf Performerinnen nicht, um, durchaus drollig, mit fast akrobatischen szenischen Einfällen und rasend schnellen Wechselreden ein Kohl-Bild aufzubauen. Das biegt hier und da in sich selbst gefallende Metaebenen ab, die dennoch sehr lustig sind, das hätte aber auf Mata Hari als Kohl im Teppich ebenso verzichten können wie auf etliche Längen in den nur 70 Minuten.

          Dennoch macht diese Redechoreographie ihren Punkt: Es geht, im Bild des historischen Dauerkanzlers, um den durchaus aktuellen Wunsch, dahin zurückzukehren, wo früher angeblich alles mal besser war. Es geht auch darum, welcher Körper derjenige ist, dem man trauen kann – der Körper der Macht oder jener, der sich vermeintlich unbedarft mitten hinein ins Theaterpublikum setzt und in absurden Quatsch-Dialogen gar nicht erst so tut, als wäre er leutselig? Wenn die Körper, als Chor, wieder auf die Bühne zurückkehren und eine einzige Stimme Kohls europäisches Glaubensbekenntnis vorträgt, wird das Versprechen vom „Wohlstand“ für alle zur beigefarbenen Floskel.

          Eine weitere Vorstellung heute um 20 Uhr im Frankfurter Mousonturm, am Landestheater Marburg wieder am 7. und 9. März.

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