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„Institut für vergleichende Irrelevanz“ : Besetzer im Kettenhofweg wollen bleiben

Lernzentrum: Im alten Institut für Anglistik üben sich Studenten in „kritischer Wissenschaft“ - noch jedenfalls Bild: Wonge Bergmann

Das Haus des „Instituts für vergleichende Irrelevanz“ ist im Januar von der Frankfurter Universität auf eine Immobilien-AG übergegangen. Die will nun an ihr Eigentum. Die Institutsbesetzer aber wollen nicht ausziehen.

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          Um 23 Uhr am Dienstagabend hatte das „Institut für vergleichende Irrelevanz“ (Ivi) wieder eine Tür. Dutzende Helfer hatten seit dem Nachmittag eine provisorische Konstruktion aus braunen Spanplatten zusammengeschraubt. Nachdem Mitarbeiter der Immobilienfirma Franconofurt, der das besetzte Haus seit Januar gehört, am Morgen die alte Eingangstür abmontiert und mitgenommen hatten, waren zahlreiche Unterstützer des linken Projekts zum Ivi an den Kettenhofweg gekommen. Spontan veranstalteten die Studenten und Hausbesetzer am Abend ein Grillfest, der Vorgarten des Hauses war restlos gefüllt mit jungen Leuten. Drinnen wurden Teelichter aufgestellt, obwohl die Besetzer mittlerweile auch Generatoren haben, die ihnen von befreundeten linken Gruppen zur Verfügung gestellt wurden. Franconofurt hatte in dem Haus vorgestern auch das Wasser und den Strom abgestellt.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer auf Toilette gehen muss, weicht im Moment noch auf die anliegenden Universitätsgebäude aus, geduscht wird bei Freunden in der Umgebung. In den nächsten Tagen sollen zwei „Dixie-Klos“ im Haus aufgestellt werden.

          30 Unterstützer als Nachtgäste

          In einem Plenum haben die Besetzer am Dienstagabend eine vorläufige Strategie entworfen: So sollen in den nächsten Wochen bis zu 30 Unterstützer in dem Gebäude übernachten, um auf die vom Immobilieninvestor angekündigte Räumung reagieren zu können. Ein Sprecher des Ivi zeigte sich enttäuscht über die Vorgehensweise von Franconofurt, bedauerlicherweise seien die Investoren am Dialog nicht interessiert: „Wir haben bis heute keine Antwort auf unseren Plan für eine zukünftige Nutzung des Hauses bekommen.“ Die Besetzer hielten an ihrem Vorhaben fest, das Gebäude nicht freiwillig aufzugeben, so der Sprecher weiter. Für Freitagabend sei unter dem Motto „Queer Prom Night“ eine Party im Ivi geplant.

          Um möglichst viele Unterstützer zu erreichen, rufen die Besetzer über Twitter, SMS und in Internetforen dazu auf, das Institut zu „verteidigen“. Dass es am Dienstagmorgen gelungen war, innerhalb kürzester Zeit etwa hundert Unterstützer zu mobilisieren, die sich zu einer spontanen Demonstration in der Innenstadt zusammenfanden, werten die Besetzer als Erfolg. Gestern kündigten Antifa-Gruppen aus Frankfurt und Marburg an, sich an Protesten im Zusammenhang mit einer Räumung zu beteiligen. Auch das „Anarchistische Netzwerk Südwest“ hat Solidarität bekundet; bei der Gruppierung handelt es sich nach eigenen Angaben um einen Zusammenschluss von „libertären anarchistischen Gruppen und Einzelpersonen“ aus dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Ostfrankreich und der Nordschweiz.

          Linkspartei liebäugelt mit Protesten

          Die Piratenpartei und die Linke im Römer sehen eine Räumung des Instituts ebenfalls kritisch. Nach Ansicht des Piraten-Stadtverordneten Martin Kliehm wird dort „gute Arbeit“ geleistet. Sollte es zu einer Räumung kommen, wäre es wünschenswert, dem Institut ein neues Gebäude zur Verfügung zu stellen. Kliehm hat eigenen Angaben zufolge Kontakt sowohl mit den Betreibern des Ivi als auch mit Franconofurt aufgenommen und würde gern „als Vermittler auftreten“, wie er sagt. Die Linkspartei im Römer hat gestern bis zum Abend in ihrer Fraktionssitzung eine mögliche Beteiligung an Protesten diskutiert. Die Stadtverordnete Desiree Merve Ayyildiz sagte, das Ivi müsse erhalten bleiben. Es sei eine „wichtige Errungenschaft“ und biete „Freiräume, die es sonst in dieser Form in Frankfurt nicht gibt“.

          Der AStA der Universität will bis auf weiteres die bisher üblichen monatlichen Gespräche mit der Universitätsleitung aussetzen, weil Präsident Werner Müller-Esterl am Dienstag bei dem Zusammentreffen mit Ivi-Vertretern ein „ungebührliches Verhalten“ gezeigt habe. Müller-Esterl sei in der hitzigen Diskussion auf einen Studenten zugelaufen und habe eine Studentin bedrängt. Er solle sich hierfür und für seine Informationspolitik beim Verkauf des Institutsgebäudes öffentlich entschuldigen. Müller-Esterl wies die Vorwürfe auf Anfrage zurück. Er sei aus der Gruppe der Ivi-Vertreter heraus beleidigt worden und habe auch einen Fußtritt erhalten. Daraufhin habe er sich zurückgezogen. Zu Gesprächen mit dem AStA in sachlicher Atmosphäre sei er aber weiterhin bereit.

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