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Insolvenz : Enttäuschung und Wut bei Aero Lloyd

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Am Boden: Aero Lloyd Bild: AP

Die konzernunabhängige Ferienfluggesellschaft Aero Lloyd mit Sitz in Oberursel hat am Donnerstag die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Sollte dies tatsächlich das "Aus" für den Ferienflieger ...

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          Die konzernunabhängige Ferienfluggesellschaft Aero Lloyd mit Sitz in Oberursel hat am Donnerstag die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Sollte dies tatsächlich das "Aus" für den Ferienflieger mit einem Marktanteil von zuletzt etwa zwölf Prozent und etwa 3,5 Millionen Fluggästen im vergangenen Jahr bedeuten, so würden damit etwa 1400 Mitarbeiter ihre Arbeit verlieren, wie Silvia Meves von der Aero- Lloyd-Personalvertretung dieser Zeitung sagte. Allein in und um Frankfurt, der Aero-Lloyd-Basis, würden zwischen 700 und 800 Menschen betroffen sein. Insgesamt arbeiten bei AeroLloyd zur Zeit etwa 570 Menschen im Kabinenservice, etwa 200 Piloten und Co-Piloten und zirka 600 Mitarbeiter am Boden in Verwaltung und Technik. Die Hauptstandorte sind, neben Frankfurt, Berlin und Düsseldorf. Die Airline fliegt beispielsweise für Tourismusunternehmen wie Thomas Cook, TUI, ITS, Kreuter Olimar und Dertour. Die wichtigsten Zielgebiete waren bislang Spanien, die Türkei, Marokko und Ägypten.

          Gerade was die Ferienfluggesellschaften betrifft, hatten Experten schon seit langem von der Notwendigkeit einer Marktbereinigung gesprochen. Und tatsächlich liegen die wirklich fetten Zeiten des Tourismus Jahre zurück: Konjunkturschwäche, die Angst vor Terrorattacken seit dem 11. September 2001, die Lungenkrankheit Sars und nicht zuletzt der Irak-Krieg wirken gleichermaßen unheilvoll wie nachhaltig. Nach einer brancheninternen Untersuchung ist allein der Pauschalreisemarkt in Deutschland seit dem vorvergangenen Jahr um ein Viertel zurückgegangen. Die Folge: Überkapazitäten. Angesichts dessen ist es zunächst einmal auch nicht verwunderlich, daß der ein oder andere Ferienflieger irgendwann gezwungen ist, aufzugeben und ein Insolvenzverfahren zu beantragen.

          Im Fall von AeroLloyd, da seien sich Geschäftsführung und Belegschaft einig, habe es aber nicht so weit kommen müssen, sagt Aero-Lloyd-Pressesprecher Asger Schubert und macht eine Hauptschuldige in München aus. Da nämlich sitzt die Bayerische Landesbank, die nicht nur seit 1987 die Aero-Lloyd-Hausbank ist, sondern auch gut 66 Prozent der Anteile hält, seit Aero Lloyd Ende der neunziger Jahre in große finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Und auch im Jahr 2000, als die Touristikbranche noch jubelte, lag die Umsatzrendite mit weniger als einem Prozent unter dem Schnitt der Branche, wie Experten anmerken. Der Umsatz des Unternehmens lag 2001 bei 418 Millionen Euro. Im selben Jahr mußte die Bayerische Landesbank mit einem Liquiditätskredit in Höhe von 20 Millionen Euro helfen. Daß es bei Aero Lloyd einen Sanierungs- und Restrukturierungsbedarf gab und gibt, bestreitet auch Schubert nicht. Die neue Geschäftsleitung unter Führung von Wolfgang Sacher, der gerade erst im Juni dieses Jahres seinen Dienst antrat, habe ein entsprechendes Konzept erarbeitet. Daß die Bayerische Landesbank dann doch so schnell die weitere Unterstützung versagte, müsse schon sehr wundern, meint Schubert, zumal das Konzept der Geschäftsleitung schließlich sogar noch von der Unternehmensberatung Roland Berger in München auf Solidität und Aussicht auf Erfolg geprüft und für gut befunden worden sei. Bei Roland Berger selbst wollte man gestern nichts zum Ergebnis der Prüfung sagen.

          Die Bayerische Landesbank in München hat das alles gleichwohl nicht überzeugt, wie Pressesprecher Peter Kulmburg sagte: "Da waren einfach zu viele Faktoren enthalten, die auch Aero Lloyd nicht beeinflussen kann." Aus Sicht der Bank seien die Risiken angesichts des harten Verdrängungswettbewerbs in der Branche einfach zu hoch gewesen. In Bankenkreisen mutmaßt man allerdings, daß das Finanzinstitut erst eine solche Scheu vor dem Risiko entwickelt habe, nachdem die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht im Jahr 2002 der Bank einen Verweis erteilt habe, wegen nicht ausreichend gesicherter Milliarden-Kredite. Andere Quellen wollten wissen, daß die bayerische Landesregierung Einspruch erhoben habe.

          Die Begründung der Bank kann Aero- Lloyd-Sprecher Schubert denn auch "überhaupt nicht nachvollziehen". "Wir liegen in der Kostenstruktur inzwischen auf dem Niveau von Ryanair und bieten gleichzeitig einen Standard auf der Höhe von Qualitäts-Carriern wie Condor." Mit einem Durchschnittsalter von drei Jahren sei die Flotte seines Hauses, insgesamt 20 Flugzeuge der Typen Airbus A 320 und A321, zudem eine der jüngsten in Europa. "Hier soll ein Mittelständler ganz einfach plattgemacht werden", schimpfte der Sprecher. Hilfe vom Land Hessen, etwa durch eine Bürgschaft, kann Aero Lloyd dabei nicht erwarten. Dies sei volkswirtschaftlich nicht naheliegend, hieß es gestern aus dem Wirtschaftsministerium. Außerdem sei die Haupteigentümerin, eben die Bayerische Landesbank, ein Unternehmen mit "großer Potenz".

          Personalvertreterin Meves zeigte sich auch deshalb besonders enttäuscht, weil die Belegschaft schon 1998 einem Gehaltsverzicht von gut zehn Prozent zugestimmt habe, um eine Sanierung des Unternehmens zu ermöglichen. Gleichwohl wolle man auch diesmal die Geschäftsführung dabei unterstützen, das Schlimmste doch noch zu verhindern.

          Beim Flughafenbetreiber Fraport äußerte man sich bestürzt darüber, daß "eine so solide und renommierte Gesellschaft" nun in eine so schwierige Situation geraten sei, so Sprecher Wolfgang Schwalm.

          Für den neuen Oberurseler Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD), der erst am Mittwoch seinen Dienst angetreten hatte, bedeutete die Nachricht der Insolvenz gestern einen "herben Rückschlag" gleich zu Beginn seiner Amtszeit. "Das wirft die aktive Wirtschaftsförderung zurück", sagte Brum. Ein großer Teil der Mitarbeiter komme aus Oberursel oder der näheren Umgebung. Man werde dem Unternehmen, zu dem seitens der Stadt gute Kontakte bestünden, Hilfe und Vermittlung anbieten. Dies sei allerdings nur in eingeschränktem Rahmen möglich. Vor allem wolle man einen Leerstand auf dem "1A-Gewerbegrundstück" an der Lessingstraße vermeiden, das bauliche Erweiterungsmöglichkeiten biete. Bis vor kurzem waren hier noch die Stadtwerke Mieter. Der vierstöckige, verglaste Bau des Aero-Lloyd-Hauptsitzes liegt in der Stadtmitte direkt an der Rückseite des Bahnhofs. Ein Zettel an der Eingangstür wies die Mitarbeiter gestern an, die Seiteneingänge zu benutzen. Nach Bekanntwerden der Insolvenz war das Medieninteresse an Äußerungen aus dem Unternehmen groß.

          Zu möglichen Steuerausfällen äußerte sich der Bürgermeister nicht. Allerdings ist auch in Oberursel die Bedeutung der Gewerbesteuer in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen: Konnten Ende der neunziger Jahre noch insgesamt rund 20 Millionen Euro an Einnahmen verbucht werden, blieben in diesem Jahr wegen Rückerstattungen vom Bruttowert 7,5 Millionen Euro noch ganze 1,5 Millionen Euro übrig. (jor./bie.)

          Rechte und Hotlines

          All jene, die ihre Reise mit Aero Lloyd pauschal gebucht haben, müssen sich zumindest keine finanziellen Sorgen machen. Sie können ihren Anspruch auf den Transport zum oder vom Urlaubsort gegenüber dem Veranstalter geltend machen. Wie die Konzerne Thomas Cook und TUI, die überwiegend in Geschäftsverbindung mit Aero Lloyd standen, gestern mitteilten, sind Ersatzflüge weitgehend gesichert. Beide Gesellschaften haben Hotlines eingerichtet (Thomas Cook: 01803/100380, TUI: 0511/5678000). Für Reisende, die unmittelbar bei der insolventen Gesellschaft ihren Flug gebucht haben, stellt sich die rechtliche Lage schwieriger dar. Im Gegensatz zu Pauschaltouristen besteht für sie kein obligatorischer Versicherungsschutz, sie werden voraussichtlich Ersatzflüge zunächst selbst finanzieren und versuchen müssen, später einen Teil des Geldes aus der Insolvenzmasse zurückzuerhalten. Gleiches gilt für je- ne, die ihr Ticket schon bezahlt haben und die Reise gar nicht mehr antreten. (hs.)

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