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Innerdeutsche Grenze : Idyll sucht neue Anbindung

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Aufwendig restauriert und schön anzusehen: Fachwerkhäuser in Altenburschla. Bild: Marina Pepaj

Altenburschla, ein Dorf in Hessen, an der Grenze zu Thüringen. Zu DDR-Zeiten hat es von seiner Lage profitiert. Heute kämpft es mit ihr.

          7 Min.

          Ulrich Flender blättert durch die vergilbten Seiten in dem rot eingebundenen Gästebuch seines Dorfs. Viele Schwarzweißfotos aus den sechziger Jahren kleben darin. Sie zeigen Gustav Heinemann, Heinrich Lübke, den damaligen kenianische Botschafter, Kurt-Georg Kiesinger, der 1966 Bundeskanzler wurde und die erste Große Koalition führte: Sie alle waren hier. In Altenburschla im äußersten Osten Hessens, an der Grenze zu Thüringen. Die bundesrepublikanische Prominenz gab sich in Altenburschla die Klinke in die Hand. Weil der Ort, heute Teil der Stadt Wanfried, umzingelt war, umzingelt vom Osten.

          Das Foto Kiesingers zeigt noch eine Person: Flenders Schwiegervater Karl Montag, der hinter dem Kanzler steht und ihm beim Schreiben zuschaut. Montag, einst Ortsvorsteher von Altenburschla, hat sie alle hierher in den Werra-Meißner-Kreis geholt. Das Dorf, das durch die deutsche Teilung wie ein Keil in die DDR hineinragte, war auf drei Seiten von Metallgitterzäunen, Wachtürmen, Todesstreifen und Selbstschussanlagen umstanden. Nur eine Straße führte hinein. Karl Montag wollte aus der Lage etwas machen, nicht nur Politiker, sondern auch Touristen nach Altenburschla holen, so schildert es heute Ulrich Flender: Das Dorf sollte zu einer Pilgerstätte für politikinteressierte Bildungsreisende werden, als Lockmittel sollte die Grenze dienen.

          Touristen strömten nach Altenburschla

          Die ersten Reisegruppen kamen 1966. Ende der siebziger Jahre verzeichnete das damals 500 Einwohner zählende Dorf fast 20 000 Übernachtungen im Jahr. Während die Touristen Jahr für Jahr nach Altenburschla strömten, um die Grenze zu bestaunen, versank Großburschla, jenseits der Sperranlagen, in der Isolation. Auch Großburschla liegt auf einem Landzipfel, er ragte jedoch in das Gebiet der Bundesrepublik hinein. Für die DDR war die Grenznähe ein Grund, das Gebiet zur Sperrzone zu erklären. Es kam nur durch, wer einen Passierschein besaß. Und während Altenburschla die Touristen mehr und mehr anzog, war das Nachbardorf im Osten so gut wie isoliert.

          Hätte es die innerdeutsche Grenze nicht gegeben, wäre Ulrich Flender wahrscheinlich niemals in Altenburschla gelandet. Der gebürtige Westfale kam als Bundesgrenzschützer Mitte der sechziger Jahre nach Osthessen. In Flenders Arbeitszimmer hängt ein Foto der Kaserne in Eschwege, ein beiger Vorkriegsbau. Von dort aus fuhren sie damals Streife entlang der Zonengrenze. Ungefähr 70 Kilometer gehörten zu ihrem Grenzabschnitt, auch durch Altenburschla fuhren sie fast täglich. Auf einer Weihnachtsfeier in der Dorfschänke lernte Flender seine spätere Frau kennen, er blieb in Altenburschla. „Obwohl ich in einer Stadt geboren wurde, bin ich kein Stadtmensch“, sagt er. „Hier in Altenburschla ist es ruhig, das gefällt mir.“

          Flender ist ein großgewachsener, kräftiger Mann mit weißem Bart und kurzer Trekkinghose. Seine weißen Socken stecken in schwarzen Sandalen. 71 Jahre ist er alt, immer noch aktiv. Bis zur Wiedervereinigung, insgesamt 24 Jahre lang, patrouillierte er entlang der deutsch-deutschen Grenze in Osthessen. Als sein Schwiegervater Anfang der neunziger Jahre starb, wurde Flender sein Nachfolger, bis heute ist er der Ortsvorsteher in Altenburschla.

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