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Innenstädte kleiner Orte in der Krise : Selbstbehauptung mit fremder Hilfe

Auf der einen Seite: Die Oberurseler Einkaufsstraße mit ihren vielen kleinen Geschäften Bild: Sick, Cornelia

Allein mit kleinen Läden ist in der Innenstadt kein Geschäft mehr zu machen. Wie sich Innenstädte gegen die Konkurrenz größerer Städte behaupten wollen.

          3 Min.

          Der eine hofft noch. Der andere kann schon aus Erfahrung berichten. Reiner Alexander Herrmann betreibt ein Reformhaus in Oberursel und setzt auf die Entwicklung des Rathausareals, damit dort großflächiger Einzelhandel als „Magnet“ für umliegende Geschäfte entstehen kann. Diese sind in Oberursel meist kleiner als 100 Quadratmeter, dafür aber spezialisiert und oft inhabergeführt. Trotz der 140 Läden gebe es Lücken im Angebot, etwa bei Schuhen oder Bekleidung, sagte Herrmann auf Einladung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt zum Thema Einzelhandel im Hochtaunus- und Main-Taunus-Kreis. Von ihrer überdurchschnittlichen Kaufkraft lassen die Oberurseler nur die Hälfte in der Stadt. Eine Entwicklung des Rathausgeländes zu einem kleinen Einkaufszentrum könnte nach Herrmanns Ansicht mehr Kunden in der Stadt halten.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Eine ähnliche Ausgangslage bot sich in Hofheim. Zwar hat die Kreisstadt des Main-Taunus-Kreises eine zentralere Funktion als Oberursel, das noch den größeren Nachbarn Bad Homburg an seiner Seite hat. Doch die entscheidende Konkurrenz ist auch für Hofheim das Main-Taunus-Zentrum in Sulzbach oder die 20 S-Bahn-Minuten entfernte Frankfurter Innenstadt. Vor zweieinhalb Jahren wurde das lange umstrittene Chinon-Center neben dem Rathaus eröffnet, um die Innenstadt attraktiver zu machen. „Wir haben uns vorher überlegt, welche Branchen fehlen“, sagte Markus Buch. Der Geschäftsführer der Heinz Buch GmbH betreibt einen Edeka-Markt im Untergeschoss des Chinon-Centers, ist zugleich aber Spross einer alteingesessenen Hofheimer Familie, die über Generationen das Kaufhaus Buch an der Hauptstraße zu einer Institution gemacht hat.

          Stadt muss „eigene Leute ernähren“

          Nach zweieinhalb Jahren ist Buch zwar nicht euphorisch, was die Umsätze im Chinon-Center angeht. Doch auch wenn es ein bisschen besser sein könne, sei der Bau richtig gewesen: „Wir hatten gar keine andere Wahl.“ Es dauere offenbar ein wenig, bis Hofheim wieder als Einkaufsstandort wahrgenommen werde. Dabei sei klar gewesen, dass in dem neuen Einkaufszentrum zum Beispiel Schuhe und Bekleidung eher im günstigen Segment angeboten würden. Das lasse den bestehenden Händlern in der Altstadt ihre Nische. Andererseits könne man einen Elektromarkt oder einen Herrenausstatter nicht unbedingt in Hofheim erwarten. Es sei wichtig, den Status als Mittelzentrum zu erhalten. „Hofheim, Hattersheim oder Flörsheim müssen ihre eigenen Leute ernähren können.“

          Auf der anderen Seite: Das 2011 eröffnete Chinon-Center in Hofheim

          Das ist im Nachbarkreis in vielen kleineren Orten jenseits des Taunuskamms nicht mehr der Fall. Selbst Nachbarschaftsläden mit ehrenamtlicher Unterstützung haben sich dort nicht gehalten. Größere Städte sieht der stellvertretende Geschäftsführer der IHK für Standortpolitik, Hans-Peter Laux, durch ihre Multifunktionalität im Vorteil. Doch die Konkurrenz, etwa durch das Randsortiment von Möbelhäusern, mache auch den Händlern dort zu schaffen. Prinzipiell sei die Kammer der Ansicht, dass ein innenstadtrelevantes Sortiment auch in die Innenstadt gehöre. Die regionalen Gremien versuchen, dies mit dem Einzelhandelskonzept durchzusetzen. Im Fall der geplanten Segmüller-Ansiedlung in Bad Vilbel wird über dessen strenge Anwendbarkeit wohl vor Gericht entschieden.

          „Verdrängungswettbewerb“ habe ein Ende

          Um innerstädtische Fehlentwicklungen zu verhindern, hält Laux ein angepasstes Einzelhandels- und Dienstleistungskonzept, das auf dem aktuellen Stand gehalten werde, für sinnvoll. Neue Einkaufszentren dürften keine isolierten Blöcke in der Innenstadt werden, sagte Standortpolitik-Geschäftsführer Alexander Theiss. Aber auch Investoren hätten Interesse an einem attraktiven Standort. Herrmann ist deshalb froh, dass sich die Stadt Oberursel schon bisher fachkundigen Rat eingeholt hat. „Städte wie Oberursel, Hofheim oder Bad Homburg haben Chancen, dem Untergang zu entgehen“, sagte der Reformhaus-Inhaber. Kleinere Orte im Usinger Land könnten sich überlegen, ob sie gemeinsam eine Einkaufsmöglichkeit entwickelten, wenn es für die einzelne Gemeinde nicht reiche.

          Grundsätzlich schauen die Händler optimistisch auf das neue Jahr. Die Konjunkturumfrage der Kammer sei erstaunlich positiv ausgefallen, sagte Laux. Die Krise habe kaum zu Einbrüchen im Handel geführt. Für Buch hängen die Erwartungen sehr von der Branche ab. Herrmann verzeichnete schon in den vergangenen Monaten höhere Umsätze. Die steigende Zuwanderung sieht er als Chance, denn damit gewinne das Land außer Fachkräften auch neue Verbraucher. „Lange gab es nur einen Verdrängungswettbewerb“, sagte Herrmann. „Endlich werden wir wieder ein Wachstumsmarkt.“

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