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Inklusives Tanzprojekt : Im Rollstuhl auf die Arche Noah

Vortänzer: Miguel-Angel Zermeno läuft beim Aufwärmtraining voraus. Bild: Helmut Fricke

Ein inklusives Tanzprojekt soll Jugendliche mit und ohne Behinderung zusammenbringen. Viele Teilnehmer starten mit Vorbehalten – die aber schnell abgelegt werden.

          4 Min.

          Gennaro will nicht mitmachen. Er hockt im Geräteraum einer Turnhalle am Wiesenhüttenplatz, blickt finster in die kalte Turnhalle, manchmal murmelt er leise schimpfend vor sich hin. In der Halle stehen seine Mitschüler, Kinder der vierten Klasse der Weißfrauenschule, eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Sprache.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Kinder stehen im Kreis mit Miguel-Angel Zermeno, einem gebürtigen Mexikaner, der Tänzer, Choreograph und Tanzpädagoge ist. Zermeno ist schlank und durchtrainiert, er trägt lange schwarze Haare, einen akkurat getrimmten Bart und eng anliegende schwarze Gymnastikkleidung. Er bewegt sich elegant und strahlt große Gelassenheit aus. Gemeinsam mit den Kindern macht er Aufwärmübungen. Die Gruppe streckt sich, beugt sich vor, macht zischende Atemgeräusche und formt imaginäre Bälle in der Luft. Dann läuft sie los, Zermeno vorneweg, die Arme ausgebreitet wie ein Kind, das Flieger spielt. Die Gruppe folgt ihm, eine stolpernde Schlange, einige lachen ein unentschiedenes Lachen zwischen amüsiert und peinlich berührt.

          Erst einmal gar nichts abgewinnen

          Die Klasse übt für ein inklusives Tanzprojekt. „Arche Noah“ lautet der Titel, Ende Mai soll es im Sendesaal des Hessischen Rundfunks aufgeführt werden. Außer den Schülern der Weißfrauenschule nehmen Kinder vieler weiterer Schulen der Region teil, außerdem unter anderem eine Flamencogruppe, ein Gebärdenchor, eine Theatergruppe von Menschen mit Behinderungen – insgesamt sind rund 200 Teilnehmer dabei. Es ist ein Projekt, das die Frankfurter Lorenz-Stiftung gemeinsam mit dem Evangelischen Verein für Innere Mission (Evim) in Nassau organisiert.

          Stiftungsgründer Heinz-Jürgen Lorenz kennt die Reaktionen cooler Jungs, die solchen Tanzveranstaltungen in Gymnastikschläppchen erst einmal gar nichts abgewinnen können, nur zu gut. Er erinnert sich an die Aufführung der „Schöpfung“ von Joseph Haydn vor einigen Jahren. Auch damals wollte seine Stiftung mit dem Projekt Alt und Jung, Behinderte und Nichtbehinderte, Profis und Amateure über alle sozialen Schichten hinweg zusammenbringen. Und auch damals gab es ein paar harte Jungs, die das alles ziemlich albern fanden. „Aber bei der ersten gemeinsamen Probe, da hat alles geklappt wie am Schnürchen“, sagt Lorenz. Denn als die Jungs gesehen hätten, mit welchem Eifer unter anderem die behinderten Teilnehmer bei der Sache gewesen seien, da hätten sie nicht blöd dastehen wollen. Lorenz, 81 Jahre alt, Turnschuhträger mit vollem Haar und juvenilem Charme, lächelt verschmitzt. „Die haben sich geschämt.“

          Dass es „Klick“ macht

          Er spricht von „bleibenden Erfahrungen“, die die Teilnehmer machten, von Leistung, Disziplin und Zuverlässigkeit. Und davon, dass es bei manchem vielleicht etwas bewirkt, wenn er sieht, dass man mit Leistung, Disziplin und Zuverlässigkeit etwas erreichen kann. Und er hofft, dass das gemeinsame Erfolgserlebnis an den Teilnehmern des Projekts nicht spurlos vorbeigeht. „Ich möchte einen Konzertsaal mit tosendem Applaus. Und ich möchte, dass die Teilnehmer und Kinder sehen, dass der ihnen gilt“, sagt Lorenz. Irgendwann, so der Stiftungsgründer, werde dieses Erfolgserlebnis dazu führen, dass es beim ein oder anderen „Klick“ mache. Dass jemand, der sonst vielleicht nie in einen Konzertsaal gekommen wäre, sich nicht aufgibt, sondern an sich glaubt. Weil er eben einmal erlebt hat, wie ihm tosend applaudiert wurde.

          An diesem Morgen in der Turnhalle am Wiesenhüttenplatz ist dieses Ziel noch sehr weit weg. Zermeno und seine Assistentin, die Tänzerin Miriam Schönauer, und die Lehrerinnen versuchen den Grundschülern zu vermitteln, warum es sich vielleicht ja lohnt, ordentlich mitzumachen. Sie malen ihnen den Applaus aus, schildern, wie toll der Sendesaal des Hessischen Rundfunks ist, und sagen, dass manche vielleicht hinterher traurig sein würden, wenn sie das alles nicht miterleben würden.

          „Geben wir nach der Show Autogramme?“

          „Ihr müsst euch richtig anstrengen. Wenn ihr Mist baut, euch nicht benehmt, stört und andere runterzieht, dann geht es nicht“, sagt Schönauer. „Wir müssen jetzt strenger sein, aber nicht, weil wir euch nicht gern haben.“ Die Kinder, die neben ihr sitzen, heißen Adam, Efkan, Hamid, Kiana oder Andrew, die Eltern kommen aus Pakistan, Bulgarien oder Marokko. „Geben wir nach der Show Autogramme?“, fragt Kiana. Und einer ihrer Klassenkameraden will wissen: „Wenn die Eltern kommen, sitzen die dann ganz vorne?“ Zermeno lenkt ein bisschen ab, erklärt, warum er tanzt und dass es darum geht, froh zu sein und Spaß zu haben. „Und froh ist man, wenn man zusammen etwas erreicht hat“, sagt Zermeno.

          Die Geschichte, die er sich für „Arche Noah – Gemeinsam die Welt bewegen“ ausgedacht hat, knüpft an das Tanzprojekt „Die Schöpfung“ an. Am Anfang befindet sich die Welt noch in Harmonie, passend dazu schallt Edvard Griegs „Morgenstimmung“ aus der Anlage. Die Welt ist voller Tiere, Zermeno zeigt, wie Vögel fliegen, Pferde galoppieren und Gorillas sich, auf Fingerknochen aufgestützt, bewegen. Und die Jungs der Schulklasse wollen natürlich alle Teil der tobenden Affenhorde sein.

          Anrufen gegen die laute Musik

          Gennaro ist das alles zu blöd. Er schnaubt genervt. Er ist elf Jahre alt und von schwerer Statur. Er sagt, dass er gerne am Computer sitzt und „zockt“. Jedenfalls hat er keine Lust, alberne Tänzchen aufzuführen. Eine seiner Lehrerinnen steht vor ihm. Mit Engelszungen redet sie auf ihn ein, versucht ihn zu überreden, mitzumachen. Vergeblich.

          Einige Monate nach der Probe in der kalten Turnhalle treffen sich alle Teilnehmer des Projekts zur ersten gemeinsamen Probe in einer Turnhalle in Unterliederbach. Bis zur Aufführung sind es noch gut acht Wochen. Zermeno läuft ausladend gestikulierend von einer Gruppe zur anderen, er ruft gegen die laute Musik an. Mit Holzbänken hat der Choreograph die ungefähre Größe der Bühne abgesteckt. In einer Ecke der imaginären Bühne sitzt die 23 Jahre alte Lena Schachner in ihrem Rollstuhl mit den Eintracht-Adlern auf den Reifen. Sie wurde mit offenem Rücken geboren. Schachner ist Mitglied der „Schlocker-Tigers“ aus Hattersheim, einer Gruppe des Theaters „Unvorstellbar“ der Evim-Behindertenhilfe. Sie hat bereits Bühnenerfahrung und ist entsprechend abgeklärt. „Ich finde es ganz gut, dass hier auch andere mitmachen.“

          Einer davon ist Gennaro. Er sitzt in einem Nebenraum, durch ein großes Fenster kann man in die Halle gucken. Gennaro nuckelt entspannt an einer Plastikflasche mit Wasser, seine Gruppe hat den ersten Probeauftritt hinter sich. „Am Anfang hat es mir nicht gefallen, ich dachte, es wäre peinlich“, sagt er – und ergänzt, dass er eigentlich gern allein sei. „Aber jetzt habe ich gemerkt, dass es Spaß macht“, sagt der Elfjährige. Auch Efkan und Hamid, die das alles zunächst ein bisschen peinlich fanden, macht die Probe inzwischen Spaß.

          Efkan findet „den Typ irgendwie geil“ – gemeint ist Zermeno. Und Adam ist schon sehr gespannt auf die Aufführung. Wollen Sie denn auch, dass ihre Eltern kommen? Efkan winkt zuerst ab: lieber nicht. Doch dann überlegt er es sich anders. Doch, die Eltern können schon kommen. Er macht eine Pause. „Aber sie sollen danach nix Doofes sagen.“

          „Arche Noah – Gemeinsam die Welt bewegen“

          Das Tanzprojekt wird am Mittwoch, 22. Mai, um 19.30 Uhr im Sendesaal des Hessischen Rundfunks, Bertramstraße 8, in Frankfurt aufgeführt. Musikalisch begleitet wird das Projekt vom HR-Sinfonie-Orchester. Der Fernsehmoderator Juri Tetzlaff kümmert sich gemeinsam mit Choreograph Miguel-Angel Zermeno um die Realisierung. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen. Karten und Informationen gibt es online unter www.gemeinsam-die-welt-bewegen.de

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