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Inklusives Tanzprojekt : Im Rollstuhl auf die Arche Noah

An diesem Morgen in der Turnhalle am Wiesenhüttenplatz ist dieses Ziel noch sehr weit weg. Zermeno und seine Assistentin, die Tänzerin Miriam Schönauer, und die Lehrerinnen versuchen den Grundschülern zu vermitteln, warum es sich vielleicht ja lohnt, ordentlich mitzumachen. Sie malen ihnen den Applaus aus, schildern, wie toll der Sendesaal des Hessischen Rundfunks ist, und sagen, dass manche vielleicht hinterher traurig sein würden, wenn sie das alles nicht miterleben würden.

„Geben wir nach der Show Autogramme?“

„Ihr müsst euch richtig anstrengen. Wenn ihr Mist baut, euch nicht benehmt, stört und andere runterzieht, dann geht es nicht“, sagt Schönauer. „Wir müssen jetzt strenger sein, aber nicht, weil wir euch nicht gern haben.“ Die Kinder, die neben ihr sitzen, heißen Adam, Efkan, Hamid, Kiana oder Andrew, die Eltern kommen aus Pakistan, Bulgarien oder Marokko. „Geben wir nach der Show Autogramme?“, fragt Kiana. Und einer ihrer Klassenkameraden will wissen: „Wenn die Eltern kommen, sitzen die dann ganz vorne?“ Zermeno lenkt ein bisschen ab, erklärt, warum er tanzt und dass es darum geht, froh zu sein und Spaß zu haben. „Und froh ist man, wenn man zusammen etwas erreicht hat“, sagt Zermeno.

Die Geschichte, die er sich für „Arche Noah – Gemeinsam die Welt bewegen“ ausgedacht hat, knüpft an das Tanzprojekt „Die Schöpfung“ an. Am Anfang befindet sich die Welt noch in Harmonie, passend dazu schallt Edvard Griegs „Morgenstimmung“ aus der Anlage. Die Welt ist voller Tiere, Zermeno zeigt, wie Vögel fliegen, Pferde galoppieren und Gorillas sich, auf Fingerknochen aufgestützt, bewegen. Und die Jungs der Schulklasse wollen natürlich alle Teil der tobenden Affenhorde sein.

Anrufen gegen die laute Musik

Gennaro ist das alles zu blöd. Er schnaubt genervt. Er ist elf Jahre alt und von schwerer Statur. Er sagt, dass er gerne am Computer sitzt und „zockt“. Jedenfalls hat er keine Lust, alberne Tänzchen aufzuführen. Eine seiner Lehrerinnen steht vor ihm. Mit Engelszungen redet sie auf ihn ein, versucht ihn zu überreden, mitzumachen. Vergeblich.

Einige Monate nach der Probe in der kalten Turnhalle treffen sich alle Teilnehmer des Projekts zur ersten gemeinsamen Probe in einer Turnhalle in Unterliederbach. Bis zur Aufführung sind es noch gut acht Wochen. Zermeno läuft ausladend gestikulierend von einer Gruppe zur anderen, er ruft gegen die laute Musik an. Mit Holzbänken hat der Choreograph die ungefähre Größe der Bühne abgesteckt. In einer Ecke der imaginären Bühne sitzt die 23 Jahre alte Lena Schachner in ihrem Rollstuhl mit den Eintracht-Adlern auf den Reifen. Sie wurde mit offenem Rücken geboren. Schachner ist Mitglied der „Schlocker-Tigers“ aus Hattersheim, einer Gruppe des Theaters „Unvorstellbar“ der Evim-Behindertenhilfe. Sie hat bereits Bühnenerfahrung und ist entsprechend abgeklärt. „Ich finde es ganz gut, dass hier auch andere mitmachen.“

Einer davon ist Gennaro. Er sitzt in einem Nebenraum, durch ein großes Fenster kann man in die Halle gucken. Gennaro nuckelt entspannt an einer Plastikflasche mit Wasser, seine Gruppe hat den ersten Probeauftritt hinter sich. „Am Anfang hat es mir nicht gefallen, ich dachte, es wäre peinlich“, sagt er – und ergänzt, dass er eigentlich gern allein sei. „Aber jetzt habe ich gemerkt, dass es Spaß macht“, sagt der Elfjährige. Auch Efkan und Hamid, die das alles zunächst ein bisschen peinlich fanden, macht die Probe inzwischen Spaß.

Efkan findet „den Typ irgendwie geil“ – gemeint ist Zermeno. Und Adam ist schon sehr gespannt auf die Aufführung. Wollen Sie denn auch, dass ihre Eltern kommen? Efkan winkt zuerst ab: lieber nicht. Doch dann überlegt er es sich anders. Doch, die Eltern können schon kommen. Er macht eine Pause. „Aber sie sollen danach nix Doofes sagen.“

„Arche Noah – Gemeinsam die Welt bewegen“

Das Tanzprojekt wird am Mittwoch, 22. Mai, um 19.30 Uhr im Sendesaal des Hessischen Rundfunks, Bertramstraße 8, in Frankfurt aufgeführt. Musikalisch begleitet wird das Projekt vom HR-Sinfonie-Orchester. Der Fernsehmoderator Juri Tetzlaff kümmert sich gemeinsam mit Choreograph Miguel-Angel Zermeno um die Realisierung. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen. Karten und Informationen gibt es online unter www.gemeinsam-die-welt-bewegen.de

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