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Inklusion behinderter Kinder : Förderschulen vor ungewisser Zukunft

Miteinander: Behinderte Kinder in Regelschulen integrieren - dem wollen sich der Wetteraukreis und der Kreis Offenbach annehmen. Damit werden sie zu „Modellregionen Inklusive Bildung.“ Bild: dpa

In Hessen soll es nun vier statt ursprünglich zwei Modellregionen für Inklusion geben. Damit werden einige Förderschulen schließen. Doch Widerstand regt sich - auch von eher inklusionsfreudiger Seite.

          3 Min.

          Die Voraussetzungen, behinderte Kinder in Regelschulen zu integrieren, werden besser: Mit dem Wetteraukreis und dem Kreis Offenbach haben sich kurz vor Weihnachten zwei weitere Schulträger zu „Modellregionen Inklusive Bildung“ erklärt. Damit gibt es in Hessen nun vier solcher Regionen, die in Kooperation mit dem Land ihre Schulstrukturen im Sinn der UN-Behindertenrechtskonvention umbauen wollen. Auch die anderen beiden Schulträger, Wiesbaden und der Hochtaunuskreis, liegen im Rhein-Main-Gebiet.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ungewiss dagegen ist die Zukunft der Förderschulen. Dass die Zahl der einst als Sonder- und noch früher als Hilfsschulen bezeichneten Bildungsstätten abnehmen muss, ist eine logische Konsequenz der Inklusion: Wenn immer mehr Kinder mit körperlicher oder geistiger Behinderung, mit gravierenden Lernschwächen oder Verhaltensstörungen reguläre Schulen besuchen, dann werden weniger Plätze in den Förderschulen benötigt. Und damit auch weniger Lehrer. Das Land, welches das frei werdende Personal an den Regelschulen einsetzen möchte, verpflichtet die Schulträger deshalb, Förderschulen zu schließen oder wenigstens zu verkleinern.

          Sonderpädagogen zur Regelschule

          Im Wetteraukreis gibt es derzeit fünf Förderschulen, die zusammen 860Schüler unterrichten: die Brunnenschule in Bad Vilbel, die Gabriel-Biel-Schule in Butzbach, die Helmut-von-Bracken-Schule in Friedberg, die Gudrun-Pausewang-Schule in Nidda und die Erich-Kästner-Schule in Ortenberg. Nur zwei von ihnen, die Kästner- und die Bracken-Schule, sollen als „stationäre Systeme“ bestehen bleiben. Damit bezeichnet das Kultusministerium Schulen im herkömmlichen Sinn, also mit eigenen Schülern. Die anderen Förderschulen sollen keine neuen Klassen mehr bilden, sondern nur noch als regionale Beratungs- und Förderzentren fungieren. Als solche unterstützen sie die Inklusion an den Regelschulen, indem sie Sonderpädagogen dorthin entsenden und Lehrer für den Unterricht mit behinderten Kindern fortbilden.

          Auch der Kreis Offenbach will seine Förderschulen, auf die momentan noch etwa 1000 Kinder und Jugendliche gehen, nach und nach abbauen. Mit dem Land hat der Kreis vereinbart, die Helene-Lange-Förderschule in Rödermark zu schließen sowie an der Friedrich-Fröbel-Schule in Neu-Isenburg den Förderschwerpunkt Lernen aufzugeben und nur die Sprachheilförderung fortzuführen.

          Keine halbherzige Inklusionspolitik

          Wie in den anderen Modellregionen auch konzentriert sich der Abbau der „stationären Systeme“ auf den Förderschwerpunkt Lernen. Es geht somit um Kinder, die nicht geistig behindert sind, aber so große und dauerhafte Lernschwierigkeiten haben, dass sie mit ihren Altersgenossen nicht mithalten können und schlechte Chancen auf einen regulären Abschluss haben. Trotzdem dürfte ihre Integration einfacher sein als etwa die von Schwerstkörperbehinderten, die aufwendige technische und medizinische Hilfe brauchen, aber auch von Kindern, die sich aufgrund eines extrem gestörten Sozialverhaltens nicht in den Klassenverband einfügen können oder sogar Mitschüler gefährden.

          Die scheidende Kultusministerin Nicola Beer (FDP) kann mit dem Abschluss der zwei neuen Kooperationsvereinbarungen der Kritik entgegentreten, die schwarz-gelbe Landesregierung habe die Inklusion nur halbherzig betrieben. Beers Staatssekretär Alexander Lorz (CDU) verweist darauf, dass aus den ursprünglich zwei Modellregionen, die für die zu Ende gehende Legislaturperiode geplant gewesen seien, nun vier geworden seien. Nach seinen Angaben besuchen im Landesdurchschnitt 4,5 Prozent der Schüler eine Förderschule. Das Ziel, diesen Anteil langfristig auf vier Prozent zu senken, wirkt jedoch bescheiden: In den beiden jüngsten Modellregionen ist die Quote durch bisherige Inklusionsbemühungen der Schulträger schon jetzt auf 2,8 Prozent gesunken.

          Eine verkomplizierte Lage

          Wo Schulen geschlossen werden sollen, regt sich allerdings Widerstand. In Wiesbaden stellten sich sogar die inklusionsfreudigen Grünen auf die Seite derer, die gegen das Ende der August-Hermann-Francke-Schule, einer Förderschule für Lernhilfe, protestierten. Und auch in Frankfurt, das sich erst noch als Modellregion bewerben möchte, haben die damit in Verbindung stehenden Teilschließungen der Bürgermeister-Grimm-Schule, der Karl-Oppermann-Schule und der Kasinoschule zu einem Aufschrei geführt. Dabei wenden sich Schulleitungen, Personalräte und Lehrergewerkschaft GEW nicht prinzipiell dagegen, dass Förderschulen im Zuge der Inklusion kleiner werden oder sogar verschwinden. Sie kritisieren jedoch, dass die Stadt die Umstellung konzeptlos und über die Köpfe der Beteiligten hinweg vollziehe.

          Verkompliziert wird die Lage durch den Regierungswechsel in Wiesbaden. Kernstück der schwarz-gelben Inklusionspolitik war die Entwicklung von Förderschulen hin zu Beratungs- und Förderzentren. Anders als beim Vorläufer der Inklusion, dem in Frankfurt praktizierten „Gemeinsamen Unterricht“, werden nach diesem Modell Sonderpädagogen nicht mehr fest an einer allgemeinen Schule beschäftigt, sondern an einem der Zentren. Die wiederum setzen sie dort ein, wo sie für den inklusiven Unterricht gebraucht werden. Die neue schwarz-grüne Koalition will das nicht beibehalten: Förderlehrer sollen wieder fest dem Kollegium der allgemeinen Schule angehören. Die Frage, welche Rolle dann den Beratungs- und Förderzentren zufällt, muss die künftige Landesregierung noch beantworten. Vor allem den Modellregionen, die in den Kooperationsvereinbarungen verpflichtet wurden, die Zentren auszubauen.

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