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Gegen Antisemitismus : Einen Juden mieten

  • -Aktualisiert am

„Rent A Jew“: Michael Friedman und Miriam Marhöfer klären über das Judentum auf. Bild: Michael Kretzer

Die Initiative „Rent A Jew“ vermittelt jüdische Referenten an öffentliche Einrichtungen. Dadurch sollen Vorurteile abgebaut werden und kultureller Austausch gestärkt werden. Eine Gemeinde in Hessen hat es ausprobiert.

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          Lampertheim. Miriam Marhöfer ist unzufrieden. „Mich stört, dass sich viele Juden immer für die Politik Israels rechtfertigen müssen“, sagt die 39 Jahre alte Sozialarbeiterin. Marhöfer ist als Referentin der Initiative mit dem provokanten Namen „Rent A Jew“ ins Gemeindehaus der evangelischen Luther-Gemeinde in Lampertheim gekommen. Zusammen mit Michael Friedman wurde sie für diesen Abend eingeladen, um von ihrem Leben als Juden in Deutschland zu erzählen. Häufig bekämen sie dabei Fragen zur politischen Lage in Israel gestellt. Für sie sei das kein Problem, sagt die Mannheimerin zu den Gemeindemitgliedern, die im Halbkreis um sie herum sitzen und dabei an Matze-Brot und koscheren Gummibärchen knabbern. „Aber wir sind nicht von Rent An Israeli, sondern von Rent A Jew“, hebt sie hervor. Wichtiger als politische Diskussionen sei ihr, über religiöses Leben und Antisemitismus zu sprechen.

          „Sie kennen keinen Juden? Mieten Sie sich einen.“ So lautet einer der Sprüche, mit denen Rent A Jew auf sich aufmerksam machen will. Das Motto: „Sprechen Sie mit uns. Nicht über uns.“ Um Stereotypen und Vorurteilen entgegenzuwirken, vermittelt die Initiative Juden an Schulen, Gemeinden und Vereine. Vorgaben bekämen die Referenten von Rent A Jew keine, sagt Friedman. Man solle einfach erzählen und Fragen aus seiner Sicht beantworten. So könne es passieren, dass bei einem Termin ein orthodoxer und bei einem anderen ein nichtreligiöser Jude von seinen Erlebnissen berichte.

          „Nicht jeder Jude ist tief verbunden mit der Religion“

          Elf Mitglieder der Luther-Gemeinde sitzen an diesem Abend im Gemeindezentrum und lauschen dem Vortrag der beiden Referenten. In ihrer knapp einstündigen Präsentation stellen Friedman und Marhöfer sich vor und erzählen, was es für sie bedeutet, in der heutigen Zeit Jude zu sein. Friedman bezeichnet sich als liberal. „Nicht jeder Jude ist tief verbunden mit der Religion. Und nicht alle sehen aus wie die orthodoxen Juden, die man oft im Fernsehen sieht. Die meisten laufen so herum wie ich“, sagt der 58 Jahre alte Ingenieur, der Jeans und Karohemd trägt. Obwohl er selbst nicht besonders religiös sei, kämpfe er zusätzlich zur ehrenamtlichen Tätigkeit bei Rent A Jew auch in sozialen Medien gegen Antisemitismus. Im Gegensatz zu Friedman sei sie traditionelle Jüdin, sagt Marhöfer. Sie sei konservativ erzogen worden. Noch immer feiere sie die jüdischen Feste – mit Fasten und allem, was dazugehöre. Außerdem befolge sie die Lebensmittelvorschriften der Tora.

          Zur Begegnung in Lampertheim haben die Referenten einige koschere Knabbereien, aber auch Gebetbücher, eine Menora und eine Tora mitgebracht. Während das Gebetbuch rundum gereicht wird, legt sich Friedman den mitgebrachten Gebetsschal um die Schultern. Die Kippa mit dem Bayern-München-Logo ist ihm zu klein. Sie hat er nur mitgebracht, um zu zeigen, wie unterschiedlich die religiöse Kopfbedeckung aussehen kann. Stattdessen setzt er sich ein klassisch weißes Exemplar auf den Kopf und legt sich den Gebetsriemen an. „So, jetzt wäre ich fertig, um zum Gebet zu gehen“, sagt er und präsentiert sich lachend der Gruppe.

          Die ersten Wortmeldungen während des Vortrags sind noch allgemein gehalten. Was ist der Unterschied zwischen Bar und Bat Mizwah? Sind Scheidungen im Judentum erlaubt? Friedman erklärt, dass jüdische Jungen mit 13 Jahren Bar Mizwah und Mädchen mit zwölf Jahren Bat Mizwah feiern. „So ähnlich wie bei Ihnen die Konfirmation.“ Marhöfer erzählt von ihrer eigenen Scheidung: „Das ist bei uns kein Problem.“

          Persönliche Fragen

          Später trauen sich die Gemeindemitglieder auch, persönlichere Fragen zu stellen. Immer wieder geht es um Antisemitismus. „Haben Sie damit selbst Erfahrungen gemacht?“, fragt eine ältere Dame. Das bejaht Marhöfer. In ihrer Schulzeit sei sie „Jewing Gum“ genannt und gehänselt worden. Friedman erzählt, dass er auch in seinem Wohnort Mannheim schon genötigt worden sei, Fragen zur Israel-Politik zu beantworten. Aber er persönlich sei mit antisemitischen Äußerungen in seinem Umfeld selten konfrontiert gewesen.

          Mehrfach kommt die Sprache auf das Cover von „Der Spiegel Geschichte“, auf dem im April zwei orthodoxe Juden unter der Überschrift „Jüdisches Leben in Deutschland – Die unbekannte Welt nebenan“ zu sehen waren. Für Marhöfer und Friedman ein Beweis dafür, dass noch immer Klischees das Bild vom jüdischen Leben in Deutschland prägten und die Bürger nicht als Teil der Gesellschaft anerkannt seien. „Wir sind doch nicht von nebenan. Sondern von mittendrin“, sagt Marhöfer. Die Besucher nicken und murmeln zustimmend.

          Die meisten Gemeindemitglieder, die gekommen sind, wussten schon vorher viel über das Judentum. Dass die Besucher so viel Vorwissen mitbringen wie an diesem Abend, sei selten, sagt Marhöfer. Häufig würden sie in Schulklassen eingeladen, in denen die Kinder deutlich unverblümter nachfragten. Muslimische Jugendliche seien anfangs oft vorsichtig. Wenn sie merkten, dass es viele Gemeinsamkeiten gebe, ändere sich das. „Ein Schüler, der am Anfang der Begegnung viele Vorurteile hatte, wollte uns am Ende fast umarmen“, sagt Marhöfer.

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