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Informationstag an der Odenwaldschule : Offene und verschlossene Türen

Gut 100 Jahre sind seit Gründung, zwei Jahre seit dem Skandal vergangen. Bild: dapd

Viele Schulen laden die Eltern in diesen Tagen zu Informationstagen ein. So auch die Odenwaldschule.

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          Das idyllische Bild ist oft beschrieben worden. Und doch kann sich ihm kaum jemand entziehen, der das Hambacher Tal hinauffährt. Wie ein Freilichtmuseum schmiegt sich das Ensemble der Odenwaldschule an die Hänge. Pfade und Treppen verbinden die Häuser, die Dachgauben der Altbauten sind von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Auf dem Parkplatz vor dem Hauptgebäude sind noch Plätze frei. Mit etwas mehr Andrang hatte die Schulleitung wahrscheinlich schon gerechnet, als sie für Samstag zum Tag der offenen Tür einlud. Aber lieber so, als wenn Kamerateams und Skandaltouristen gekommen wären.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Bald zwei Jahre sind vergangen, seitdem die Odenwaldschule in die Schlagzeilen geriet, weil Lehrer dort systematisch Schüler missbraucht hatten. Die Schule zählt etwa 130 Opfer sexueller Übergriffe, der Opferverein Glasbrechen vermutet bis zu 500 Fälle. Als der Skandal publik wurde, hatte sich die reformpädagogische Bildungsstätte, die 1910 von Paul Geheeb und seiner Frau Edith gegründet wurde, gerade auf die Feiern zum hundertjährigen Bestehen vorbereitet. Noch immer hängt das Jubiläumsplakat an der Tür zum Neubau, in dem die Besucher willkommen geheißen werden. „100 Jahre leben lernen“, steht darauf.

          Manche haben ihre Kinder gleich mitgebracht

          In einem Konferenzraum haben sich ein gutes Dutzend Eltern versammelt, die sich über das Angebot der Gesamtschule informieren möchten. Internatsleiter Roland Kubitza und die kommissarische Direktorin Katrin Höhmann halten einen Vortrag und beantworten Fragen. Bis zum Beginn des Schuljahrs lag die Leitung in einer Hand, nun gibt es neben Kubitza und Höhmann noch einen Geschäftsführer. Damit ist die Schule Kritikern entgegengekommen, die sich von einem Team mit klaren Zuständigkeiten mehr Kontrolle und Transparenz erhoffen.

          Während Kubitza und Höhmann über latktosefreie Ernährung, die Wanderwoche und Aufenthalte in englischen Internaten sprechen, öffnet sich ab und zu die Tür. Neue Gäste kommen hinzu, die meisten erscheinen als Paar, manche haben ihre Kinder gleich mitgebracht. Die stehen am Ende der Grundschule und sollen nun in die fünfte Klasse wechseln.

          Reformpädagogischen Eifer verströmt die Leitung nicht

          Solche Tage der offenen Tür finden derzeit an fast allen weiterführenden Schulen in der Region statt. Und als eine ganz normale Bildungsstätte möchte sich auch die Odenwaldschule präsentieren: „Kleine Klassen, professionelles Lerncoaching und auf die Kinder und Jugendlichen individuell abgestimmte Angebote sind heute die Basis für gelingende Bildungsprozesse“, heißt es in der Einladung. Das werden aber auch viele andere Schulen für sich in Anspruch nehmen.

          Reformpädagogischen Eifer verströmen Kubitza und Höhmann nicht. Trotzdem wird deutlich, dass an der Odenwaldschule anders als im Gymnasium um die Ecke gelernt wird. Das kann auch schon einmal, ganz wie im Klischee, auf einer Blumenwiese sein. Die Schüler werden musisch und handwerklich gefordert, es gibt Freizeitangebote wie eine Wildnis AG, gelernt wird an sechs Tagen die Woche. Noten gebe es in den Jahrgängen fünf und sechs noch nicht, sagt Höhmann. Wichtig ist ihr, dass die Schüler alle Abschlüsse machen, dass also auch jemand, der auf dem Weg zum Abitur die Lust verliere, einen Haupt-, Real- oder Fachhochschulabschluss habe. Rund 150 Schüler gehen derzeit auf das Internat, hinzu kommen die etwa 50 externen Schüler, die vom Frühstück bis zum Abendessen bleiben können.

          Schülerzimmer auch von innen abschließbar

          Die Internatsschüler leben in sogenannten Familien, also in festen, altersübergreifenden Gruppen, in jeweils eigenen Häusern, geführt von einem „Familienhaupt“. Diese Struktur wurde beibehalten, trotz der schrecklichen Auswüchse, die sie ermöglicht, zumindest aber begünstigt hat. Allerdings gebe es heute in jeder Gruppe eine weibliche und eine männliche Lehrkraft, sagt Kubitza. Teils seien dies auch Ehepaare, manche mit eigenen Kindern.

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