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CDU-Fraktionsvorsitzende : Die neue Vorsitzende

CDU-Führungsduo: Ines Claus, neue Fraktionsvorsitzende im Landtag, mit Parteichef und Ministerpräsident Volker Bouffier Bild: dpa

Nach der Ernennung von Michael Boddenberg zum hessischen Finanzminister wird Ines Claus dessen Nachfolgerin als Vorsitzende der Landtagsfraktion der CDU. Die Wahl gilt als Überraschung.

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          Eine Frau mit drei Kindern aus der vierten Reihe der Fraktion ist Vorsitzende geworden.“ So beschrieb die CDU-Landtagsabgeordnete Ines Claus am Freitag ihre überraschende Wahl an die Spitze der Union im Hessischen Landtag. Dies sei für ihre Partei ein so außergewöhnlicher Vorgang, dass sie mit einem schlechteren Ergebnis gerechnet habe, sagte Claus. Von den 40 Abgeordneten stimmten acht gegen und 29 für sie. Das entspricht einer Zustimmungsquote von 72,5 Prozent.

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Die Zweiundvierzigjährige, die sich kurz nach ihrer Wahl in einer Telefonkonferenz äußerte, folgt auf Michael Boddenberg, der am Vormittag im Landtag als neuer Finanzminister vereidigt wurde. Claus gehört dem Landtag erst seit einem guten Jahr an. Bei den Wahlen im Herbst 2018 gewann sie im Kreis Groß-Gerau das Direktmandat. Vorher hatte sie sich jahrelang in der Kommunalpolitik und in Vereinen ehrenamtlich engagiert.

          Familie und Beruf

          Claus hat in Frankfurt Jura und Politikwissenschaften studiert. Bevor sie Abgeordnete wurde, war sie in unterschiedlichen führenden Funktionen in der Landtagsverwaltung tätig. Im Plenum ist sie bislang kaum in Erscheinung getreten. Sie gehört dem Ausschuss für Wissenschaft und Kunst an. Mit ihrem Mann, einem Mediziner, hat sie drei Kinder.

          Es zeige sich, dass die Familie das berufliche Fortkommen von Frauen heute nicht mehr ausschließe, sagte Claus. Ihre Wahl sei „ein ganz starkes Signal für die jüngere Generation unserer Partei“. Sie selbst erlebe die Pandemie zusammen mit ihrer Familie. „Ich komme gerade aus dem Home-Schooling.“ Aus dieser Krise müsse man eine Chance machen.

          Ihre Hauptaufgabe bestehe darin, der Regierung in der Ausnahmesituation den Rücken zu stärken. Familie, Schule Gesundheit und Soziales seien ihre Schwerpunkte. „Da ist es gut, wenn man die Probleme schon am Küchentisch kennengelernt hat.“ Claus sagte, sie sei am Mittwoch gefragt worden, ob sie sich die Übernahme des Amtes vorstellen könne. Am Donnerstagabend habe festgestanden, dass sie der Fraktion vorgeschlagen werde.

          „Mal was ganz anderes wagen“

          Holger Bellino, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion, sagte, er habe die Idee gemeinsam mit dem Parteichef Volker Bouffier und Fraktionschef Michael Boddenberg entwickelt. „Wir meinten, dass man jetzt mit einer jungen Frau mal was ganz anderes wagen müsse, und waren davon zunehmend begeistert.“ In der Fraktion habe es zu Claus keine negative Wortmeldung gegeben, versicherte Bellino auf Nachfragen. Das Treffen dauerte gut eineinhalb Stunden. Es fand im Plenarsaal nach Boddenbergs Vereidigung statt. Der langjährige Fraktionschef ersetzt Thomas Schäfer, der sich am Wochenende das Leben genommen hatte. „Ausgerechnet er“, sagte Parlamentspräsident Boris Rhein (CDU) in einer Gedenkrede, der die Parlamentarier stehend folgten. Er habe Schäfer als Ausnahmepolitiker kennengelernt, dem keine Herausforderung zu groß gewesen sei, um ihr nicht kraftvoll zu begegnen, so Rhein.

          Die Abgeordneten und Regierungsmitglieder waren nicht vollzählig erschienen. Sie saßen in großen Abständen zueinander. Viele verfolgten die Sitzung auf der Tribüne oder in ihren Büros. Gemäß einer Vereinbarung zwischen den Fraktionen behielt die Ein-Stimmen-Mehrheit der schwarz-grünen Koalition ihre Gültigkeit.

          Das war für die offene Abstimmung über Boddenberg von zentraler Bedeutung. Die Vertrauensfrage, über die das Parlament zu befinden hatte, betraf nach den Vorgaben der Verfassung nicht allein den neuen Minister, sondern die gesamte Regierung. Ihr komplett das Vertrauen auszusprechen, fand sich keine Oppositionsfraktion bereit. Boddenbergs Amtseid nahm Ministerpräsident Bouffier ab. Der Katholik ergänzte die Formel mit den Worten „So wahr mir Gott helfe“. Dann sagte er: „Gemeinsam werden wir das, was vor uns liegt, meistern und schaffen.“

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