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Industriepark : Eine neue Chance für die „Chemische“ in Griesheim

Ausbaufähig: Das traditionsreiche Gelände mit Altlastenhügel und Skyline-Blick wartet auf Investoren. Bild: Rüchel, Dieter

Der Industriepark Griesheim steht wirtschaftlich im Schatten des Werks Höchst. Doch der Betreiber hat einige Flächen für Firmen freigeräumt und nun zwei Betriebe an der Hand.

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          Drei Dutzend Schlote rauchen auf dem weitläufigen Fabrikgelände am Main. Daneben ducken sich in Reih und Glied die Klinkerbauten, in denen die Arbeiter mit ihren Familien leben. Am Ufer davor liegen Schiffe vor Anker, ein Frachter wird am Kran entladen. Im Hintergrund erhebt sich ein von Menschenhand geschaffener Hügel. So sahen Zeitgenossen einst den Industriepark Griesheim, der damals noch nicht so hieß. „Chemische Fabrik Griesheim am Main“ und später „Chemische Fabrik Griesheim-Elektron“ nannte sich der dort ansässige Betrieb. Seither hat sich viel getan, nur der Hügel von dem historischen Kupferstich mit den rauchenden Schloten ist noch da.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das traditionsreiche Industrie-Areal, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1856 reichen, hat sich stark gewandelt. Seine Blütezeit liegt Jahrzehnte zurück. Doch nun versucht der Betreiber einen neuen Anlauf. Rainer Gutweiler ist so etwas wie das Gesicht des Bemühens, nach Jahren des Niedergangs die Wende zu schaffen. Der Geschäftsführer der Infrasite Griesheim GmbH sitzt in seinem nüchtern eingerichteten Büro am unscheinbaren Firmensitz an der Stroofstraße und sagt: „Wir sind gewappnet für Neuansiedlungen.“ Im Moment habe Infrasite sogar zwei Interessenten, Einzelheiten will Gutweiler aber nicht nennen.

          Immer weniger Arbeitsplätze

          Der Mann mit dem vollen Silberhaar und der gesunden Gesichtsfarbe sagt das in der für ihn typischen unaufgeregten Art. Zuversicht zu versprühen, wäre an diesem Standort auch gewagt, denn der hat schwere Zeiten hinter sich: Bot das Werk in den siebziger Jahren zu Zeiten der Hoechst AG noch mehr als 3500 Männern und Frauen einen Arbeitsplatz, waren es zwei Jahrzehnte später nur noch 2200, und inzwischen ist die Zahl der Beschäftigten längst dreistellig: Um die 650 Mitarbeiter hat der eingezäunte, von Chemieunternehmen genutzte Teil des Industrieparks derzeit, wobei 75 auf Infrasite entfallen, wie Gutweiler sagt. Nicht eingerechnet in dieser Summe sind die Arbeitsplätze im kleineren östlichen Areal, das mittlerweile mittelständische Gewerbebetrieben zur Verfügung steht, die nicht zur Chemieindustrie zählen.

          Im Hauptteil des Werks sind noch vier Chemieunternehmen vertreten. Weyl-Chem stellt dort Vor- und Zwischenprodukte für Pflanzenschutzmittel her, die in Fechenheim ansässige Allessa-Chemie produziert Stoffe für Agrarchemikalien, Arzneimittel und Farben, SGLCarbon mit Sitz in Wiesbaden fertigt in Griesheim Elektroden für die Stahlindustrie. Hinzu kommt ein Laborbetrieb des schweizerischen Chemiekonzerns Clariant, dem das Werk weiter gehört. Mehr als diese Betriebe, die auf die HoechstAG zurückgehen, gibt es an diesem Standort nicht mehr.

          Chemikalienregen über Schwanheim und Goldstein

          Zur Wirtschaftsgeschichte gehört auch jenes Werk, das das Gelände im Februar 1993 in Verruf brachte: Am Rosenmontag vor zwanzig Jahren entwich ein Chemikaliengemisch aus einer Anlage und ging über Schwanheim und Goldstein nieder. Es dauerte Wochen, die betroffenen 36 Hektar von dem gelben Niederschlag zu befreien. „Das Produkt gibt es hier nicht mehr“, sagt Gutweiler dazu.

          Das Produkt und der Betrieb, in dem es hergestellt wurde, sind nicht die einzigen, die verschwunden sind. Gemeinsam mit Clariant hat Infrasite über Monate mehrere große Freiflächen geschaffen. Neun Hektar, unterteilt in vier Einzelflächen, stehen nun für Neuansiedlungen zur Verfügung. Hinzu kommen zwei Lager mit insgesamt 3,7 Hektar. „Wir versuchen Betriebe zu bekommen, die unsere Leistungen brauchen“, beschreibt Gutweiler die Herausforderung. Diese Leistungen sind die gleichen, die auch die Infrasite-Muttergesellschaft Infraserv in Höchst anbietet: Energie- und Wasserversorgung, Abwasser- und Abfallentsorgung, Werkschutz und arbeitsmedizinische Dienste.

          „Wer zu uns will, muss nicht durch Wohngebiete fahren“

          Im Sinne der Kostenkontrolle teilt sich Infrasite mit Infraserv einen Werksarzt, der halbtags nach Griesheim kommt. Die fünf Mann starke eigene Feuerwehr muss binnen fünf Minuten einsatzbereit sein - Verstärkung kommt aus Höchst. Von dort aus wird auch das Alarmsystem am Standort überwacht und gesteuert. Infrasite kann also auf einen starken Partner verweisen. Dessen ungeachtet fällt Gutweiler gleich eine Reihe von Standortvorteilen ein, mit denen er um Kunden wirbt: die Nähe zum Flughafen, der direkte Eisenbahnanschluss, die Nähe zur Autobahn („Wer zu uns will, muss nicht durch Wohngebiete fahren“), der eigene Hafen, an dem beispielsweise Kohle abgeladen wird, und eine biologische Abwasser-Reinigungsanlage, die noch nicht ausgelastet ist, und - nicht zu vergessen - die Abwässervorklärung per Aktivkohle.

          Vor diesem Hintergrund sagt Gutweiler mit Blick auf die Vermarktung: „Wir rechnen uns bessere Chancen aus als vor einem Jahr, weil eben die Flächen frei sind.“ Das Angebot an einen Interessenten hat er verschickt, der anderer potentieller Kunde hat sich gerade ein Areal im Industriepark angesehen. Bekäme Griesheim wenigstens in einem Fall den Zuschlag, wäre das für den Standortbetreiber ohne Frage ein Grund zum Feiern. Denn wie schwer es ist, eine Neuansiedlungen zu besiegeln, weiß der Standortleiter aus leidiger Erfahrung: Ende 2012 sagte ein niederländischer Stromerzeuger ab, der 2006 für Griesheim den Bau eines Gaskraftwerks in Aussicht gestellt hatte, es jedoch am Ende bei schönen Worten beließ.

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