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Neue Flächen für Industrie : Was Frankfurt von Ostwestfalen lernen kann

Bild: F.A.Z.

Die Industrie als größter Gewerbesteuerzahler in der optisch von Bankentürmen dominierten Stadt am Main braucht mehr Flächen. Frankfurter Stadtplaner denken nun über neue Gewerbeflächen nach.

          Die Großmarkthalle zum Beispiel: Wären die Händler nicht vor einigen Jahren aus dem Ostend ins moderne und besser angebundene Frischezentrum nach Kalbach gezogen, hätte es den neuen EZB-Sitz an dieser Stelle nicht gegeben. Oder der Westhafen: Wären einige Betriebe nicht an den Unterhafen umgesiedelt worden, wäre dort kein Wohngebiet entstanden. Am Deutschherrnufer ist der Schlachthof einem Wohnviertel gewichen, das Europaviertel entstand auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs. Es gibt in der jüngeren Stadtgeschichte einige Belege dafür, dass die Industrie nicht an der Stelle bleibt, an der sie ursprünglich geplant war. Konversion gehört zur Stadtentwicklung.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Stadt ist auf der Suche nach mehr Flächen für Gewerbe und für Wohnraum. Es leuchtet ein, dass Wohngebiete dort besonders sinnvoll liegen, wo sie an bestehende Infrastruktur und an andere Wohngebiete angrenzen. Gleichzeitig sind einige Gewerbegebiete etwa an der Borsigallee, im Gutleuthafen, in Rödelheim und Fechenheim nicht ausgelastet. Dort könnten Wohnungen entstehen.

          Andererseits brauchen die dort ansässigen Betriebe Planungssicherheit und Expansionsmöglichkeiten. Der Osthafen wurde deshalb langfristig für die Industrie gesichert. Dabei wäre eine Verlagerung der Betriebe auf gut erschlossene Flächen an der Autobahn durchaus in ihrem Sinne, wenn die Stadt nur die nötigen Anreize böte. Ein neues, gut angebundenes Gewerbegebiet könnte Entlastung bringen. Es müsste aber schon eine gewisse Größe haben, denn für 20 Hektar lohnt sich der ganze Aufwand kaum.

          Klassischer Entwicklungsprozess

          Die Suche nach einem Gewerbegebiet wird dadurch erschwert, dass die Stadt kaum noch Entwicklungsflächen hat. Das einzige Areal, das nicht unter Landschaftsschutz steht und bebaubar wäre, ist der Pfingstberg, ein Acker zwischen Nieder-Eschbach und Nieder-Erlenbach. Wenn ein Wohngebiet dort nicht mehrheitsfähig sei, warum dann kein Gewerbepark, fragte der frühere Planungsdezernent Martin Wentz (SPD) kürzlich. Anders als bei einem Wohnviertel wäre für die Arbeitnehmer eine Anbindung mit Bussen ausreichend.

          Obwohl er es flapsig formuliert, ist Wentz prinzipiell von der Idee überzeugt. Der Umzug von Gewerbebetrieben ist in seinen Augen ein klassischer Entwicklungsprozess: „Gewerbe ist schon immer aus der Stadt herausgewachsen, weil es auf eng gewordenen Flächen und logistisch nicht mehr passte“, sagt er. Den Betrieben wäre in mehrfacher Hinsicht geholfen, wenn ihnen gut erschlossene Flächen am Stadtrand angeboten würden. Sie lägen dann weniger beengt, könnten ihre Produktivität steigern und wachsen. Außerdem ließe sich ein „Exodus“ aus der Region vermeiden. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Grundstücke in der inneren Stadt könnten die Unternehmen die Entsorgung der Altlasten und die Verlagerung bezahlen. Wo wäre Platz für so ein Gebiet? „Wenn man sucht, wird man fündig“, sagt Wentz.

          Der Stadtplaner Michael Denkel von AS&P sieht das ähnlich: „Die Stadt strukturiert sich um. Nicht jeder Gewerbebetrieb liegt am richtigen Platz.“ Das starke Bevölkerungswachstum und der damit einhergehende Druck auf die Stadtentwicklung hat in seinen Augen auch etwas Gutes: Es biete sich die Chance, die Stadt „aufzuräumen“ und auch Gewerbebetriebe auf sinnvoller gelegene Flächen zu verlagern. Die müssten nicht zwangsläufig auf Frankfurter Gemarkung liegen. „Frankfurt hat schon jetzt mehr Betriebe als Wohnraum“, sagt Denkel.

          Der designierte Stadtplanungsamtsleiter Martin Hunscher hält Wentz’ Idee, den Pfingstberg für ein Gewerbegebiet zu nutzen, für einen „pragmatischen Vorschlag“. Die Stadt müsse darüber nachdenken, welche Nutzung an welcher Stelle die richtige sei. „Eingeübte Gewerbestandorte“ ließen sich allerdings nur mit großem Aufwand verlagern, gibt er zu bedenken. „Das wäre ein Riesenkraftakt.“

          Interkommunale Gewerbegebiete

          Hunscher hat auch Sympathie für gemeindeübergreifende Lösungen: Für interkommunale Gewerbegebiete fehlten an den Frankfurter Gemarkungsgrenzen aber geeignete Flächen. Und solange sich eine Kommune nicht an der Erschließung eines neuen Gebiets beteiligt, gibt es keinen Grund für den Nachbarn, die Gewerbesteuer zu teilen.

          Anderswo ist man da weiter: Im ostwestfälischen Hiddenhausen wollte sich die Brauerei „Herforder Pils“ erweitern. Weil das auf der engen eigenen Gemarkung nicht ging, wurde die Nachbargemeinde Kirchlengern einbezogen. Eigentlich durfte die Gemeinde laut Regionalplan wegen ihrer schlechten wirtschaftlichen Entwicklung keine neuen Gewerbeflächen ausweisen. Mit der Hilfe von Kirchlengern war das möglich, man teilte sich die Einnahmen. Ein weiteres Beispiel ist der Ravenna-Park. Die Städte Halle, Gütersloh und Werther („Werthers Echte“) entwickeln gemeinsam das Gebiet, das auf der Gemarkung von Halle liegt. Die Nachbarn kauften Flächen, die Gewerbesteuer wird intern verrechnet. „Es geht um die Region“, sagt Gerald Blome von der IHK Ostwestfalen. „Man muss das Kirchturmdenken ablegen. Großstädte können sonst nicht mehr wachsen.“

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