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Offenbachs junge Szene : Kunst statt Autos oder Wäsche

  • -Aktualisiert am

Besuch in dem Atelier Wäscherei, in dem ein junges Künstlerkollektiv ihre Arbeitsräume bezogen hat. Bild: Rainer Wohlfahrt

In Offenbach entwickelt sich eine junge Szene mit neuen Ausstellungs- und Produktionsorten. Und damit findet sie auch ein interessiertes Publikum.

          Es ist eine erstaunliche Entwicklung. Bis vor wenigen Jahren kam das Publikum der meisten Offenbacher Ausstellungsräume vor allem aus dem Umkreis der Hochschule für Gestaltung (HfG). Man blieb größtenteils unter sich. Nur wenige kunstaffine Frankfurter besuchten regelmäßig die östliche Nachbarstadt.

          Jetzt aber scheint es, dass in Offenbach eine eigene kritische Masse an jungen Akademikern und Kreativen entstanden ist. Es gebe ein kunstinteressiertes Publikum, das einem jungen Kunstverein gegenüber aufgeschlossen sei, berichten Felix Kosok, Sarah Reva Mohr und Ellen Wagner.

          Neuer Kunstverein

          Diesem Wandel haben sie im vergangenen Dezember Rechnung getragen. Gemeinsam mit weiteren sieben Mitstreitern gründeten Kosok, Mohr und Wagner den Kunstverein „Mañana Bold“.

          Ohne das Netzwerk der HfG lief die Geburt des neuen Kunstvereins allerdings nicht ab. Die Gründungsmitglieder lernten sich schließlich dort auch kennen. „Eine Stadt, die eine Kunsthochschule hat, braucht einen jungen Kunstverein“, da ist sich Ellen Wagner sicher. Die Kuratorin und Kritikerin steht dem aus fünf Personen bestehenden Kuratorium von „Mañana Bold“ vor.

          Ihren Kunstverein beschreiben die Gründer als eine Plattform für „insbesondere junge künstlerische Positionen“, die „regionale und internationale Netzwerke und Tendenzen“ verknüpfen möchte. Der Verein agiert erst einmal ohne festes Domizil. „Mañana Bold“ sei gleichwohl kein temporäres Projekt, sagt Kuratoriumsmitglied Sarah Reva Mohr. Seine vier Positionen umfassende Eröffnungsausstellung zeigt der Kunstverein in der Schreinerei Leyh sowie in zwei Schaukästen in der Offenbacher Innenstadt. Für das weitere Programm sind Kooperationen mit schon existierenden Initiativen und Ausstellungsräumen geplant.

          Pioniereinrichtung der Kunstlandschaft

          Einen Austausch gibt es etwa schon mit der Kressmann-Halle. Dieser 2016 eröffnete Ausstellungsraum ist eine Pioniereinrichtung der neuen Offenbacher Kunstlandschaft. Das Künstlerkollektiv YRD.Works um David Bausch, Yacin Boudalfa und Ruben Fischer baute eine ehemalige Fahrzeugwerkstatt auf dem Hafenareal eigenhändig um. In den vergangenen drei Jahren waren in der Kressmann-Halle Ausstellungen und Performances von lokalen und überregionalen Künstlern zu sehen. „Die Öffnung nach außen war von Anfang an eine unserer Grundideen“, sagen Bausch, Boudalfa und Fischer.

          Eine Vorreiterrolle spielt der Ausstellungsraum auch wegen seiner Lage im unlängst neu bebauten Offenbacher Hafen. „Bald stehen die Bagger auch vor der Kressmann-Halle“, weiß das Künstlerkollektiv. Auf dem Grundstück soll demnächst der Neubau der Hochschule für Gestaltung entstehen. Das Kollektiv überlegt schon, wo es in Zukunft weitergehen könnte. Bausch, Boudalfa und Fischer sehen die Sache locker: „Ein Wechsel tut uns auch gut.“

          Neues tut sich im Süden der Offenbacher Innenstadt. Elf Künstler, unter ihnen etliche HfG-Absolventen, haben dort eine ehemalige Wäscherei teils eigenhändig saniert. Vor zwei Jahren stellten sie in den noch nicht renovierten Räumen erstmals aus. Im Februar 2019 bezog die Gruppe das erneuerte „Atelier Wäscherei“. Die Räume strahlen kreative Unordnung aus. Dort werden Fotografien bearbeitet und Filme geschnitten, es wird gemalt und an Medieninstallationen gefeilt. Die Künstler legen viel Wert auf das Miteinander innerhalb ihrer Gruppe: „Man hilft sich gegenseitig aus.“ Schmunzelnd berichten sie, dass einige Anwohner mitunter immer noch ihre Wäsche vorbeibringen.

          Punks der Offenbacher Kunstszene

          Einige Straßen weiter nördlich residieren die Punks der Offenbacher Kunstszene. Das zumindest, erzählen die Künstler der Ateliergemeinschaft „Station“, sei ihr Image. Seit 2011 sind in dem ehemaligen Ladengeschäft an der Waldstraße Ateliers untergebracht, seit 2014 agiert der Raum unter seinem jetzigen Namen. Sieben Künstler, hauptsächlich Maler und Bildhauer, arbeiten momentan dort.

          In unregelmäßigen Abständen zeigen sie Ausstellungen, die sich meist aus dem eigenen, überregionalen Netzwerk speisen. Umgeben ist die Ateliergemeinschaft von Kiosken, Internetcafés und Wettbüros. Diese „sehr unkünstlerische“ Umgebung eines Arbeiterviertels schätzen die Künstler ausdrücklich. Zudem profitieren sie von einer günstigen Miete.

          Im Vergleich zu einer Institution wie dem Frankfurter Atelierhaus „basis“ sei die „Station“ ein persönlicher, privater und intimer Raum, sagt Patrick Waizmann. In der Ateliergemeinschaft scheint es unverkrampft und entspannt zuzugehen. Die mutmaßlichen Punks zählen mittlerweile zu den Alteingesessenen in einer jungen Kunstlandschaft, die dabei ist, sich neu zu formieren.

          Offenbacher „Kunstansichten“

          Die vorgestellten Ausstellungsorte und Ateliers sind während der Offenbacher „Kunstansichten“ vom 24. bis 26. Mai zu besichtigen.

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