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In Mainz hat die fünfte Jahreszeit begonnen : Luftschlangen statt Lametta

So schön bunt hier: Die fünfte Jahreszeit in Mainz. Bild: dapd

Notgedrungen muss sich die Montagabend-Gymnastikgruppe in den nächsten Wochen zum Nordic Walking im Freien treffen. Denn die Turnhalle wird in eine Narrhalle verwandelt.

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          Notgedrungen muss sich die Montagabend-Gymnastikgruppe in den nächsten Wochen zum Nordic Walking im Freien treffen. Weil die sonst von ihr genutzte Turnhalle wieder einmal von den Stadtteil-Fastnachtern in eine Narrhalla verwandelt worden ist und sich das Hausmeister-Ehepaar hartnäckig weigert, die zum Feiern benötigten Biertischgarnituren ständig rein- und rauszutragen. Keine Frage: Die fünfte Jahreszeit hat begonnen. Die Schaufenster der Bäckereien, Metzgereien und Apotheken sind schon umgestaltet: Clownsmasken und Luftschlangen haben wie jedes Jahr nach den Heiligen Drei Königen die letzten Krippenfiguren, Lametta und Sterne verdrängt. Auf den Ladentheken sieht man nun immer öfter die Handzettel großer Korporationen und kleiner Garden, die sich allesamt nur eines wünschen: möglichst viel Publikum bei ihren Sitzungen, ein volles Haus beim Maskenball und einen begeisterten Nachwuchs zur Kinderfastnacht.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Was eigentlich, so rätselt der Mainzer, machen die Menschen an jenen Orten, an denen es tatsächlich nur Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt - also keine Ordensfeiern, Gardeaufmärsche und kein Heringessen? Dabei ist doch gerade in der fünften Jahreszeit so viel zu tun: die eigene Büttenrede vollenden oder den geplanten Zwiegesang einstudieren, Kostüme entwerfen und sich an einem x-beliebigen Januarabend mal eben für sechs Stunden als Hexe oder Pirat aus dem Alltag abmelden. Gut und gerne 200 Großveranstaltungen stehen dafür in den nächsten Wochen allein in Mainz zur Wahl, wie Jürgen Schmidt, Geschäftsführer der Touristik-Centrale, beim Blick auf den städtischen Terminkalender schätzt.

          Zu den Profiteuren des Frohsinns gehört auch die Friseurmeisterin an der Ecke

          Mit Sicherheit kann selbst Schmidt nicht beantworten, was die „goldisch Fassenacht“ der Stadt in Cent und Euro bringt. Eine vor Jahren von der Fachhochschule veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass in der fünften Jahreszeit in Mainz an die 50Millionen Mark umgesetzt würden. Gerade wurde die Nachfolgeuntersuchung abgeschlossen. Ohne dem darin ermittelten Ergebnis vorgreifen zu wollen, erwartet Schmidt, dass es sich um einen ähnlichen Betrag handelt, „allerdings in Euro“.

          Zu den Profiteuren des Frohsinns gehören nicht nur die Fastnachtsveranstalter, die Catering-Unternehmen und die Wirte, sondern auch die Friseurmeisterin an der Ecke, die dieser Tage ordentlich zu tun hat, die vor den Narrhallen auf Kundschaft wartenden Taxifahrer und nahezu alle Kaufhäuser, die bald nach Weihnachten immer größere Flächen frei räumen, um genügend Tierkostüme, ausreichend Indianerschmuck und die bei den Kunden anhaltend beliebten Piraten-Accessoires anbieten zu können.

          Die fünfte Jahreszeit geht vorüber wie ebenso wie Heuschnupfen und Frühjahrsmüdigkeit

          Dass die fünfte Jahreszeit an Aschermittwoch, dieses Jahr also in der Nacht zum 22.Februar, endet, ist unstrittig. Obwohl es sich einzelne Vereine erlauben, den verblichenen „Prinzen Carneval“ erst am späten Mittwochabend zu Grabe zu tragen. Darüber, wann die Kampagne beginnt, gibt es jedoch unterschiedliche Auffassungen: In Köln etwa geht es offiziell am 11.November um 11.11Uhr los; in Mainz dagegen wird der Novembertermin nur als kurzes, eintägiges Vorspiel gesehen. Früher mussten sich die Fastnachtsvereine und Gesellschaften, die nach Aschermittwoch konsequenterweise aufgelöst worden waren, am 11.November erst wieder neu gründen, um sich an der nächsten Kampagne beteiligen zu können.

          Für Mainzer Gardisten ist der Umzug am Neujahrsmorgen traditionell der erste Pflichttermin im Dienste von „Gott Jokus“. Wer dagegen eine Sitzung plant, wartet in aller Regel schon noch den Dreikönigstag ab. Danach nimmt das Narrentreiben rasch Fahrt auf: An den Wochenenden sind ältere Herrschaften mit verrückten Hütchen an den Bushaltestellen zu sehen, Trommler und Gardeoffiziere eilen in vollem Wichs von einer Sitzung zur nächsten, und auch das Kinderballett springt rasch zwischen zwei Bühnen hin und her.

          Wem das alles nicht gefällt, der mag sich damit trösten, dass auch die fünfte Jahreszeit, die in München schon zum Oktoberfest ausgerufen wird, vorübergeht: ebenso wie Heuschnupfen und Frühjahrsmüdigkeit. Bis dahin finden sich sogar in Mainz geeignete Rückzugsräume, etwa in manch einer Studentenkneipe der Neustadt, um dem Trubel einigermaßen aus dem Weg zu gehen. Wer sich mit dem Fastnachtsbazillus aber erst einmal infiziert hat, kann sich schwer vorstellen, dass Januar und Februar ausschließlich dem Arbeiten, Essen und Schlafen vorbehalten sein sollen. Da geht man doch lieber am Wochenende fröhlich feiern und montagabends zum Nordic Walking in die Felder.

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