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Fernverkehr in Hessen : Die Standspur wird zum Parkplatz für Sattelzüge

  • -Aktualisiert am

Andrang in der Nacht: Platzangst beim Parken an der Rastanlage Taunusblick. Bild: Marcus Kaufhold

An hessischen Autobahnen fehlen rund 3000 Stellplätze für Lastwagen. Besonders die Einhaltung der Pausenvorschriften bringt Fahrer somit in ein Dilemma. Unterstützung könnten sie von den Kommunen nahe der Autobahnen erhalten.

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          Mit einem aufmunternden „Viel Glück“ verabschiedet der Spediteur seinen Lastwagenfahrer am Telefon in den Feierabend. Der Mann am Steuer kann es brauchen, denn der fromme Wunsch bezieht sich auf die anstehende Suche nach einem Parkplatz an der A5 südlich von Frankfurt, und die ist erfahrungsgemäß mühsam. Im Jahr 2008 gab es nach einer Zählung des Bundesverkehrsministeriums an den Autobahnen in Hessen rund 2300 Lastwagen-Stellplätze zu wenig; fünf Jahre später fehlten noch 2000.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aktuellere Zahlen liegen nach Angaben des Wirtschafts- und Verkehrsministeriums nicht vor, klar sei aber, dass der zwischenzeitliche Zuwachs nicht ausreiche, um den wachsenden Bedarf zu decken. Der Güterkraftverkehrverband schätzt, dass in Hessen rund 3000 Stellplätze für Lastwagen fehlen. Die Konsequenz: Stoßstange an Stoßstange parken die Sattelzüge auf Beschleunigungs- und Verzögerungsstreifen, auf der Standspur oder in Nothaltebuchten.

          Dilemma für die Fahrer

          Immer wieder stellen Lastwagenfahrer ihre Gefährte regelwidrig oder gar verkehrsgefährdend ab, weil sie gesetzlich zu einer Ruhepause verpflichtet, aber die zur Verfügung stehenden Parkflächen belegt sind. Die Polizei sieht die Lastwagenfahrer in einem Dilemma. Einerseits müssten sie ihre Fahrt wegen der Sozialvorschriften unterbrechen und deshalb „notgedrungen“ verkehrsbehindernd parken, andererseits dürften die übrigen Verkehrsteilnehmer nicht gefährdet werden, heißt es im Polizeipräsidium Frankfurt.

          Wie oft solche Vergehen vorkommen, kann die Polizei nicht sagen. Es habe in jüngerer Vergangenheit rund um Frankfurt jedenfalls keine schwerwiegende Unfälle gegeben, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Abstellen von Lastwagen an Autobahnen gestanden hätten. Das Parken von Lastwagen auf den Ein- und Ausfahrten von Rastplätzen gilt laut Straßenverkehrsordnung als Ordnungswidrigkeit und kann mit einem Bußgeld von 85 Euro sowie einem Punkt in der Flensburger Verkehrssünderkartei geahndet werden.

          Die Polizei hat die Zustände an Autobahnen, auf Parkplätzen und Rastanlagen nach Angaben eines Sprechers des Frankfurter Präsidiums im Blick. „Die Parksituationen werden überwacht und einzelfallabhängig bewertet“, heißt es auf Anfrage. Regelverstöße würden geahndet, und wenn Gefahr für Leib oder Leben bestehe, griffen die Beamten auch unmittelbar und konsequent ein.

          Ausbau von Rastanlagen braucht Zeit

          In den vergangenen zehn Jahren wurden nach Angaben des Ministeriums für Wirtschaft und Verkehr in Wiesbaden mehr als 1800 zusätzliche Lastwagen-Stellplätze an hessischen Rastanlagen und Autohöfen geschaffen, womit die Gesamtzahl auf etwa 5700 stieg. In den nächsten Jahren sollen weitere Stellflächen – insgesamt rund 170 – an der A5 und der A7 hinzukommen. Die Straßen- und Verkehrsbehörde Hessen Mobil bemühe sich, die Kapazitäten so schnell wie möglich auszuweiten, heißt es im Ministerium. Allerdings erfordere der Ausbau von Rastanlagen jeweils Baurechtsverfahren, die Zeit beanspruchten.

          7,5 Millionen beziehungsweise 4,4 Millionen Euro wurden nach Angaben des Ministeriums in den Jahren 2017 und 2018 in die Erweiterung hessischer Autobahnrastanlagen investiert. Im vergangenen Jahr seien es sogar 12,4 Millionen Euro gewesen. Derzeit laufe der Ausbau der Rastanlagen Uttrichshausen-Ost (A7), Rimberg (A5) und Schäferborn (A5). Der Ausbau der Rastanlagen Uttrichshausen-West (A7), Ottersbach (A7), Pfaffenpfad (A45) und Bad Hersfeld-Süd (A4) befinde sich im Baurechtsverfahren. Insgesamt entstünden dort mehr als 170 neue Stellplätze für Lastwagen. Für dieses Jahr sei der Ausbau der Rastanlage Hasselberg-West (A7) um knapp 60 Lastwagenplätze vorgesehen.

          Im Dezember hatte der hessische Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) ein elektronischen Parksystem für Lastwagen an der Tank- und Rastanlage Taunusblick nördlich von Frankfurt vorgestellt. Parkspuren, die zuvor zum Ein- und Ausparken freigehalten werden mussten, können seitdem genutzt werden, weil die Lastwagenfahrer bei der Ankunft an einem Terminal ihre geplante Abfahrtszeit angeben und ihre Fahrzeuge dementsprechend aufgereiht werden. Aus dem in der Kolonne zugewiesenen Standplatz können sie dann zur gewünschten Zeit wieder ausscheren. Je nach Länge der Gefährte lassen sich laut Ministerium auf diese Weise im Durchschnitt 150 Fahrzeuge auf der Rastanlage unterbringen; zuvor waren es nur etwa 70.

          Der ADAC setzt angesichts der Parkplatznot indes auf die Hilfe autobahnnaher Kommunen. Die, so der Vorschlag des Verbandes, sollten ihre nachts ohnehin freien Gewerbegebiete für Lastwagen freigeben. Ein solches Angebot müsse jeweils auf die Nachtstunden begrenzt und mit einem Minimum an Infrastruktur, beispielsweise Toiletten, verbunden sein.

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