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Kalibergbau : Ein Tunnelsystem so groß wie München

  • -Aktualisiert am

Künstliches Bergpanorama: Hinter den Häusern von Widdershausen liegt die Kali-Abraumhalde „Monte Kali“. Bild: dpa

Im Grenzgebiet von Hessen und Thüringen befindet sich eines der größten Kalireviere der Welt. Gefördert wird das „weiße Gold“ 600 Meter unter der Erde. Der Abstieg in eine eigene, dunkle Welt.

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          Rechts vor links. Auch mehr als 600 Meter unter der Erde gilt in Deutschland die Straßenverkehrsordnung. Nicht ohne Not, denn hier unten, in den Kaligruben Osthessens und Westthüringens, ist die Verkehrsdichte hoch. Ein Tempolimit gilt, maximal 50 Stundenkilometer sind erlaubt. Rund 1000 Fahrzeuge, vom Personenwagen bis zum gewaltigen, wegen der geringen Deckenhöhen flachgelegten Schaufelbagger, sind auf den gut 600 Kilometer befahrbaren Tunnelstrecken unterwegs, werden dort auch betankt, gewartet, repariert. Größere Fahrzeuge kommen in Einzelteile zerlegt unter Tage und werden dann wieder zusammengebaut, kleinere Autos schweben am Haken hängend komplett in die Tiefe.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Unter der Region zwischen Fulda, Bad Hersfeld und Eisenach liegt eines der größten zusammenhängenden Bergbaugebiete der Welt. In 600 bis 1000 Meter Tiefe ist eine Mischung aus einer gigantischen Arbeitsstätte und einer kleinen Siedlung entstanden, zu der eine 130 Beschäftigte zählende Werkstatt, Tankstationen, eine Autowaschanlage, eine eigene TÜV-Prüfstelle und eine Kläranlage gehören. Auf mehr als 150 Kilometer Bandanlagen wird das hier gewonnene Salz transportiert, Ventilatoren mit bis zu vier Meter Durchmesser saugen durch Schächte Frischluft in das weitverzweigte Tunnelnetz und blasen sie durch andere wieder hinaus.

          Eines der wichtigsten Kalireviere der Welt

          In den vergangenen 125 Jahren wurde tief unter der Erde eine Fläche von rund 1000 Quadratkilometern bearbeitet, fast so groß wie das Stadtgebiet von München. Zum Vergleich: Das rheinische Braunkohlerevier ist mit rund 600 Quadratkilometern deutlich kleiner. 44 Prozent der in Deutschland geförderten Kalimenge stammen aus der Region rund um die Werra.

          In 80 Sekunden geht es mit dem Fahrstuhl mehr als 600 Meter unter die Erde. Das Verkehrsnetz im Grubenfeld ist zu 90 Prozent rechtwinklig aufgebaut, ein Zehntel der theoretisch abbaubaren Rohstoffe bleibt ungenutzt, weil in regelmäßigen Abständen Salzpfeiler stehen bleiben müssen, um die Stabilität der Gewölbe sicherzustellen.

          Die Werraregion ist vom Bergbau geprägt und noch immer eines der wichtigsten Kalireviere der Welt. In vielen Familien geht mittlerweile die vierte Generation „auf den Schacht“. Mit rund 4400 Beschäftigten ist der im M-Dax notierte Kasseler K+S-Konzern (ehemals „Kali und Salz“) der größte Arbeitgeber im Grenzgebiet von Hessen und Thüringen. Rund 3000 Mitarbeiter zählt er in Hessen, etwa 1100 in Thüringen; hinzu kommen rund 300 Auszubildende in Hessen. Knapp die Hälfte der Beschäftigten ist unter der Erde tätig. Nach einer Phase der Verunsicherung, ob der Salzabbau in der Region noch Zukunft habe, sucht K+S inzwischen wieder händeringend Fachkräfte. Weithin sichtbare Symbole des boomenden Industriezweiges sind die bis zu 200 Meter hohen Abraumhalden. Auf drei künstlich geschaffenen Bergen werden die unverwertbaren Rückstände des unter Tage geförderten Rohsalzes aufgetürmt, die mit abgebaut werden müssen, um über Tage die begehrten Kalidüngemittel herstellen zu können.

          Klage über Versalzung der Werra

          K+S ist ein Weltkonzern; 14.500 Mitarbeiter auf allen fünf Kontinenten, davon 10.000 in Deutschland. Zwar sind die Produktionskosten hierzulande nicht zuletzt wegen strenger Umweltauflagen höher als an anderen Standorten. Dennoch ist die Förderung gerade an der Werra für das Unternehmen unverzichtbar, weil kein anderes Kaliwerk der Welt eine derart breite Palette an Düngemitteln für die Landwirtschaft, Einsatzstoffen für die Industrie und Auftaumitteln für den Winterdienst fertigt. Rund 20 Millionen Tonnen kali- und magnesiumhaltige Rohsalze landen jährlich zur Weiterverarbeitung in den Fabriken Hattorf, Wintershall und Unterbreizbach.

          Wichtiger Auftraggeber in der Werraregion: Rund 4400 Mitarbeiter beschäftigt der Kasseler K+S-Konzern. Bilderstrecke

          So alt wie der Kaliabbau in der Region ist auch die Klage über die Versalzung der Werra. Die Bergleute bauen für die Düngerproduktion Rohsalz ab, aus dem mit Wasser das wertvolle Kalium ausgewaschen wird. Zudem läuft mit Salz belastetes Regenwasser von den hohen Abraumhalden herunter. Insgesamt sieben Millionen Kubikmeter Lauge müssen jedes Jahr entsorgt werden, die Hälfte davon bisher, zum Ärger von Naturschützern, in die Werra.

          Kein Widerspruch zum Umweltschutz

          Aus Sicht des Unternehmens sind Kaliproduktion und Umweltschutz kein Widerspruch. Der neue Vorstandsvorsitzende Burkhard Lohr, seit Mai 2017 im Amt, ist in die Charme-Offensive gegangen, propagiert eine „Nachhaltigkeitsstrategie“ und zeigt sich in Verhandlungen mit Naturfreunden und Kritikern auf Seiten der Kommunal– und Landespolitik kompromissbereit. Der Konzern konnte sich die Unsicherheit, ob es die für Betriebserweiterungen und Salzabwasserentsorgung notwendigen Genehmigungen geben würde, einfach nicht mehr leisten. Klagen von Naturschützern sollen deshalb künftig möglichst vermieden werden.

          Anfang des Jahres hat der Konzern eine 180 Millionen Euro teure Anlage zum Eindampfen ungenutzter Salzlösungen in Betrieb genommen. So verringert sich die Abwassermenge im Revier Werra um 1,5 Millionen Kubikmeter jährlich. Die verbleibenden 5,5 Millionen Kubikmeter werden noch in 600 Meter Tiefe liegenden Gesteinsschichten „versenkt“ oder in die Werra geleitet und von dort über die Weser in die Nordsee gespült. Die umstrittene Verpressung von salzhaltigen Abwässern in den Untergrund wird nach derzeitigem Stand aber 2022 eingestellt. Stattdessen soll die Lauge entweder verfestigt und in ausgebeuteten Salzstollen „eingestapelt“ oder durch eine 160 Kilometer lange Pipeline nach Bad Karlshafen transportiert und dort in die Weser gespült werden. Die führt deutlich mehr Wasser als die Werra, so dass die Laugenkonzentration nach Einschätzung von K+S auf ein umweltverträgliches Maß verdünnt würde. Die Grundsatzentscheidung – Einstapeln oder Entsorgung via Rohrleitung – will der Konzern noch in diesem Jahr treffen. Als Gegenleistung für diese rechtsverbindlichen Zusagen zieht der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) seine Klage gegen die bestehende „Versenkgenehmigung“ zurück.

          „Kalimandscharos“ sollen grün werden

          Auch für die rund 300 Millionen Tonnen an Produktionsrückständen, die nach Angaben von K+S auf den drei gewaltigen Halden bei Philippsthal, Heringen und Neuhof angehäuft sind, zeichnet sich auf lange Sicht eine Lösung ab. Die „Kalimandscharos“ werden zwar weiter wachsen, sollen dabei aber allmählich ergrünen. Noch in diesem Jahr wird die Halde bei Philippsthal-Hattorf zunächst auf einer Fläche von 40 mal 25 Metern mit einer fünf Meter dicken Schicht aus bei der Hausmüllverbrennung entstehender Schlacke und Kraftwerksasche aus der Braunkohleverbrennung abgedeckt. Die Mixtur soll gut von Wurzeln durchziehbar sein und eine dauerhafte Begrünung ermöglichen. Das Regenwasser, so die Theorie, sickert dann nur noch zu einem geringen Teil in den salzigen Untergrund ein, der Rest wird in der begrünten Schicht gehalten und verdunstet. 80 Prozent der Abwässer, die heute noch am Fuß des Berges ankommen, könnten so möglicherweise vermieden werden, allerdings erst von 2075 an, wenn alle drei Halden vollständig abgedeckt sind.

          K+S hat zuletzt schwierige Zeiten durchlebt. Knapp drei Jahre nachdem der damalige Vorstandschef Norbert Steiner den Übernahmeversuch des kanadischen Konkurrenten Potash zu 41 Euro erfolgreich abgewehrt hat, kostet die K+S-Aktie heute nur noch gut halb so viel; vom Rekordstand von mehr als 91 Euro im Jahr 2008 ist sie meilenweit entfernt. Doch die Unternehmensführung hat sich für die Zukunft viel vorgenommen. Auf ein Jahrzehnt mit schwankenden Erträgen und Gewinnen soll von 2020 an eine wachstums- und renditeträchtige Zeit folgen. Der Umsatz, so die Zielvorgabe, soll bis zum Jahr 2030 von zuletzt knapp 3,5 Milliarden auf elf Milliarden Euro steigen, die Mitarbeiterzahl mindestens gehalten werden. Allerdings bleibt K+S auch nach dem 2015 gescheiterten Versuch ein Kandidat für eine Übernahme oder Fusion.

          Ab 2060 ist Schluss im Schacht

          Begonnen hat der Kalibergbau in Hessen und Thüringen Anfang der 1890er Jahre, als erstmals südlich des Harzes „weißes Gold“ gefunden wurde und im Werratal das „Kalifieber“ ausbrach. Die 2,50 bis 3,50 Meter mächtigen horizontal verlaufenden Flöze mit dem wertvollen Rohsalz finden sich in einer Tiefe von 600 bis 1000 Meter. Seit mehr als 200 Millionen Jahren ruhen die Salze dort trocken und nahezu unverändert unter einer 500 Meter mächtigen Schicht von Buntsandstein, wassergeschützt durch eine bis zu 100 Meter dicke Tonschicht. In abgebauten Grubenfeldern in Herfa-Neurode entstand deshalb bereits 1972 eine Untertagedeponie, in der toxische Abfälle, deren Verbleib an der Erdoberfläche das Trinkwasser gefährden könnte, „langzeitsicher“ gelagert werden.

          Heute werden in Deutschland nach Angaben des zuständigen Industrieverbandes jährlich etwa sieben Millionen Tonnen an Kali- und Magnesiumdüngemitteln produziert, die Hälfte davon für den Export. Die K+S Kali GmbH mit Standorten in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Thüringen hat einen Anteil von etwa acht Prozent an der Weltproduktion. Die größten ausländischen Kalisalzdepots finden sich in Kanada, Russland und Weißrussland; viertgrößtes Vorkommen sind die deutschen Lagerstätten. In Hessen und Thüringen kann nach Einschätzung des K+S-Konzerns noch mindestens bis zum Jahr 2060 zu wirtschaftlichen Bedingungen Kali gefördert werden. Dann ist dort, jedenfalls nach heutigem Stand der Technik, Schluss im Schacht.

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