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Quidditch als Sportart : Mit dem Plastikrohr zwischen den Beinen

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Dynamisch und anstrengend: Anders als in Buch und Film ist das reale Quidditch eine Mischung aus Rugby, Handball und Völkerball. Bild: Wonge Bergmann

Eigentlich wird Quidditch von Harry Potter und seinen Mitschülern an der Zauberschule Hogwarts gespielt. Doch inzwischen gibt es den Mannschaftssport in der Realität. Jetzt wird auch in Frankfurt trainiert.

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          Der Quaffel fliegt nach links. Die deutsche Nationalmannschaft ist in die Defensive geraten. Das Team um Nina Heise verteidigt seine Torringe. Heise spielt auf der Position „Treiber“ und schmettert einen weißen Schaumstoffball auf den Gegenspieler, der den Quaffel, einen gelb und blau gestreiften Volleyball, in den Händen hält. Sie trifft ihn im Gesicht. „Face-Beat“ nennen das die Spieler. Der Gegner muss den Quaffel fallen lassen, und Heises Team kann kontern.

          Der Quaffel muss durch die gegnerischen Torringe

          Quidditch heißt das Spiel, das die beiden Mannschaften an diesem Nachmittag im Günthersburgpark trainieren. Bekannt ist es aus der Welt von Harry Potter, dem Zauberschüler aus den Büchern von Joanne Rowling und den darauf basierenden Verfilmungen. Dort sitzen die Spieler jeweils auf einem fliegenden Besen, hier auf der herbstlichen Grünfläche im Nordend haben sich Nina Heise und ihre Mitspieler Plastikrohre zwischen die Beine geklemmt.

          Zwei Teams treten beim Quidditch gegeneinander an und versuchen, den Quaffel durch die gegnerischen Torringe zu werfen. Für einen Treffer gibt es zehn Punkte: Die Mannschaft, die am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt. Das ist nicht nur im Buch und auf der Leinwand so, sondern seit einiger Zeit im realen Leben. Studenten haben das Spiel der Zauberschüler aufgegriffen und in eine Mischung aus Rugby, Handball und Völkerball verwandelt. Nur dass die gemischten Teams aus Männern und Frauen dabei nicht fliegen, sondern zu Fuß auf dem Spielfeld unterwegs sind. Die grauen Rohre zwischen den Beinen dienen nicht zur Fortbewegung, sondern als Handicap.

          „Fliegen können wir noch nicht“

          Bei Harry Potter ist Quidditch das, was bei uns Fußball ist: der Volkssport schlechthin. So weit ist es in der Realität noch lange nicht: Der deutsche Quidditch-Verband ist erst in diesem Jahr gegründet worden. Er hat 160 Mitglieder in acht Mannschaften, unter anderem in Frankfurt und Darmstadt. Und ein Nationalteam gibt es inzwischen auch. Darin sind die besten Spieler der acht Teams vertreten. Im Günthersburgpark sind sie zum Training zusammengekommen. Etwa 25 Spieler sind dabei. Die Nationalspieler tragen ihre Nationaltrikots. Die zusammengewürfelten Gegner haben ihre Outfits zum Teil selbst entworfen: Eine Spielerin hat sich die Nummer zwölf und den Namen „Weasley“ auf den Rücken ihres roten Trikots gepinselt.

          „Fliegen können wir noch nicht.“ Nina Heise, die Kapitänin der Frankfurter Mannschaft, grinst. Dafür wird auf dem Trainingsplatz umso mehr gelaufen. ja, Quidditch sei sehr anstrengend, sagt auch Jessica Adrian. „Es geht ständig hin und her.“ Zum Zauberschülersport ist die Studentin durch ihre Freundin Heise gekommen, die sich zugutehalten kann, Quidditch nach Frankfurt gebracht zu haben. Sie studiert Englisch an der Goethe-Universität und hat Quidditch bei einem Auslandssemester im englischen Southampton kennengelernt. Nach ihrer Rückkehr hat sie in Frankfurt die „Mainticores“ gegründet, Mitspieler fand sie über Facebook und Aushänge an Schwarzen Brettern.

          Mit der Nationalmannschaft ins Viertelfinale

          Immer wieder bleiben Spaziergänger stehen und schauen neugierig zu. Quidditch ist hierzulande noch so gut wie unbekannt – trotz Verband und Nationalteam. In England und Amerika ist das anders, dort wird schon seit mehr als zehn Jahren nach Harry-Potter-Manier gespielt. Dabei ist der Sport immer professioneller geworden: Bei offiziellen Turnieren wird ein Regelwerk angewandt, das von der International Quidditch Association herausgegeben wird. Es umfasst mittlerweile etwa 170 Seiten.

          Steffen Wirsching ist beim Trainingsspiel zum Zuschauen verdammt: Der Maschinenbaustudent aus Darmstadt sitzt auf einem grünen Campingstuhl, neben ihm liegen weiße Krücken. Am Vortag ist er auf dem nassen Rasen umgeknickt. „Bei den vielen verschiedenen Bällen kann man leicht den Überblick verlieren“, sagt Wirsching und erzählt, dass er über das Sportangebot der TUDarmstadt zum Quidditch gekommen ist. Seit einem halben Jahr ist er nun dabei und hat in der Quidditch-Community schnell neue Freunde gefunden. Der Wettkampf stehe beim Spiel natürlich im Mittelpunkt, „auf dem Feld will man auf jeden Fall gewinnen“, aber die Gemeinschaft sei den Spielern ebenso wichtig, sagt Wirsching, und Jessica Adrian erzählt später von einem Turnier in Belgien, bei dem einer der Gastgeber kurzerhand 16 Teilnehmer in seinem Wohnzimmer unterbrachte.

          Seit 2014 gibt es eine deutsche Quidditch-Meisterschaft, bei der die acht Teams aus dem deutschen Verband einmal im Jahr an einem Wochenende gegeneinander antreten. Die erfolgreichsten Mannschaften qualifizieren sich für einen europäischen Wettbewerb. Inzwischen gebe es immer mehr Zulauf, sagt Nina Heise, die auch Präsidentin des deutschen Verbands ist. Außer im Rhein-Main-Gebiet seien auch in Freiburg und Passau Mannschaften gegründet worden, und in Bochum habe das gerade erst formierte Team schon 48Mitglieder. Im Übrigen sei eine Mitspielerin, die gerade in Südkorea studiere, dabei, auch dort ein Team aufzubauen.

          Langsam geht das Training der Nationalmannschaft im Günthersburgpark zu Ende. In diesem Sommer hat es das Team bei der Quidditch-Europameisterschaft in Italien immerhin bis ins Viertelfinale geschafft. Bei der Weltmeisterschaft im nächsten Jahr wollen Heise und ihre Mannschaftskameraden noch weiter kommen. Der Heimvorteil könnte dabei helfen, denn gespielt wird dann in Frankfurt, auf dem Rebstockgelände.

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