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Frankfurt : Begrüßungs-Spalier in der Bahnhofshalle

  • -Aktualisiert am

Applaus und Jubel: Flüchtlinge kommen am Hauptbahnhof in Frankfurt an. Bild: Helmut Fricke

Am Frankfurter Bahnhof haben mehr als 200 Menschen auf einen Zug mit Flüchtlingen gewartet. Doch die meisten fuhren weiter.

          2 Min.

          Ein Mann schiebt eine mit Wasserflaschen völlig überladene Sackkarre über den Frankfurter Hauptbahnhof. Bei jedem Schritt droht eines der Sechserpakete herunterzufallen. Sein Ziel ist der große Haufen mit Gespendetem vor dem Informationszentrum der Bahn. Freiwillige bilden einen Kreis um die Stapel mit Wasserflaschen, belegten Brötchen, Bananen, Hygieneartikeln und Süßigkeiten. Einige Helfer packen alles in weiße Plastiktüten. „In jeder Tüte ist das, was eine Person braucht“, sagt Hejar Temo, einer der vielen freiwilligen Helfer. „Wir haben das Wasser nach ganz vorne gestellt, damit die Leute sich das als Erstes nehmen können.“ Temo ist 1996 von Syrien nach Deutschland gekommen.

          Die Nachricht, dass in dieser Nacht 700 Flüchtlinge auf dem Weg nach Frankfurt sein sollen, hatte er am Samstagnachmittag aus dem Radio erhalten und sich wie viele auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Wie Temo stammen manche der mehr als 200 Helfer aus dem Nahen und Mittleren Osten und haben Verwandte, die auf der Flucht sind. Der 24 Jahre alte Friseur Murad Youssef wartet noch auf drei Cousins, die vor einer Woche von Damaskus nach Deutschland aufgebrochen sind. Er will als Dolmetscher helfen, Ankommende zum richtigen Ort zu bringen. Wo das ist, weiß lange Zeit niemand. Auch nicht, wann und wie viele Flüchtlinge ankommen und wie man ihnen am besten helfen kann. Eine Organisation, die den Ablauf plant, gibt es nicht.

          Als sich um Viertel nach zehn die Nachricht verbreitet, dass in Kürze ein Zug mit 50 Flüchtlingen auf Gleis sieben eintreffen soll, stürmen die Freiwilligen auf den Bahnsteig. Sie rennen zum ersten Abteil des Zuges, bis keiner mehr durchkommt. Einige reichen unter großem Applaus über ihren Köpfen Tüten mit Lebensmitteln und Wasserflaschen nach vorne, andere zücken ihre Handykameras. Die Flüchtlinge steigen jedoch nicht aus. Sie sollen mit dem Zug weiter nach Dortmund fahren. Die Hilfsbereiten wirken enttäuscht.

          Etwa eine Stunde später sagt ein Mitarbeiter der Bahn, dass ein Sonderzug die Lebensmittel zum Flughafen bringen soll. Weitere Flüchtlinge sollen nach ihrer Ankunft in diesen Zug steigen. Helfer dürfen kostenlos mitfahren. Rasch bilden Freiwillige eine Kette, reichen Plastiktüten weiter und verstauen sie in den Waggons.

          „Es gibt noch keinen richtigen Plan.“

          Kurz nach Mitternacht erreichen etwa 30 Flüchtlinge den Frankfurter Hauptbahnhof. Einige blicken erschöpft, fast ein wenig schüchtern zu Boden, andere winken den Freiwilligen zu, die für sie einen Korridor bilden, laut klatschen und mit Luftballons winken. Rasch verschwinden die Flüchtlinge im Sonderzug zum Flughafen. Fareed Yaghi ist einer von ihnen. Der junge Syrer ist mit sieben Verwandten seit dreieinhalb Wochen unterwegs. Sie seien mit dem Boot von Bodrum nach Griechenland aufgebrochen, sagt er. Die Griechen hätten sie auf dem Meer gerettet. Über die Balkan-Route hätten sie schließlich Wien erreicht, das letzte Stück von Budapest zur österreichischen Grenze seien sie in einer Gruppe von 1500 Leuten zu Fuß gegangen. Und nun seien sie etwa acht Stunden mit dem Zug nach Frankfurt gefahren. Der Friseur Murad Youssef hört ihm aufmerksam zu und übersetzt. Er sei Dichter, sagt Yaghi. Und er will mit seiner Familie in Frankfurt bleiben, weil es hier viele syrische Dichter gebe.

          Am Flughafen trifft die Gruppe auf weitere Flüchtlinge. Einige wollen weiter in andere Länder. Andere folgen der Polizei hinauf zum Schalter der Lufthansa. Dort gibt es Toiletten, und es ist wärmer als auf dem Bahnsteig. Gegen zwei Uhr früh erklärt ihnen ein Polizist, dass sie sich registrieren lassen müssten, wenn sie in Frankfurt bleiben wollten. Ansonsten hätten sie die Möglichkeit, mit einem Zug weiter nach Dortmund zu fahren, der in ein bis zwei Stunden komme. Was dort geschehe, wisse er nicht. „Der Plan ist – ach, wissen Sie, das ist schon zu viel gesagt“, antwortet er auf eine Nachfrage. „Ehrlich gesagt, gibt es momentan noch keinen richtigen Plan.“

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