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Wahlanalyse für Frankfurt : CDU-Wähler laufen zu den Grünen über

Im Gebäude der Frankfurter Messe werden die Wahlzettel ausgewertet. Bild: Imago

Frankfurt ist grün geworden – doch auch die SPD legt zu. Die CDU stürzt auf ein historisches Tief ab. Selbst bei den Wählern über 70 Jahren verliert sie an die SPD.

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          Erdrutsche, Beben oder tektonische Verschiebungen: Große politische Veränderungen werden häufig mit Naturphänomenen verglichen. Insofern ist der Wahlsonntag nicht nur für den Bund, sondern auch für Frankfurt stürmisch gewesen. Denn die Gewinner der Wahl, die Grünen, sind in der Wählergunst um zehn Punkte auf 24,6 Prozent geklettert, während die CDU mit schweren Stimmenverlusten von 8,3 Punkten auf 18,1 Prozent abgestürzt ist. Ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Wahl überhaupt. Damit ist die Partei, die bis zur Kommunalwahl im März die Frankfurter Politik dominierte, weiter abgesackt – bei der Bundestagswahl sogar nur noch auf den dritten Platz hinter den Grünen und der SPD, die sich mit 2,4 Punkten im Plus auf 22,5 Prozent vorarbeiten konnte. Hinzu kommt, dass die CDU gleich beide Direktmandate verloren hat – und damit auch ihre beiden Abgeordneten in Berlin. Denn seit Montag ist klar, dass es Bettina Wiesmann aus dem Wahlkreis 183 knapp auch nicht über die hessische Landesliste in den Bundestag geschafft hat.

          Martin Benninghoff
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn man noch einmal bei Naturphänomen bleibt: Der politische Farbenwechsel ist mehr als eine Momentaufnahme, er ist eine Art langfristiger, wählergemachter politischer Klimawandel in der Stadt. Denn die neue Koalition im Römer aus Grünen, SPD, FDP und Volt hätte nach diesem Wahlausgang eine satte Stimmenmehrheit von 63,3 Prozent erreicht. Dass Frankfurt mit diesem Linksruck nicht allein ist, zeigen die Ergebnisse in anderen Großstädten: In Stuttgart hat die CDU zwölf Prozentpunkte verloren, in Hamburg 11,7 Punkte. Die Grünen hingegen gewannen in vielen Großstädten wie Köln und Hannover deutlich zweistellig hinzu, knapp zweistellig auch in Frankfurt. Dass dies kein Strohfeuer für die Mainmetropole bleibt, zeigen die Erfolge der Grünen bei der Landtagswahl 2018, der Europawahl 2019 sowie der Kommunalwahl. Frankfurt ist grün geworden.

          Volt spielt keine Rolle

          Augenfällig sind vor allem die Wählerwanderungen, die das Bürgeramt Statistik und Wahlen für Frankfurt noch in der Nacht von Sonntag auf Montag genau unter die Lupe genommen hat. Die Anhängerschaft der CDU bei der vorigen Bundestagswahl 2017 ist demnach vor allem zu den Grünen übergelaufen und im schwächeren Maße in das Lager der Nichtwähler sowie der SPD. Jede siebte Stimme für die Grünen stammt von einem ehemaligen CDU-Wähler. Deutlich geringer verlor die CDU Stimmen an die FDP, die Verluste an die Linke und überraschenderweise auch an die AfD sind äußerst gering. Trotzdem hat der relative Erfolg der FDP, die stadtweit auf 14,8 Prozent der Zweitstimmen kam, mindestens Symbolcharakter im Ringen um das bürgerliche Milieu in der Mitte: Denn in der – nun muss man sagen: früheren – CDU-Hochburg Westend-Süd konnte die FDP von der Schwäche der CDU profitieren und ging als stärkste politische Kraft hervor.

          Was sich schon bei der Kommunalwahl und den darauffolgenden Koalitionsverhandlungen zeigte, bestätigt auch diese Bundestagswahl: Die Grünen und die FDP sind einander näher, als die Klischees über diese beiden angeblichen Antipoden nahelegen. Die Grünen konnten in erheblichem Maße Wähler von der FDP zu sich ziehen. Der Austausch geht in beide Richtungen, mit deutlicher Schlagseite zugunsten der Grünen: Während rund 900 Wähler von den Grünen zur FDP wechselten, gab die FDP 5000 an die Grünen ab. Die SPD profitierte hingegen von der Schwäche der CDU, aber auch der Linken und der AfD, die sich mit Verlusten von 4,9 und 3,5 Punkten beide jeweils verkleinern. Der von ihren Anhängern erhoffte Erfolg von Volt blieb aus: Die junge Partei, die drei Jahre nach ihrer Gründung in Deutschland bei der Kommunalwahl aus dem Stand 3,7 Prozent erreicht hatte, schaffte es nur auf 1,4 Prozent und spielt bei dieser Wahl keine Rolle.

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