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NS-Gedenken : In Frankfurt glänzen jetzt 1000 Stolpersteine

Glänzende Erinnerungskunst: Der 1000. Stolperstein wird am Montag in Frankfurt verlegt. Sie sollen im Stadtbild auf deportierte und ermordete NS-Opfer aufmerksam machen. Bild: Wolfgang Eilmes

Quadratisch und goldglänzend stechen sie aus dem Grau der Trottoire heraus: „Stolpersteine“ sind inzwischen im Pflaster zahlreicher deutscher Städte zu finden. Sie erinnern an fast vergessene Opfer.

          Über diese Steine stolpert nicht der Fuß, sondern der Kopf. Die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig, die er in das Pflaster von Gehwegen einlässt, machen Passanten darauf aufmerksam: In diesem Haus wohnte ein Unschuldiger, der von den Schergen des Nazi-Regimes verschleppt, misshandelt und meistens auch umgebracht wurde.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In Frankfurt werden am Montag um 11.20 Uhr Demnig und seine Mitstreiter von der Initiative „Stolpersteine Frankfurt am Main“ an der Stuttgarter Straße den tausendsten Stolperstein in der Stadt setzen. Er wird an Moritz Kaufmann erinnern, ein NS-Opfer, das bisher vergessen war. Mit 1000Stolpersteinen steht Frankfurt bundesweit an vierter Stelle bei dieser ungewöhnlichen Erinnerungsform.

          Die Berliner können mittlerweile über 6500 solcher Steine gedanklich stolpern. In seiner Heimatstadt Köln hat Demnig bisher mehr als 2000 Stolpersteine verlegt, in Hamburg finden sich 5000 Steine vor den Häusern der NS-Opfer. In München dagegen wurde bisher auf öffentlichem Grund kein einziger Stolperstein eingesetzt: Die Stadtregierung erlaubt es nicht.

          Will die Menschen beim Blick auf den Boden zum Gedenken anregen: Künstler Gunter Demnig, der Erfinder der „Stolpersteine“

          Gleichzeitig mit dem Beginn der Stolperstein-Verlegungen am Samstag in Frankfurt, die sich bis Montag hinziehen, wird auf dem Münchener Königsplatz ein Band mit 80.000 Unterschriften einer Petition ausgerollt, die sich gegen das Verbot von Stolpersteinen in der bayerischen Landeshauptstadt richtet. Dort hatte sich vor allem die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, gegen die Initiative gewandt – mit dem Argument, man dürfe die Namen der Opfer nicht mit Füßen treten.

          In Frankfurt, aber auch in anderen hessischen Städten wie Wiesbaden, Darmstadt und Kassel haben die Behörden den Ehrenamtlichen der Stolperstein-Initiativen nie Steine in den Weg gelegt. Im Gegenteil: Die Straßenbauamt in Frankfurt etwa, hat, seit am 3. November 2003 gegenüber der Musterschule der erste Frankfurter Stein verlegt wurde, immer die Anträge genehmigt, wie Hartmut Schmidt, dem Vorsitzenden der Frankfurter Initiative, berichtet.

          „Für uns ist es eine Freude, die Genehmigung für Stolpersteine zu erteilen“, sagt Frankfurts Verkehrsdezernent Stefan Majer (Die Grünen), der dabei sein wird, wenn sich am Sonntag beim „Abend der Begegnung“ im Budge-Heim, Deutschlands einzigem christlich-jüdischen Altersheim, Angehörige und Nachkommen von Opfern sowie Paten der Steine treffen. Die Paten zahlen 120 Euro je Stein. Oft böten sich Angehörige der Opfer an, die Kosten zu übernehmen, berichtet Schmidt. Doch das lasse die Initiative nicht zu, die Finanzierung sei eine Aufgabe der hiesigen Stadtbewohner.

          Auf einem der neuen Stolpersteine in Frankfurt wird der Name Martha Wertheimer stehen. Diese Journalistin hat nach der Pogromnacht von 1938 Hunderte jüdische Kinder nach England gebracht. Sie und ihre Schwester Lydia, die Chefsekretärin Richard Mertons in der Metallgesellschaft, wurden im Vernichtungslager Sobibor umgebracht. Dagegen wählte der Stadtrat Hans Maier den Freitod.

          Viele der Stolpersteine tragen die Namen von Juden. Aber auch an andere Verfolgte erinnern die Steine: an Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Sinti, Widerständler, Euthanasie-Opfer. Vorschläge für Stolpersteine kommen Schmidt zufolge häufig von Angehörigen der Verfolgten, oft aber auch von Hausbewohnern, die vom Schicksal der Vorbewohner gehört haben. Die Mitglieder der Initiative recherchieren in der Regel die Biographie der Opfer. Zweimal im Jahr rufen sie dazu auf, die Messingplatten auf den Stolpersteinen zu putzen – auf dass die Namen der unschuldig Verfolgten sichtbar bleiben.

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