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„Keine Gefahr für Deutschland“ : Ärzte warnen vor Ebola-Hysterie

  • -Aktualisiert am

Kein großes Risiko: Hinweisschild bei einer Ebola-Schulung des Deutschen Roten Kreuzes für freiwillige Helfer. Bild: Waldner, Amadeus

Auf einem Symposion wollen Experten die Angst vor einem Ebola-Ausbruch in Europa nehmen. Die Krankheit ist „keine große Herausforderung für den Seuchenschutz“. Aber auch viele Ärzte müssten noch eine Menge lernen.

          In Deutschland werde es nicht zu einem größeren Ausbruch von Ebola kommen. Diese Ansicht haben deutsche Infektiologen auf einem Symposion im Frankfurter Gesundheitsamt vertreten. Dank der guten Versorgungsstrukturen werde sich das Virus nicht ausbreiten. Deutschland sei „weltweit führend in der Vorbereitung“ auf hochansteckende Krankheiten, hob Amtsleiter René Gottschalk hervor, Leiter des hessischen Kompetenzzentrums und zugleich Sprecher des Arbeitskreises aller deutschen Kompetenzzentren.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Experten warnten vor einer Ebola-Hysterie in Europa. Die Erkrankung sei keine große Herausforderung für den Seuchenschutz, hatte Gottschalk schon am Morgen in einer Pressekonferenz der Stadt gesagt. Das Ebola-Virus an sich lasse sich „relativ leicht bekämpfen“. Patienten seien erst ansteckend, wenn sie Krankheitssymptome zeigten, das Virus werde nicht über die Atemluft übertragen und lasse sich leicht mit Desinfektionsmitteln zerstören. Bisher hätten sich auch in Spanien und Amerika nur Pfleger angesteckt, die direkten Kontakt zu schwerkranken Ebola-Patienten hatten. Weder Verwandte noch Ersthelfer seien infiziert worden.

          Enormer Pflegeaufwand

          Eine Ansteckung von Ärzten oder Pflegern in Deutschland schlossen die Experten nahezu aus. Zum einen verfüge man über bessere Schutzkleidung, zum anderen würden die Mitarbeiter regelmäßig trainiert. Inzwischen orientiere man sich auch in den Vereinigten Staaten an den deutschen Vorgaben zum Ablegen der Schutzkleidung, berichtete Gottschalk. „Ebola verzeiht keine Fehler“, warnte jedoch August Stich von der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg, an der zurzeit Helfer vor dem Einsatz in den Epidemiegebieten geschult werden.

          Zusammengekommen: Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes Rene Gottschalk (links) neben Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig und Antoni Walczok.

          Ärzte aus den drei Isolierstationen, auf denen Infizierte aus Afrika behandelt wurden, berichteten auf dem Symposion, dass sie trotz guter Schulung von dem enormen Pflegeaufwand bei der Behandlung von Ebola-Patienten überrascht waren. Den Betroffenen gehe es schlechter als bei anderen hochinfektiösen Erkrankungen wie Sars oder Lassa-Fieber, sagte der Arzt Timo Wolf, der in Frankfurt schon Patienten mit diesen Erkrankungen behandelt hat. Die Patienten müssten rund um die Uhr betreut werden. In den Schutzanzügen könnten die Mitarbeiter maximal drei Stunden arbeiten, eine Stunde werde für das Umziehen benötigt.

          Behandlung kann verbessert werden

          Es gebe keine Medikamente gegen das Virus, sagte Bernhard Ruf, Leiter des Sankt-Georg-Krankenhauses in Leipzig, in dem ein Ebola-Patient aus Afrika gestorben ist. Die Gabe von Antibiotika gegen Sekundärinfektionen durch Bakterien habe sich jedoch bewährt, berichtete Matthias Grade, der für „Ärzte ohne Grenzen“ Kranke in Liberia behandelt hat. Der zurzeit grassierende Ebola-Virustyp äußere sich mit leichtem Fieber zu Beginn, vor allem aber mit Durchfall und Erbrechen. Im fortgeschrittenen Stadium komme es zur Lähmung des Magen-Darm-Traktes, berichtete Stefan Schmiedel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Bakterien aus dem Darm könnten dann in den Körper gelangen.

          Bei einer guten Behandlung könnten mehr Infizierte überleben, sagte Grade. Auch wenn die Ärzte nichts über den Gesundheitszustand des afrikanischen Patienten, der seit dem 3.Oktober in Frankfurt behandelt wird, sagen wollten, ließen sie doch erkennen, dass er gute Überlebenschancen hat. In Afrika stürben dagegen noch immer bis zu 80 Prozent der Infizierten innerhalb von 16 Tagen nach Ausbruch der Erkrankung, so Gottschalk.

          „Es wird zu wenig gespendet“

          Die Angst vor Ebola dürfe nicht zu einer Stigmatisierung von Afrikareisenden oder Menschen mit dunkler Hautfarbe führen, forderte der Amtsleiter. Nur drei Länder in Westafrika seien von der Epidemie betroffen: Liberia, Sierra Leone und Guinea. Nur Menschen, die sich dort aufgehalten und Kontakt zu Ebola-Kranken gehabt hätten, müssten bei Fieber auf Ebola getestet werden. Eine Blutprobe bringe innerhalb von sechs Stunden Gewissheit, berichtete Gottschalk.

          Es gebe noch einen „enormen Aufklärungsbedarf von Ärzten und in Kliniken“, stellte der Würzburger Mediziner Stich fest. Das Frankfurter Gesundheitsamt hat deshalb für morgen Mitarbeiter aller 16 Krankenhäuser zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Darüber hinaus stellt es Wissenswertes über Ebola im Internet zur Verfügung und berät Ärzte und mögliche Infizierte rund um die Uhr unter der Telefonnummer 069/21270800.

          Einig waren sich die Experten darin, dass auf den Ebola-Ausbruch viel zu spät reagiert worden sei. Noch immer gebe es zu wenig Helfer in den betroffenen Ländern, sagte Grade. Auch die finanzielle Unterstützung sei gering, es werde zu wenig gespendet, ergänzte Stich. Von einer „Schande für die internationale Gemeinschaft“ sprach Gottschalk. Auch wenn die Erkrankungszahlen zurzeit rückläufig seien, rechne er nicht mit einem baldigen Ende der Epidemie. Bis zu 100000Menschen könnten insgesamt bei diesem Ausbruch sterben. „Wir brauchen die Impfung“, mahnte Gottschalk. Die Experten erwarten jedoch, dass sie frühestens in einem halben Jahr zur Verfügung steht.

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