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Nachwuchs in der Forschung : Morgens operieren, abends experimentieren

  • -Aktualisiert am

Kämpferin gegen Krebs: Die Forschungsarbeiten von Sabine Hannes werden womöglich in Zukunft erkrankten Menschen helfen können. Bild: Helmut Fricke

In der medizinischen Forschung fehlt der Nachwuchs. Sabine Hannes gehört zu den wenigen jungen Ärzten, die den Spagat zwischen Klinik und Labor wagen – und trotzdem nicht auf Familienleben verzichten.

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          „Mein Beruf macht mir Spaß“, sagt Sabine Hannes mit Nachdruck. Deshalb hat sie, wie viele andere junge Mediziner in der Facharztweiterbildung, nie gejammert, wenn der Arbeitstag in der Klinik morgens um 6.30 Uhr auf der Station mit der Vorbereitung der Visite beginnt, danach im Operationssaal mit zum Teil drei- bis vierstündigen Eingriffen weitergeht und mit Patientengesprächen auf der Station erst um 19 Uhr endet. Gelegentlich wird es auch mal 22 Uhr bis zum Feierabend.

          Das ist an sich schon ein straffes Pensum. Doch die promovierte Fachärztin für Allgemeinmedizin will auch dazu beitragen, dass sie und ihre Kollegen in Zukunft Krebskranke seltener in den Tod begleiten müssen. Viele Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs könnten bisher nicht operiert werden, sagt Hannes. Und selbst wenn der aggressive Tumor entfernt werden könne, sei das keine Überlebensgarantie. Deshalb forscht die 35 Jahre alte Ärztin im Labor: Sie will die molekularen Eigenschaften des Pankreaskarzinoms besser verstehen.

          Das Ehepaar sieht sich nur noch selten

          Dazu untersucht sie, warum die Balance zwischen Zelltod und Überleben bei diesen Krebszellen gestört ist, wie man deren Teilung aufhalten und sie zum Absterben bewegen kann. „Von Patient zu Patient ist das Verhalten der Krebszellen auch noch sehr unterschiedlich“, erläutert sie. Herkömmliche Chemotherapien attackieren den ganzen Körper und haben oft gravierende Nebenwirkungen. Hannes’ Grundlagenforschung könnte helfen, zielgerichtetere Medikamente und Verfahren zu entwickeln. Wenn sie erfolgreich ist, würde das vielen Patienten nützen.

          Seit eineinhalb Jahren ist die Medizinerin Mutter eines Sohnes. Der tägliche Spagat zwischen Kind, Klinik und Forschung wäre nicht zu schaffen ohne den Einsatz des Ehemannes, der in der Gastronomie arbeitet und den Sohn morgens zur Tagesmutter bringt, und der Großmütter, die sich um den Enkel kümmern. „Unser Sohn sieht einen von uns regelmäßig, aber wir als Ehepaar sehen uns nur noch selten“, sagt die Ärztin bedauernd. Das fragile Modell funktioniert ohnehin nur, weil der Ehemann sich beruflich nach ihrem Dienstplan richten kann und sie ihre Arbeitszeit auf 75 Prozent reduziert hat.

          Wissenschaftliche Selbstständigkeit als Ziel

          Doch vor allem die Tatsache, dass sie Kollegiatin der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung ist, ermöglicht ihr nach zehn Monaten Elternzeit, sich momentan ganz auf die Forschung zu konzentrieren. Das Facharztgehalt bezieht sie weiter. Ihr Ziel ist es, wissenschaftlich selbständig zu werden, eine eigene Forschungsgruppe zu haben und die Ergebnisse der Laborarbeit immer wieder auch im klinischen Alltag zu erproben. „Ich vernachlässige für die Forschung im Moment meine chirurgische Ausbildung, deshalb ist es wichtig, dass ich auch wieder zurück in die Klinik komme“, sagt Hannes.

          Dort ist sie weiterhin eingebunden und absolviert an fünf bis acht Tagen im Monat Bereitschaftsdienste von 15 Uhr bis 7.30 Uhr morgens. Anschließend geht sie natürlich noch ins Labor. Zu Hause muss sie dann Schlaf nachholen. „An diesen Tagen sieht mich mein Sohn nicht“, sagt sie. Trotzdem sei sie glücklich, „für unsere Familie ist das so zurzeit machbar.“ Von ihren Studienkolleginnen kennt sie allerdings niemanden sonst, die diesen Weg zwischen Klinik, Forschung und Familie beschreitet.

          Forschung als Freizeitbeschäftigung

          Das Fehlen von Nachwuchs für die medizinische Wissenschaft wird seit Jahren von vielen Seiten beklagt. „Ein zentrales Problem liegt in der mangelnden zeitlichen Vereinbarkeit von klinischer und wissenschaftlicher Tätigkeit“, sagt Simone Fulda, Direktorin des Instituts für experimentelle Tumorforschung in der Pädiatrie und Vizepräsidentin der Goethe-Universität. Jeder fünfte an deutschen Kliniken beschäftigte Assistenzarzt schließt seine Facharztweiterbildung an einer Universitätsklinik ab, 2300 sind das jährlich. Knapp drei Viertel davon geben in Umfragen an, zukünftig forschen zu wollen – doch die wenigsten tun das dann auch.

          Grund dafür, so Fulda, sei der zunehmende Kostendruck auf die Kliniken: Immer weniger Ärzte müssten immer mehr arbeiten. Für die Wissenschaft bleibe da oft wenig Zeit. Früher bestehende Forschungsfreiräume würden durch die erhebliche Arbeitsverdichtung in der Klinik, die fehlende Entlastung der ärztlichen Tätigkeit durch geeignetes Assistenzpersonal, den zunehmenden Dokumentationsaufwand und steigende Fallzahlen bei gleichzeitig abnehmender Liegedauer weiter reduziert. Eine Analyse im Auftrag des Bundesforschungsministeriums kommt zu dem Ergebnis, dass Nachwuchswissenschaftler im Durchschnitt nur etwa ein Fünftel ihrer Arbeitszeit für die Forschung aufwenden können. Forschung sei für viele angehende Fachärzte de facto eine Freizeitbeschäftigung.

          Spagat zwischen Kind, Forschung und Klinik

          Auch Sabine Hannes hat früher zu Hause oder im Urlaub viel Zeit in klinische Studien investiert, mit Kind sei das nun nicht mehr möglich. Auch nicht, wenn man wie sie experimentell im Labor arbeitet. Dort untersucht sie das entfernte Krebsgewebe ihrer Patienten aus der Klinik. „Ich sage ihnen ganz offen, dass sie nicht mehr davon profitieren werden, aber andere Patienten später sicherlich.“ Sie muss möglichst viele Gewebeproben untersuchen, um zu verstehen, was die Krebszellen am Leben hält und was sie zum Absterben zwingen könnte. Dass sie auch mit Kind diesen Spagat zwischen Forschung und Klinik weiter leben könne, verdanke sie nur der Förderung durch die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung.

          Damit Studenten, die sich am Beginn ihres Studiums durchaus noch eine Karriere in der Forschung vorstellen können, nicht ins Ausland oder in die Industrie abwandern, sondern in der Klinik bleiben, erhält die Uni Frankfurt nun von der Mildred-Scheel-Stiftung zehn Millionen Euro. Investiert werden soll das Geld binnen fünf Jahren am neuen Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum, dessen Sprecherin Fulda ist.

          Es gehe darum, „attraktive Positionen für den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Medizin zu schaffen, die eine Verbindung wissenschaftlicher und klinischer Tätigkeiten nach dem Vorbild der ,Clinician Scientists‘ in anderen Ländern ermöglichen“, erläutert die Professorin. Investiert werden soll aber auch in mehr Kita-Plätze auf dem Universitätscampus in Niederrad, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und damit die Rahmenbedingungen für die Forschung zu verbessern.

          Nicht mit noch so viel Geld zu erreichen sei allerdings ein generelles Umdenken, meint Hannes: „In vielen Köpfen herrscht immer noch das Bild des Mannes als Vollzeit arbeitender Familienernährer.“ Es fehle zu oft die Einsicht, dass die Aufzucht des Nachwuchses nicht allein Frauensache sei. Obwohl sie als Forscherin einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von Krebs und seiner Heilung leistet, haben viele Bekannte sie vorwurfsvoll gefragt, warum sie denn zehn Monate nach der Geburt ihres Kindes schon wieder arbeiten „muss“. Doch Sabine Hannes ist eben Ärztin, Krebsforscherin und Mutter aus Leidenschaft. „Ich wollte mich nicht für eins davon entscheiden müssen.“

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