https://www.faz.net/-gzg-9uq0r

Immobilienmarkt : Wohnungsnot in Darmstadt wächst

Wenig Wohnungen und hohe Preise: Mieter sind von der Wohnungsnot in Darmstadt mehr betroffen als Eigentümer. Bild: dpa

Darmstadt hat einen hohen Bevölkerungszuwachs und nicht genügend Wohnungen. Eine Untersuchung zeigt, welche Bevölkerungsgruppen besonders von der Wohnungsnot betroffen sind.

          3 Min.

          Seit Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) als Marge für den Wohnungsbau in Darmstadt vor ein paar Jahren die Kennziffer von 10.000 neuen Wohnungen bis zum Jahr 2021 vorgegeben hat, kreisen die politischen Diskussionen um diese magische Zahl. Die Einschätzung der Fraktionen, ob das Ziel zu erreichen ist, hängt in der Regel von der Zählweise der Neubauten und der Bewertung ab, ob das Glas nun halb voll oder halbleer ist. Eine Untersuchung der Abteilung Statistik und Stadtforschung im Amt für Wirtschaft und Stadtentwicklung über die Zufriedenheit der Bürger mit ihrer Wohnungssituation zeigt nun, dass diese Art der Diskussion offenbar zu vereinfachend ist.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Wie die Studie feststellt, hat das „normative Wohnungsdefizit“ in Darmstadt in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Ursache dafür ist das steigende Wachstum der Bevölkerung. Lebten 2006 noch etwa 151.400 Menschen mit Haupt- oder Nebenwohnsitz in der Stadt, sind es Ende 2018 schon fast 164.500 gewesen. Der Zuwachs entspricht etwa der Größe einer Kleinstadt oder der Bevölkerung im Stadtteil Bessungen. Und so wird es weitergehen. Aktuelle Prognosen gehen von einem Zuwachs auf bis zu 184.000 Einwohnen bis zum Jahr 2035 aus. Die Folge dieser Tendenz ist ein wachsendes „Wohnungsdefizit“: Waren es 2007 noch 3400 Wohnungen, die fehlten, sind es Ende vergangenen Jahres schon 8900 gewesen.

          Weniger Wohnfläche für Mieter

          Diese Entwicklung führt offensichtlich zu sozial weitreichenden Umstrukturierungen. Denn aufgefangen wird nach der Studie der Einwohnerzuwachs nicht nur durch den Neubau von Wohnungen, sondern auch durch „Belegungs- und Verteilungsprozesse“. Dies zeigten die Daten der Bürgerumfrage aus dem vergangenen Jahr. Danach ist die durchschnittliche Wohnfläche, die den Darmstädtern zur Verfügung steht, seit 2006 von 36,5 auf 34,6 Quadratmeter pro Person zurückgegangen. Auch die je Kopf verfügbaren Zimmer sind von 1,5 auf 1,37 gesunken. Betroffen davon waren vor allem Mieter und weniger die Besitzer von Wohneigentum. Sie mieteten zunehmend kleinere Wohnungen an, verzichteten auf ein eigenes Arbeits-, Gäste- oder Wohnzimmer, wechselten in Wohngemeinschaften oder wohnten zur Untermiete. Von diesem Zwang zur Einschränkung sind vor allem einkommensschwächere Haushalte betroffen. Bei Mietern, deren monatliches Nettoeinkommen unter 1000 Euro lag, fiel die Reduktion der Wohnfläche mehr als doppelt so stark aus wie in allen anderen Einkommensklassen. Zu dieser Gruppe zählen zum Beispiel Arbeitslose, Geringverdiener, Rentner, Studenten und Alleinerziehende.

          Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass nach der jüngsten Bürgerumfrage die Wohnungssituation von mehr als einem Drittel der Darmstädter Mieter als problematisch angesehen wird. Dieses Urteil ist besonders stark ausgeprägt bei Menschen mit geringem Einkommen und bei Haushalten mit Kindern. In diesen beiden Gruppen bewerteten fast 50 Prozent die eigene Wohnungssituation als schwierig, entweder wegen der Kosten (40 Prozent der Mieter) oder wegen der Größe (20 Prozent). Bei ihnen, so heißt es in der Studie, sei der wahrgenommene „Problemdruck“ besonders groß aufgrund der finanziellen Situation oder wegen des „Veränderungsdrucks“, der gerade bei Familien mit Kindern bestehe, zum Beispiel, wenn ein weiteres Kind komme und die Wohnung zu klein werde. Diese Unzufriedenheit könne dazu führen, „dass Haushalte der Stadt den Rücken kehren (müssen)“. Denn die Möglichkeit, in Darmstadt vergleichsweise schnell eine Alternative zu finden, wird inzwischen als sehr kritisch bewertet. 2006 schätzten 60 Prozent der Befragten die Lage negativ ein, im vergangenen Jahr waren es 90 Prozent.

          Trotzdem hohe Lebensqualität in Darmstadt

          Diese „deutliche Sensibilisierung“ hat allerdings auch eine unerwartete Kehrseite. Wie die Untersuchung ergeben hat, ist trotz der angespannten Wohnsituation die Zufriedenheit der Darmstädter mit Lage und Umgebung der eigenen Wohnung weiter gestiegen. Dieser Trend findet sich in allen Einkommensklassen, selbst bei den Geringverdienern. Nach Ansicht der Statistiker liegt dies an der allgemeinen hohen Lebensqualität Darmstadts und an städtebaulichen Verbesserungen in den Wohngebieten.

          Wie Jan Dohnke als Verfasser der Studie schreibt, macht die differenzierte Betrachtung des Wohnungsmarktes und dessen Beurteilung durch die Bevölkerung deutlich, dass Wohnen ein „zentrales soziales Thema ist“. Neben dem Ziel, eine ausreichende Zahl von Neubauten zu schaffen, müsse noch stärker auf die unterschiedlichen Wohnbedürfnisse geachtet werden. Partsch hat aus der Untersuchung genau diese Schlüsse gezogen. Neben dem Ziel, eine ausreichende Zahl von Wohnungen zu schaffen, gelte es künftig, „Qualität, Größe und Kosten der zu schaffenden wie bestehenden Wohnungen genauer zu betrachten“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Karl von Rohr, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, während des Gespräch in der Vorstandetage der Deutschen Bank in Frankfurt.

          Deutsche Bank-Vize im Gespräch : Keine Fusion aus Angst vor Dritten

          Neben der Commerzbank und Wirecard steht die Deutsche Bank derzeit solide da. Karl von Rohr spricht darüber, wo die Corona-Krise Spuren hinterlässt, was er sich von der Bafin wünscht und warum die Bank Hilfe von Google braucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.