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Leben von Grundsicherung : Immer mehr arme Rentner in Hessen

  • -Aktualisiert am

In Hessen ist die Zahl der Rentner, die Grundsicherung erhalten stark gestiegen. Bild: dpa

Die Zahl alter Menschen, die Grundsicherung erhalten, hat stark zugenommen. Besonders Frauen sind von Altersarmut betroffen. Der hessische Sozialminister Klose spricht sich für die Grundrente aus.

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          Insgesamt 50.602 Rentner haben in Hessen 2018 die sogenannte Grundsicherung erhalten, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht. Nach Auskunft des hessischen Sozialministeriums ist die Zahl derjenigen, die eine Geldleistung erhalten, in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen. Bezogen 2008 noch 35.470 Rentner die Grundsicherung, waren es 2014 schon 45.570. Bei diesen Personen handelt es sich laut Ministerium um Bürger, die die vorgeschriebene Altersgrenze überschritten haben. Zusätzlich erhalten noch 42.500 Hessen die Grundsicherung, die älter als 18, aber noch nicht im Rentenalter sind.

          In Hessen bekamen mehr Frauen als Männer die Grundsicherung. 2018 erhielten 29.276 Frauen die Hilfe, nach 23.099 im Jahr 2008. Das ist eine Steigerung um knapp 27 Prozent. Bei den Männern sind die absoluten Zahlen zwar niedriger, aber die Steigerung fällt mit etwa 72 Prozent höher aus. So bezogen 2008 insgesamt 12 371 männliche Hessen die Grundsicherung. 2018 waren es laut Sozialministerium schon 21.326. Im Jahr 2008 betrug der Anteil der männlichen Empfänger noch zirka 35 Prozent. 2018 ist der Anteil der Männer aufgrund der hohen Steigerungsraten auf etwa 42 Prozent gestiegen.

          Keine private Vorsoge möglich

          Nach Einschätzung von Sozialminister Kai Klose (Die Grünen) stellt der demographische Wandel die „umlagefinanzierte gesetzliche Rentenversicherung vor große Herausforderungen“. Daher werde die private und betriebliche Altersvorsorge ein „zunehmend bedeutsamerer Baustein“, um drohende Versorgungslücken bei der gesetzlichen Altersversorgung zu schließen. Zugleich gab Klose zu, dass es notwendig sei, die Alterssicherung von Menschen zu verbessern, die ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet, aber wenig verdient haben. Klose spricht sich für eine Grundrente aus, um Altersarmut zu bekämpfen. Er schränkt ein, dass dazu ein tragfähiges Konzept gehöre, das „sowohl finanzierbar wie auch armutsfest und generationengerecht“ sein müsse.

          Der Sozialverband VdK Hessen-Thüringen fordert die Einführung einer Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung. Die Zunahme von Empfängern in der Grundsicherung im Alter erkläre sich dadurch, dass es immer mehr Menschen nicht möglich sei, eine gesetzliche Rente aufzubauen, von der sie leben könnten, teilte der Sozialverband am Donnerstag mit. Aufgrund ihres niedrigen Einkommens sei es für viele Menschen nicht möglich, privat vorzusorgen.

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          Schuld ist nach Einschätzung des VdK auch, dass das Rentenniveau von 52,9 Prozent im Jahr 2000 auf 48,1 Prozent im Jahr 2016 abgesenkt wurde. „Die starke Zunahme bei den Grundsicherungsbeziehern ist ein deutlicher Indikator für die zunehmende Altersarmut“, sagte Gerd Fischer, VdK-Sprecher, auf Anfrage. Dies zeige auch die Armutsgefährdungsquote, die in Hessen zwischen 2007 und 2017 von 10,7 auf 14,1 Prozent gestiegen sei.

          Nach Einschätzung des VdK sind jedoch noch viel mehr ältere Hessen von Armut bedroht. „Man muss davon ausgehen, dass viele leistungsberechtigte Menschen aus Scham oder Angst vor dem Ausfüllen von Formularen keinen Antrag auf Grundsicherung im Alter stellen“, befürchtet Fischer. Um diese Entwicklung zu stoppen, fordert der VdK, dass das Rentenniveau auf 50 Prozent angehoben wird. Die Mütterrente müsse vollständig angeglichen werden, und es sollten alle Erwerbstätigen in die Rentenversicherung einzahlen, auch Selbständige, Politiker und langfristig selbst Beamte.

          Gewerkschaft: Unternehmen drücken Löhne

          Eine „rentenpolitische Kurskorrektur“ fordert auch der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten, Guido Zeitler. „Eine entscheidende Ursache für dürftige Renten sind niedrige Einkommen. Auch wer Jahrzehnte in einer Bäckerei oder einem Restaurant gearbeitet hat, landet im Alter oft unter der Armutsschwelle“, teilte er mit. „Das liegt auch an der Praxis vieler Unternehmen, aus Tarifverträgen auszusteigen und so die Löhne zu drücken.“

          Die Gewerkschaft hatte Ende vergangener Woche die bundesweiten Zahlen veröffentlicht und bezieht sich dabei auf Daten des Statistischen Bundesamts. Demnach stieg die Zahl der Grundsicherungsempfänger in ganz Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent. Gab es im Jahr 2008 noch 768.000 Empfänger, waren es 2018 schon 1,08 Millionen.

          Der Regelbedarf für die Grundsicherung beträgt nach Auskunft des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales derzeit 424 Euro für einen allein lebenden Erwachsenen. Hinzu kommt der Bedarf für Unterkunft, Heizen und eventuelle Behinderungen. Das Ministerium beschreibt als Musterfall eine 68 Jahre alte, gehbehinderte Witwe. Ihr Bedarf an Grundsicherung mit Wohn- und Heizkosten sowie der Gehbehinderung beträgt 856,72 Euro (Stand 2018). Davon werden 406 Euro Einkommen aus der eigenen Rente und der Witwenrente abgezogen, so dass sie monatlich 450,72 Euro erhält.

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