https://www.faz.net/-gzg-9paaf

Kirchen verlieren Mitglieder : Niedergang mit Beschleuniger

Leere Kirchenbänke im Fuldaer Dom Bild: dpa

Immer weniger Christen sehen gute Gründe darin, Mitglied in evangelischer oder katholischer Kirche zu bleiben. Die anhaltende Rat- und Hilfslosigkeit der Bistümer darauf ist erschreckend.

          Die Zahlen sind seit Jahren schlecht. Sowohl die evangelischen als auch die katholischen Christen kehren ihren Kirchen in Scharen den Rücken. So auch 2018. Die Zahl der hessischen Protestanten ist von 2,07 auf 2,03 Millionen gesunken, die Zahl der Katholiken im Bundesland hat sich von 1,42 auf 1,39 Millionen reduziert. Wer dazu wie Volker Jung, der Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sagt, „die Entwicklung tut weh“, klingt einerseits ehrlich – und untertreibt doch immens.

          Die Zahlen des Niedergangs basieren wie seit Jahren auf zwei Faktoren. Zum einen sehen immer weniger Christen gute Gründe dafür, Mitglied der evangelischen oder katholischen Kirche zu bleiben. Sie glauben vielleicht noch an Gott, sie hoffen auf ein Leben nach dem Tod und erziehen ihre Kinder nach christlichen Werten. Aber sie sehen immer seltener die Relevanz einer Kirchenmitgliedschaft für das eigene Leben – und treten aus.

          Dass in einem teuren Ballungsraum wie dem Rhein-Main-Gebiet allen voran junge Arbeitnehmer beim Blick auf die Gehaltsabrechnung die Kirchenbänke verlassen, liegt auf der Hand. Deshalb sollte die schon mehrmals vage formulierte Idee, solchen Kirchenmitgliedern für eine gewisse Zeit die Steuer zu senken, endlich ernsthaft geprüft werden.

          Fehlende Aufarbeitung nach Missbrauchsskandal

          Der zweite Faktor, mit dem die Kirchen auch in Hessen zu kämpfen haben, ist der demographische. Er beschreibt die schlichte Tatsache, dass weniger Kinder getauft als alte Christen beerdigt werden. Dass sich dieser Trend noch umkehren lässt, ist höchst zweifelhaft. Erschreckend ist jedenfalls die anhaltende Rat- und Hilflosigkeit, mit der die Kirchen auf dieses nicht unbedingt neue Phänomen reagieren.

          Als wäre die Lage nicht schon heikel genug, kommt diesmal auf katholischer Seite noch ein Brandbeschleuniger hinzu: die erschütternden Ergebnisse der Missbrauchsstudie und der Umgang etlicher Kirchenführer damit. Dass es fast ein Jahr nach der Veröffentlichung noch immer kein geregeltes, verpflichtendes Verfahren zur Aufarbeitung für alle 27 Diözesen in Deutschland gibt, ist ein Skandal.

          Während einige Bistümer ernsthaft den Eindruck vermitteln, sich der Ursachen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen anzunehmen, um Taten künftig zu verhindern, ist anderswo ein Achselzucken beinahe die Geste mit der größten Dynamik.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          „Dein Bus“ meldet Insolvenz an

          Fernbus-Pionier vor dem Aus : „Dein Bus“ meldet Insolvenz an

          Das Offenbacher Unternehmen „Dein Bus“ war lange Vorreiter der Fernbus-Branche. Auch regional ist die Firma ein wichtiger Arbeitgeber. Nun meldet das Unternehmen Insolvenz an. Wie konnte es dazu kommen?

          Topmeldungen

          Trumps Grönland-Idee : Eiskalte Interessen

          Manche Republikaner unterstützen die Idee von Donald Trump, Grönland zu kaufen. Schließlich könnte man so den Einfluss von China und Russland begrenzen – und riesige Rohstoffvorkommen ausbeuten.
          Sommerurlaub verwehrt: Wenn man eine Reise stornieren möchte, kann es auf Internetplattformen Probleme geben.

          Probleme mit Buchungsplattform : Kein Geld zurück

          Plattformen wie Booking.com & Co. nehmen dem Urlauber viel Arbeit ab. Schwierig kann es werden, wenn eine Übernachtung storniert werden soll. Ein Erfahrungsbericht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.