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Arbeitgebervertreter zu Streik : „Im Zweifel droht die Insolvenz eines Busunternehmens“

Stillstand: Auch in den nächsten Tagen dürften in Hessen viele Linienbusse in den Depots bleiben Bild: dpa

Die Fronten zwischen den Omnibus-Firmen und Verdi bleiben verhärtet. Der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands, Volker Tuchan, sagt im Interview, weshalb beide Seiten weit auseinander liegen. Und weshalb am Ende die Kunden zahlen.

          2 Min.

          Wie soll ein Busfahrer mit einem Stundenlohn von 13,50 Euro oder demnächst 14,10 Euro, wie von ihrem Verband angeboten, in einer Großstadt wie Frankfurt, Darmstadt oder Offenbach eine Familie ernähren?

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch unsere Unternehmen wollen doch die Löhne anheben. Die Vergütung anzuheben, ist ja auch in ihrem Sinne, schließlich spürt auch unsere Branche einen Mangel an geeignetem Personal. Wir können aber die Löhne nur schrittweise anheben. Denn wie sehen, was für die Busunternehmen wirtschaftlich tragbar ist und was sie überfordern würde.

          Die von Verdi verlangten 3,10 Euro sind nicht tragbar, die von den Arbeitgebern gebotenen 2,10 Euro aber schon?

          Ein Euro hört sich im ersten Moment nicht nach viel an. Aber Sie dürfen eines nicht vergessen: Die Forderung der Gewerkschaft läuft auf einen Lohnzuwachs von fast 23 Prozent hinaus, während die 2,10 Euro etwa 15 Prozent entsprechen. Vor allem aber will Verdi die Erhöhung so schnell wie möglich sehen, also in diesem Jahr, während wir die 15,60 Euro je Stunde in vier Jahren erreichen wollen. Optisch liegen wir vielleicht auf den ersten Blick nicht so weit auseinander, faktisch aber eben schon.

          In anderen Bundesländern verdienen die Busfahrer deutlich mehr als in Hessen, wie Verdi anführt. Wieso können die hessischen Unternehmen nicht genauso viel zahlen wie etwa die in Baden-Württemberg angesichts einer ähnlichen Wirtschaftskraft beider Länder?

          Baden-Württemberg ist mit Abstand der Spitzenreiter bei den Löhnen, in anderen Bundesländern, etwa Bayern, sind die Löhne ähnlich hoch wie hier. Es ist doch so: Ein Unternehmen gibt im Rahmen einer Ausschreibung zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Gebot für den Betrieb einer Buslinie oder eines Linienbündels ab. Der Vertragspartner, etwa der Rhein-Main-Verkehrsverbund, bietet für das Leistungspaket einen gewissen Betrag. In seinem Angebot berücksichtigt der Unternehmer auch seine Personalkosten. Nun sieht der Vertrag zwar einen Ausgleich für Mehrkosten vor, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß, die mit der Lohnforderung von Verdi verbunden ist. Wir reden vielmehr über etwa drei Prozent pro Jahr, die dieser sogenannte Hessen-Index auffangen würde, den wir in der bisher letzten Tarifrunde vor drei Jahren entwickelt haben und bei dem Verdi einbezogen war.

          Sieht wenig Spielraum: Volker Tuchan vom hessischen Omnibus-Unternehmerverband LOH

          Was bedeutet das für die Busunternehmer?

          Alles, was über diesen Mehrkosten-Ausgleich hinaus geht, bleibt an den Busunternehmen hängen, sie müssten also den Großteil der Lohnerhöhung selbst finanzieren. So etwas geht letztens an die Substanz. In der Folge könnte das in einer Insolvenz münden oder ein Busunternehmer müsste seinen Vertrag zurückgeben mit der Begründung, ihn wegen der zu stark gestiegenen und nicht refinanzierten Kosten nicht mehr erfüllen zu können.

          Wie sieht die Lösung aus?

          Gute Frage. Verdi und wir liegen wie gesagt weit auseinander. Die Firmen steuern an ihrer Belastungsgrenze. Solange sich die Rahmenbedingungen mit nur begrenzter Fortschreibung von Lohnkostensteigerungen nicht ändern, bleibt über unser Angebot hinaus kein weiterer Spielraum.

          Was müsste sich ändern, um den Spielraum zu erweitern? Müssten die Fahrpreise steigen?

          Die Tarife legt der RMV fest, die Unternehmen haben hierauf keinen Einfluss, und können sich daher auch nicht mit höheren Fahrpreisen refinanzieren. Aber am langen Ende ist es so: Wenn die Lohnkosten stark steigen, muss der Verbund, der die Fahrpreise festlegt, sie an die Kunden zumindest zum Teil weitergeben. Denn die Personalkosten schlagen bei Busunternehmen mit etwa 50 Prozent zu Buche.

          Verdi weitet Busfahrer-Streik am Donnerstag aus

          Die Fahrer privater Busunternehmen in Hessen wollen ihren Streik am dritten Tag ausweiten. Man werde am Donnerstag auch Busfahrer in Wiesbaden, Hofheim und Kriftel aufrufen, die Arbeit niederzulegen, teilte Verdi mit. Außerdem sollen Straßenbahnfahrer in Darmstadt sich in Form eines 24 Stunden währenden Solidaritätsstreiks anschließen, erklärte die Gewerkschaft am Mittwoch. Am Mittwoch hatten sich laut Verdi abermals rund 3100 Busfahrer in mehreren hessischen Städten an dem unbefristeten Ausstand beteiligt - darunter in Frankfurt, Darmstadt, Kassel und Fulda. Die Gewerkschaft hatte schon zuvor angekündigt, so lange weiter streiken zu wollen, bis ein besseres Angebot vorliege. (dpa)

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