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Holzwirtschaft in Hessen : Im Wald wächst mehr Holz, als die Förster ernten

  • -Aktualisiert am

Nachhaltiger Einschnitt: Ein Forstarbeiter fällt mit einer Motorsäge einen Baum im Wald in der Nähe von Königstein. Bild: dpa

Vor 300 Jahren wurde Nachhaltigkeit definiert. Das Wirtschaftsprinzip im Wald wuchs zu einem gesellschaftlichen Schlagwort.

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          Fast wäre es der „Nachhaltigkeit“ genauso ergangen wie dem „Waldsterben“, dem „Kindergarten“, dem „Blitzkrieg“ oder dem „Zugzwang“. Doch es gibt mit „sustainability“ eine englische Entsprechung für einen urdeutschen Begriff, der vor 300 Jahren erstmals von einem Sachsen formuliert und wenige Jahrzehnte später von einem Hessen entscheidend präzisiert und verfeinert wurde.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Raubbau im Wald ist kein Phänomen Südamerikas oder Südostasiens, sondern ein Kapitel deutscher Vergangenheit. Schon zur Mitte des 17.Jahrhunderts war der Hunger nach Holz so groß geworden, dass der deutsche Wald allmählich in einen erbärmlichen Zustand geriet. Die vielen kleinen Bergwerke verlangten nach immer mehr Grubenholz, die Salinen nach Feuerholz, die Köhlereien nach Rohstoff für Holzkohle. Nicht zufällig war es daher ein sächsischer Oberberghauptmann und Sohn eines kursächsischen Oberforstmeisters, Hans Carl von Carlowitz, den die Sorge um die Holzversorgung des sächsischen Berg- und Hüttenwesens umtrieb. 1713 veröffentlichte er mit der „Sylvicultura Oeconomica“ das erste umfassende Werk über nachhaltige Holzwirtschaft, die auf eine stabile, dauerhafte Rohstoffversorgung abzielt. Es ist die Geburtsstunde der Nachhaltigkeit.

          Die Weisheit eines Oberförsters

          Von Carlowitz formulierte, es „wird derhalben die größte Kunst, Wissenschaft, Fleiß und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen, wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen, daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weil es eine unentberliche Sache ist, ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag“. Daraus leitet sich bis heute ein simples forstwirtschaftliches Credo ab: Es darf nicht mehr Holz gefällt werden als jeweils nachwachsen kann. Damit war ein Prinzip definiert, das allerdings erst der im mittelhessischen Gladenbach geborene Forstmann Georg Ludwig Hartig praxisnah für den forstlichen Alltag aufbereitete.

          Hartig studierte in Gießen, wirkte als Oberförster in Hungen und wurde 1797 in Dillenburg zum Landesforstmeister ernannt. Er führte die damals schon bekannten Regeln zur Pflege des Waldes zusammen und formulierte in seinen Anweisungen zur „Holzzucht“ für Förster und zur „Taxation“ der Forsten, was Nachhaltigkeit im Alltag bedeutet. Seine Veröffentlichungen von 1804 prägten die deutsche Forstwirtschaft maßgeblich: „Es läßt sich keine dauerhafte Forstwirtschaft denken und erwarten, wenn die Holzabgabe aus den Wäldern nicht auf Nachhaltigkeit berechnet ist. Jede weise Forstdirection muss daher die Waldungen des Staates ohne Zeitverlust taxieren lassen und sie zwar so hoch als möglich, doch so zu benutzen suchen, daß die Nachkommenschaft wenigstens ebensoviel Vorteil daraus ziehen kann, als sich die jetzt lebende Generation zueignet.“

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