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Umsonstladen in Friedberg : Geld spielt keine Rolle

  • -Aktualisiert am

Weitergeben statt wegwerfen: Klaus Edzards gehört zu den Gründern des Umsonstladens in Friedberg. Bild: Junker, Patrick

Der Umsonstladen in Friedberg legt viel Wert darauf, nicht nur für Flüchtlinge und Bedürftige da zu sein. Es geht um Solidarität und darum, zum Nachdenken über den eigenen Konsum anzuregen.

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          Die Schranke versperrt den Eingang zu einer anderen Welt. Mindestens 60 Menschen sammeln sich an diesem Samstagmorgen davor. Eigentlich blockiert die Schranke nur die Zufahrt zu einem Parkplatz hinter dem Alten Rathaus in Friedberg, Fußgänger könnten mühelos daran vorbeigehen. Doch niemand passiert die Schranke. Eltern mit Kindern sind zu sehen, junge Männer und ältere Damen, viele haben leere Kartons und Tüten dabei. Alle warten.

          Im Keller des Alten Rathauses an der Bismarckstraße liegt der „Umsonstladen Friedberg“. Vom Parkplatz aus geht es knapp zehn Meter ins Treppenhaus. Von dort aus führt eine kleine Treppe hinunter, an der Kellertür muss sich sogar bücken, wer 1,75 Meter groß ist. Im kaum 60 Quadratmeter großen Raum dahinter reihen sich Regale aneinander, sie sind beladen mit den unterschiedlichsten Dingen: Geschirr, Handtücher, Bücher, Lampen. Auf dem Boden stehen ein paar Fernseher, in einer Ecke des Raums lehnen Skier und Schlitten an der Wand. Im CD-Regal liegt Schuberts Winterreise direkt unter einem Album von Tokio Hotel.

          Zum Nachdenken anregen

          Alles im Umsonstladen ist kostenlos, jeder kann sich an den Waren bedienen. Das Angebot setzt sich aus Spenden zusammen, es reicht von Kleiderbügeln bis hin zu Druckern. „Bei manchen in der Stadt herrscht die Meinung, wir seien nur für die Flüchtlinge da. Das stimmt aber nicht. Jeder kann etwas spenden, jeder etwas nehmen“, sagt Klaus Edzards vom Team des kleinen Geschäfts. Für das Konzept sei wichtig, dass niemand selbst spenden müsse, um etwas mitnehmen zu können.

          Um Punkt 10 Uhr tritt Edzards - breite Schultern, grauer Vollbart, 1,90 Meter - nach draußen. „Sie kennen das Spiel: Alle hinter der Schranke zurückbleiben und an der Wand aufstellen!“, ruft er mit tiefer und bedächtiger Stimme. Edzards hält Papierkarten hoch, er nennt sie Wartemarken. Es sind die Eintrittskarten zur Welt hinter der Schranke.

          Seit fast zwei Jahren betreiben er und seine Mitstreiter das Geschäft ohne Geld. Träger des Umsonstladens ist das Internationale Zentrum Friedberg, ein politischer Verein, der sich für kulturelle Vielfalt und Flüchtlinge einsetzt. Edzards engagiert sich dort im Vorstand. Als er vom Konzept des Ladens erfuhr, ließ ihn das nicht mehr los. „Am Anfang stand die Frage: Was können wir tun, um konsumkritisches Denken zu fördern?“, erzählt er. Der Umsonstladen solle nicht nur ein Ort für Bedürftige sein, sondern vor allem zum Nachdenken anregen.

          „Fünf-Teile-Regel“

          „Viele Spender kommen zu uns, weil sie sicherstellen wollen, dass ihre gebrauchten Dinge sinnvoll weiterverwendet werden“, sagt Edzards. „Und wenn wir merken, dass Leute hier doch nur ihren Müll loswerden wollen, machen wir ihnen klar, wofür wir stehen: für kritischen Konsum und Solidarität.“ Trotzdem gibt es in dem Lädchen kein Tabu für bestimmte Marken, zum Beispiel solche, die sinnbildlich für Konsum stehen. Ein iPhone nähme das Team bedenkenlos an, denn auch für solche Dinge gibt es eine Nachfrage.

          Die Menschen vor der Schranke strecken Edzards die Hände entgegen, drängen sich an ihn heran. Mehrmals fordert er sie zur Ruhe auf, bis seine Stimme ungeduldig über die Straße schallt: „Zurückbleiben bitte!“ Als alle Wartemarken verteilt sind, löst sich das Chaos auf. Diejenigen, die Marken mit den Nummern eins bis sieben gezogen haben, dürfen die Schranke zuerst passieren. Mehr Leute wären zu viel für den Kellerraum im Alten Rathaus. Manche, die weiter warten müssen, zünden sich eine Zigarette an. Oder sie gehen weg und kommen später wieder. Sie kennen das Spiel.

          „Viele Leute, die samstags herkommen, sind bedürftig, meist Flüchtlinge und Hartz-IV-Empfänger“, sagt Edzards. „Auch ihnen versuchen wir die Idee, die hinter dem Umsonstladen steckt, näherzubringen.“ Ein Aspekt der Idee ist die „Fünf-Teile-Regel“. Jeder Besucher darf höchstens fünf Stücke mit nach Hause nehmen. „Gerade am Anfang gab es damit Probleme, die Leute haben eingesackt wie die Weltmeister“, sagt Edzards.

          Miete muss bezahlbar sein

          Es sei mitunter schwierig, Solidarität einzufordern, unter anderem wegen mangelnder Deutschkenntnisse. „Manche wollen es aber auch einfach nicht verstehen.“ Helfer und Kunden bewegen sich vorsichtig durch den Raum, die Reise durch die andere Welt wird zu einem Hindernislauf. Als eine Tasse auf dem Boden zerschellt, sagt ein Mann: „O nein, die war doch so teuer.“

          Seit längerer Zeit ist das Team auf der Suche nach größeren Räumen. Doch das ist schwierig, die Miete muss bezahlbar sein. Für den Keller im Alten Rathaus werden 300 Euro im Monat fällig, finanziert durch Spenden. Edzards sagt: „Wir haben einige Paten, die uns jeden Monat Geld überweisen. Damit kommen wir gerade so über die Runden.“

          Kaffeemaschine „nicht mitnehmen“

          Ohne Paten und ehrenamtliche Helfer könnte der Umsonstladen nicht existieren. Einer der Helfer ist Fahd Aljasmin. Der Syrer kam vor einem Jahr als Flüchtling nach Deutschland und fand im Laden eine Anlaufstelle. Seitdem ist er fast immer da, wenn der Keller geöffnet hat. Vor allem wenn Sprachprobleme auftreten, ist er gefragt. Als ein anderer Flüchtling Edzards erzählen will, dass er nun einen Praktikumsplatz hat, springt Aljasmin als Übersetzer ein. Er profitiert aber auch selbst. „Mit Klaus Deutsch zu lernen macht viel Spaß“, sagt er. Edzards nickt. „Wenn wir oben an der Schranke stehen, frage ich oft ein paar Vokabeln ab.“ Außer Aljasmin sind ein weiterer Syrer und ein Mann aus Eritrea dem Laden treu geblieben.

          Insgesamt helfen 20 Ehrenamtliche mit, jeden Mittwoch und Samstag sind die Kellerfenster erleuchtet. Draußen beugen sich Passanten hinunter, um einen Blick in das Gewölbe zu werfen. „Auch wenn es nicht so aussieht: Wir haben hier ein System“, sagt Heide Fuchs, eine der Helferinnen, und lacht. „Darauf legen wir großen Wert.“ Großen Wert scheinen die Helfer auch auf ihre Kaffeemaschine zu legen, sie ist mit rotem Filzstift beschriftet: „Eigentum Umsonstladen! Nicht mitnehmen!“

          „Schön, dass es Sie gibt!“

          Mittwochs ist Annahmetag. Von 16 bis 18 Uhr gehen die Sachspenden ein, die am Samstag von 10 bis 13 Uhr wieder ausgegeben werden. Der Kreislauf funktioniert. Am Annahmetag gibt es selten Gedränge. Durchschnittlich kämen etwa 20 Spender vorbei, schätzt Fuchs. Ihre Kollegin Erika Scheller-Wagner prüft die neue Ware. Sie hält eine Tischdecke mit gelben Flecken hoch. „So etwas können wir nicht weitergeben. Wir wollen den Leuten mit Respekt begegnen und ihnen keinen Müll geben.“

          Eine Frau, die zum ersten Mal da ist, bringt Geschirr, Handtücher und Bettzeug vorbei. „Zu Hause würden die Sachen nur im Keller rumstehen, hier werden sie noch gebraucht“, sagt sie. Zum Abschied ruft sie: „Schön, dass es Sie gibt!“ Edzards freut sich: „Genau deswegen mache ich das.“ Dann berichtet er von einer Dame, deren Haushalt aufgelöst wurde, weil sie in ein Altersheim ziehen musste. „Sie hat bitterlich geweint, weil sie dachte, dass all ihre Sachen weggeschmissen werden. Doch als ich ihr erzählt habe, dass sie im Umsonstladen noch gebraucht werden, hat sich ihre Laune schlagartig gebessert.“

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