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Umsonstladen in Friedberg : Geld spielt keine Rolle

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„Viele Leute, die samstags herkommen, sind bedürftig, meist Flüchtlinge und Hartz-IV-Empfänger“, sagt Edzards. „Auch ihnen versuchen wir die Idee, die hinter dem Umsonstladen steckt, näherzubringen.“ Ein Aspekt der Idee ist die „Fünf-Teile-Regel“. Jeder Besucher darf höchstens fünf Stücke mit nach Hause nehmen. „Gerade am Anfang gab es damit Probleme, die Leute haben eingesackt wie die Weltmeister“, sagt Edzards.

Miete muss bezahlbar sein

Es sei mitunter schwierig, Solidarität einzufordern, unter anderem wegen mangelnder Deutschkenntnisse. „Manche wollen es aber auch einfach nicht verstehen.“ Helfer und Kunden bewegen sich vorsichtig durch den Raum, die Reise durch die andere Welt wird zu einem Hindernislauf. Als eine Tasse auf dem Boden zerschellt, sagt ein Mann: „O nein, die war doch so teuer.“

Seit längerer Zeit ist das Team auf der Suche nach größeren Räumen. Doch das ist schwierig, die Miete muss bezahlbar sein. Für den Keller im Alten Rathaus werden 300 Euro im Monat fällig, finanziert durch Spenden. Edzards sagt: „Wir haben einige Paten, die uns jeden Monat Geld überweisen. Damit kommen wir gerade so über die Runden.“

Kaffeemaschine „nicht mitnehmen“

Ohne Paten und ehrenamtliche Helfer könnte der Umsonstladen nicht existieren. Einer der Helfer ist Fahd Aljasmin. Der Syrer kam vor einem Jahr als Flüchtling nach Deutschland und fand im Laden eine Anlaufstelle. Seitdem ist er fast immer da, wenn der Keller geöffnet hat. Vor allem wenn Sprachprobleme auftreten, ist er gefragt. Als ein anderer Flüchtling Edzards erzählen will, dass er nun einen Praktikumsplatz hat, springt Aljasmin als Übersetzer ein. Er profitiert aber auch selbst. „Mit Klaus Deutsch zu lernen macht viel Spaß“, sagt er. Edzards nickt. „Wenn wir oben an der Schranke stehen, frage ich oft ein paar Vokabeln ab.“ Außer Aljasmin sind ein weiterer Syrer und ein Mann aus Eritrea dem Laden treu geblieben.

Insgesamt helfen 20 Ehrenamtliche mit, jeden Mittwoch und Samstag sind die Kellerfenster erleuchtet. Draußen beugen sich Passanten hinunter, um einen Blick in das Gewölbe zu werfen. „Auch wenn es nicht so aussieht: Wir haben hier ein System“, sagt Heide Fuchs, eine der Helferinnen, und lacht. „Darauf legen wir großen Wert.“ Großen Wert scheinen die Helfer auch auf ihre Kaffeemaschine zu legen, sie ist mit rotem Filzstift beschriftet: „Eigentum Umsonstladen! Nicht mitnehmen!“

„Schön, dass es Sie gibt!“

Mittwochs ist Annahmetag. Von 16 bis 18 Uhr gehen die Sachspenden ein, die am Samstag von 10 bis 13 Uhr wieder ausgegeben werden. Der Kreislauf funktioniert. Am Annahmetag gibt es selten Gedränge. Durchschnittlich kämen etwa 20 Spender vorbei, schätzt Fuchs. Ihre Kollegin Erika Scheller-Wagner prüft die neue Ware. Sie hält eine Tischdecke mit gelben Flecken hoch. „So etwas können wir nicht weitergeben. Wir wollen den Leuten mit Respekt begegnen und ihnen keinen Müll geben.“

Eine Frau, die zum ersten Mal da ist, bringt Geschirr, Handtücher und Bettzeug vorbei. „Zu Hause würden die Sachen nur im Keller rumstehen, hier werden sie noch gebraucht“, sagt sie. Zum Abschied ruft sie: „Schön, dass es Sie gibt!“ Edzards freut sich: „Genau deswegen mache ich das.“ Dann berichtet er von einer Dame, deren Haushalt aufgelöst wurde, weil sie in ein Altersheim ziehen musste. „Sie hat bitterlich geweint, weil sie dachte, dass all ihre Sachen weggeschmissen werden. Doch als ich ihr erzählt habe, dass sie im Umsonstladen noch gebraucht werden, hat sich ihre Laune schlagartig gebessert.“

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