https://www.faz.net/-gzg-8dno2

S&K-Betrugsprozess : „Ich habe selbst als Betrogener gehandelt“

  • -Aktualisiert am

Da war der Gerichtssaal noch leer: das Frankfurter Landgericht zum Prozessauftakt vor ungefähr fünf Monaten Bild: dpa

Im Prozess um den S&K-Anlagebetrug hat einer der Angeklagten zum ersten Mal ausgesagt. Seine Erklärung glich eher einer Verteidigungsrede, wie man sie aus amerikanischen Strafprozessen kennt.

          3 Min.

          Fünf Monate wird schon vor dem Landgericht gegen die sechs Männer verhandelt, die Tausende Anleger um mindestens 240 Millionen Euro gebracht haben sollen. Nach Wochen der Verlesung von Anklage, Anträgen und Beschlüssen, hat der erste Angeklagte etwas zu den Vorwürfen gesagt. Und wie: Hauke B. hob zu einer Verteidigungsrede an, wie man sie eigentlich eher aus amerikanischen Strafprozessen kennt. In diesem Verfahren, davon soll später noch die Rede sein, ist aber sowieso alles verschoben.

          B., ein 49 Jahre alter Unternehmer aus Hamburg, hat für die Frankfurter S&K-Gruppe geschlossene Immobilienfonds aufgelegt, soviel ist unumstritten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, B. habe zur Betrügerbande um die S&K-Gründer Stephan Schäfer und Jonas gehört. Demnach habe auch er nie geplant, mit den Fonds Gewinne zu erzielen, geschweige denn, Renditen auszuzahlen. Vielmehr haben, so steht es in der mehr als 3000 Seiten langen Anklage, alle Beteiligten nur in die eigene Tasche gewirtschaftet. Verschleiert worden sei das über fingierte Darlehen und immer neue Briefkastenfirmen.

          Anklage sei falsch - soweit es B. betreffe

          „Es gab keine gemeinsame Sache mit den Frankfurtern“, sagte dagegen Hauke B. Ihm gehörte die Hamburger United Investors Emissionshaus GmbH, die vor ihrer Insolvenz neben den S&K-Fonds diverse Beteiligungen zur Finanzierung von Computerspielen aufgelegt hatte. B. ist nach seinen Worten in Hamburg immer davon ausgegangen, dass die S&K-Fonds Gewinne erzielen sollten. Er sei „betroffen und beschämt“ über den mutmaßlichen Betrug, „erschüttert und fassungslos“ über das „Fiasko“. Sollte stimmen, was die Staatsanwaltschaft S&K vorhält, dann wäre er selbst getäuscht worden. „Meine Entscheidungen und mein Handeln waren die eines Betrogenen“, sagte B.

          Soweit sie aber ihn betreffe, das machte B. deutlich, sei die Anklage falsch. Stück für Stück versuchte er sie mit Zeugenaussagen, mit Verweisen auf Stellen in den 1100 Ordner umfassenden Akten zu entkräften. Zum Beispiel die Sache mit den fingierten Darlehen, die sich die S&K-Firmen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft untereinander gegeben haben, um unbemerkt Geld aus den Fonds zu ziehen und für sich zu behalten. B. hat sich seinen Worten zufolge jedoch ohne das Wissen der S&K-Gründer Köller und Schäfer aus deren Fonds ein Darlehen von 1,6 Millionen Euro genehmigt – und nicht etwa, um ein aufwändiges Leben zu finanzieren. Stattdessen habe er seine schwächelnden Computerspielefonds retten wollen. Das Darlehen sei regulär gewesen, und er habe es zurückzahlen wollen. „Das hatte mit dem Bedürfnis zu tun, Gelder meiner Anleger zu retten“, sagte B. Ihm war anzuhören, wie unbedingt er seine Kaufmannsehre wieder herstellen wollte, die seiner Ansicht nach durch schlampige Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu Unrecht besudelt worden ist. Dass er von den 1,6 Millionen Euro nach und nach Geld in ein Computerspiel gesteckt habe, das ließe sich beispielsweise ganz einfach anhand von Überweisungen nachvollziehen. Die letzte davon habe er noch am Tag seiner Verhaftung vor inzwischen ziemlich genau drei Jahren angewiesen.

          Staatsanwaltschaft legt sich mit Gericht an

          Vor B. hatte Thomas G. ausgesagt, Mit-Geschäftsführer bei United Investors. G. äußerte sich nicht zu den Vorwürfen, entschuldigte sich aber bei den geschädigten Anleger. „Mir ist mit Verlesung der Anklage klar geworden, wie eng ich in die S&K-Geschäfte verstrickt gewesen sein muss“, sagte er. Das tue ihm leid, unabhängig davon, wie sein Verhalten juristisch zu bewerten sei.

          Die Aussage von G. wirkte fast normal gegen den kämpferischen Vortrag von B., der noch nicht zu Ende war, und erst recht wirkte sie normal, in einem Verfahren, in dem alles verschoben scheint. So hatte sich die Staatsanwaltschaft noch ein regelrechtes Gefecht mit dem Gericht geliefert. Die Anklagebehörde rügte die ihrer Ansicht nach allzu seltene Anwesenheit mancher der jeweils drei Pflichtverteidiger für jeden Angeklagten. Sie bezog sich dabei auf einen Beschluss des Oberlandesgerichts Stuttgart. Das hatte ebenfalls in einem Wirtschaftsstrafverfahren die Abberufung eines, wie es in dem Beschluss heißt, bei einem „erheblichen Teil der Hauptverhandlung“ fehlenden Pflichtverteidigers bestätigt.

          Der Anwalt verteidigt auch im S&K-Verfahren und hat sich schon häufig mit der Staatsanwaltschaft gefetzt. Da wirkte es beinah wie eine Revanche, dass die Staatsanwaltschaft tat, was üblicherweise Verteidiger tun: Über knapp zwei Stunden beantragten die Ankläger immer wieder und immer wieder neu, das Gericht möge ein Auge haben auf die Fehlzeiten der Anwälte. Selbst der bislang eher stoische Vorsitzende Richter wurde irgendwann ungehalten. Er sieht keinen Handlungsbedarf und hielt die Debatte offenbar für nicht nötig. „Wir haben in diesem Verfahren ja auch noch einiges vor“, sagte er.

          Weitere Themen

          Protest vor VW-Prozess

          Ohne Ex-Chef Winterkorn : Protest vor VW-Prozess

          Die Staatsanwälte wehren sich mit einer Beschwerde gegen die Abtrennung des Verfahrens gegen den früheren VW-Vorstandschef Martin Winterkorn. Der Prozess geht nun erstmal ohne ihn los.

          Bierflaschen auftreten Video-Seite öffnen

          Livehack : Bierflaschen auftreten

          Es gibt viele Möglichkeiten, Bierflaschen aufzumachen. Mit dem Feuerzeug, am Bierkasten oder auch mit dem zwölfer Schraubschlüssel aus der Werkzeugkiste. Es geht aber auch spektakulärer, wie F.A.Z.-Redakteurin Marie Lisa Kehler zeigt.

          Topmeldungen

          Der Betrieb hält sich in Grenzen: ein Blick ins fast leere Impfzentrum Sachsen (Dresden)

          Geringe Quoten im Osten : Impfen? Nicht mit mir!

          In Ostdeutschland sind die Corona-Impfquoten auffallend niedrig. Was ist der Grund dafür? Ein Soziologe sieht den Widerstand gegen die Spritze als Teil der grundlegenden Protesthaltung gegenüber der Regierung.
           Um dem sogenannten Ebergeruch vorzubeugen, werden männliche Ferkel  kastriert – bis Ende 2020 durfte die qualvolle Prozedur ohne Betäubung durchgeführt werden.

          Landwirtschaft : Wir brauchen eine Fleischwende

          Wir reden davon, den Klimawandel zu bekämpfen, schweigen uns aber über Nutztierhaltung und Fleischproduktion aus. Dabei gehört beides zusammen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.