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Im Porträt: Ulrich Dausien : Der Schotte aus Hanau

Schon früh kämpfte er mit dem Bären und hat später das Unternehmen „Jack Wolfskin“ gegründet: Ulrich Dausien. Bild: Eilmes, Wolfgang

Ulrich Dausien hat einst die Firma Jack Wolfskin gegründet. Heute ist er dort Kunde und hat ein ehrgeiziges Ziel.

          5 Min.

          Die Narbe über der linken Augenbraue ist der Beweis. Zeugnis davon, dass Ulrich Dausien seinerzeit beim Angeln mit Freunden in der kanadischen Wildnis tatsächlich mit einem Bären aneinandergeriet. Das Tier verpasste dem damals Vierundzwanzigjährigen einen Hieb mit der Pranke auf die Stirn. Die Wunde muss versorgt werden. Ein Indianer fährt den Verletzten mit seinem Truck in das nächstgelegene Krankenhaus. Als der Verletzte zurück ist, sitzt er mit den Freunden am Lagerfeuer, sie überlegen. Zu diesem Zeitpunkt besitzt Dausien unter seinem Pfadfinderspitznamen „Sine“ bereits eine Franchisekette mit 13 Geschäften. Sie verkaufen wetterfeste Kleidung, Rucksäcke und Schlafsäcke. Jetzt sucht Dausien eine Eigenmarke. Nach dem Tatzenhieb kommt der Runde das Wort Bearskin in den Sinn, Bärenhaut, und später das Wort Wolfskin, Wolfshaut, noch mit dem Namen Jack voran, in Anlehnung an den Schriftsteller und Abenteurer Jack London. Das ist die Geschichte der Marke Jack Wolfskin, deren Logo später eine Tatze wird.

          Petra Kirchhoff
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Hieb des Bären ist nur eine Episode von vielen, die sich für eine Dokumentation über Ulrich Dausien gut in Szene setzen ließen. Es wäre ein Film über einen Menschen, der schon vieles in seinem Leben war: Flohmarktverkäufer, Hausbesetzer, Aussteiger. In erster Linie aber würde der Film einen fröhlichen Freigeist zeigen, der mit Leib und Seele Unternehmer ist. Von Hanau aus lenkt Dausien heute die YeahAG mit bundesweit 23 Mc-Trek-Filialen, in denen günstige Freizeitbekleidung und -ausrüstung angeboten werden.

          „Mein Vater war politisch engagiert“

          Schon als Student in Frankfurt verdient der Sohn aus gutbürgerlichem Hause - der Vater gründete nach dem Krieg einen Buchverlag in Hanau, die Mutter war Buchhändlerin - auf Flohmärkten sein erstes Geld. Er lebt in einem besetzten Haus und studiert Betriebswirtschaft. Die Verlagswelt sei für ihn nie in Frage gekommen, sagt er. „Mein Vater war politisch engagiert. Ich wäre immer der kleine Dausien geblieben.“

          Ein Schwarzweißfoto zeigt den Junior („Ich bin der mit den vielen Haaren“) am Eisernen Steg in Frankfurt beim Verkaufen von Antifa-Tüchern. Ein Polster von 10.000 Mark schafft er sich damit. Das Geld kann er schon bald gebrauchen. Als Aushilfe bei der Jagdsport-Messe in Nürnberg lernt Dausien 1977 einen Taiwanesen kennen, der Rucksäcke und Schlafsäcke ausstellt. Die sind zwar noch recht klobig, aber schon um Klassen besser als die „hundsmiserable Ausstattung“, an die sich Dausien aus seinen Pfadfinderzeiten erinnert. Der Student bestellt 1.000 Rucksäcke, bezahlt mit seinem Ersparten. Und hat den richtigen Riecher. Die Ware wird ihm regelrecht aus den Händen gerissen. Nicht von ungefähr. Einen Markt für Freizeitausrüstung gibt es noch nicht. Wandern hat in den Siebzigern ein angestaubtes Image, und atmungsaktiv ist man allenfalls in der Kommune.

          „Andere haben marxistische Lieder gesungen“

          Softshell und Mikrofaser kommen später. Dausien, den man in der Branche auch das Outdoor-Urgestein nennt, arbeitet kräftig mit an der Entwicklung. „Andere haben marxistische Lieder gesungen“, sagt er, Dausien bastelte seinen ersten Werbeflyer: „Achtung Urlauber!“ Die Zettel hängt er in Copyshops auf - ein kluger Schachzug. In nur wenigen Wochen verdient der Student 50.000 Mark mit dem Verkauf von Rucksäcken und Schlafsäcken, Zelten und wetterfesten Jacken.

          1979 eröffnet Dausien sein erstes Geschäft in Frankfurt Bockenheim, gerade einmal 21 Quadratmeter groß; in der Nachbarschaft betreibt Daniel Cohn-Bendit mit Freunden die Karl-Marx-Buchhandlung. Das Studium hat Dausien inzwischen an den Nagel gehängt und arbeitet, ganz Selfmademan, an der Verfeinerung von Materialien und Konzept. Aus den Bildbänden seines Vaters schneidet er Dinosaurier aus und klebt sie für Musterproben auf Papier.

          „Die Leute waren verrückt nach der Tatze“

          Heute lacht der bald Fünfundfünfzigjährige, dessen Figur deutlich mehr von einem Genussmenschen hat als von einem durchtrainierten Freizeitsportler, über sein handgestricktes damaliges Vorgehen. Doch es hat funktioniert. Die erste Jack-Wolfskin-Doppeljacke, die Dausien entwarf, wurde „eine Sensation“, denn: Die Innenhaut ließ sich per Reißverschluss heraustrennen. Das war neu.

          Danach geht es rasant aufwärts mit der Marke. „Die Leute waren verrückt nach der Tatze“, sagt Dausien. 1988 gründet er die Jack Wolfskin GmbH und entlässt seine Sine-Franchisepartner in die Freiheit. Nur das Sine-Geschäft in der Frankfurter Innenstadt behält er. Und hat bald ein Problem.

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